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StartseiteSport AktuellLauftrainer nach Missbrauchsvorwürfen entlassen10.02.2020

KanadaLauftrainer nach Missbrauchsvorwürfen entlassen

Dave Scott-Thomas ist eine prägende Figur in Kanadas Leichtathletik, der Trainer bildete zahlreiche Talente aus. Nun gibt es Vorwürfe gegen ihn - er soll junge Athletinnen missbraucht haben.

Von Peter Mücke

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Der kanadische Leichtathletik-Trainer Dave Scott-Thomas (imago sportfotodienst)
Der kanadische Leichtathletik-Trainer Dave Scott-Thomas im Jahr 2014. (imago sportfotodienst)
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Dave Scott-Thomas galt als der Leichtathletik-Guru Kanadas. Im Laufe seiner Karriere trainierte er 16 kanadische Nationalteams, darunter die Olympiamannschaft 2016 in Rio und die kanadischen Läufer bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2015 und 2017. Er verdiente viel Geld mit seinem kommerziellen Lauf-Club "Speed River" und war der Superstar der University of Guelph, einer Provinz-Hochschule in Ontario, die während seiner Amtszeit zum Mekka für Lauftalente in ganz Kanada wurde.

Jetzt ist der einstige Superstar suspendiert. Der kanadische Leichtathletik-Verband distanziert sich vom Erfolgstrainer. Und die Universitätsleitung muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen.

Sexuelle Beziehung mit 16-Jährigen

Ins Rollen gebracht hat den Skandal die heute 35 Jahre alte einstige Spitzenläuferin Megan Brown. Sie war 16 Jahre alt, als sie Scott-Thomas buchstäblich in die Arme lief. Traumatisiert vom plötzlichen Tod der Mutter hatte sie erst ein knappes Jahr zuvor mit dem Laufen begonnen. Ein Ausnahmetalent im Geländelauf, wie der ehrgeizige Trainer gleich entdeckte. Er holte die junge Frau an die Universität, an der er versuchte, ein schlagkräftiges Lauf-Team aufzubauen. Er förderte und forderte das Mädchen. Und begann eine sexuelle Beziehung mit dem labilen Teenager.

Der Beginn eines Martyriums für die junge Frau. Nach ihren Schilderungen zwang sie der Trainer in die intime Beziehung, setzte sie unter Druck. Hatte Sex mit ihr im Kinderzimmer seiner eigenen Tochter. Megan begann sich selbst zu verletzten, wies sich schließlich selbst in die Psychiatrie ein, wo sie ihr Trainer besuchte, um mit ihr zu schlafen. Nach ihrer Entlassung versuchte sie sich umzubringen. Selbst nachdem sie Universität, Trainer und Team gewechselt hatte, entkam sie Scott-Thomas nicht. Denn bei Wettkämpfen und in Auswahlteams war er als Trainer immer dabei.

Universitätsleitung und Verband wussten wohl Bescheid

Spätestens seit 2006 wusste die Universitätsleitung von all dem. Schon zuvor hatte es immer wieder Gerüchte gegeben. Aber 2006 wandte sich der Vater von Megan an die Verantwortlichen in Guelph. Nicht, um eine Entschädigung zu bekommen, sondern um anderen jungen Frauen das Schicksal seiner Tochter zu ersparen, sagt er. Doch die Sache verlief im Sand. Zu wichtig war der Erfolgstrainer offenbar für die Provinz-Universität, die dank des erfolgreichen Lauf-Teams jahrelang mit Sponsorengeldern überschüttet wurde. Auch der kanadische Leichtathletik-Verband kehrte die Sache damals unter den Teppich.

Bis zum Herbst vergangenen Jahres, als ehemalige Studentinnen neue Vorwürfe gegen Scott-Thomas erhoben. Unter anderem hatte sich eine frühere Teamkameradin gemeldet, die die Geschichte von Megan stützt. Dann ging alles ganz schnell. Die Universität sah den Fall aus dem Jahr 2006 plötzlich in einem ganz anderen Licht, beurlaubte den Star-Trainer zunächst und feuerte ihn schließlich. Der kanadische Leichtathletik-Verband findet die Vorwürfe von damals jetzt "tief verstörend". Und Scott-Thomas Lauf-Club "Speed River" hat bereits Anfang Januar den Betrieb eingestellt.

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