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StartseiteInformationen am MorgenNicht "refugee", sondern "citizen to be"27.09.2014

Kanada Nicht "refugee", sondern "citizen to be"

Sie kommen aus Russland, den arabischen Staaten oder Südamerika. Allein Toronto wächst jedes Jahr um circa 10.000 Einwohner, die meisten sind zugewandert. "Kanada ist ein Land, in dem es selbstverständlich ist, dass man von draußen dazu kommt", brachte es Bundespräsident Joachim Gauck dann auch während seines Besuchs auf den Punkt.

Von Thielko Grieß

Luftaufnahme von Toronto (picture alliance / zb / Thomas Uhlemann)
Jedes Jahr etwa 10.000 Einwohner mehr in Toronto - die meisten stammen aus dem Ausland (picture alliance / zb / Thomas Uhlemann)
Weiterführende Information

Ceta - Gaucks vorsichtige Worte in Kanada
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 26.09.2014)

Gauck in Kanada - Freundschaft stärken, Wirtschaft fördern
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 24.09.2014)

Elida trägt ein Haarnetz und eine weiße Schürze, auf einem Backblech sortiert sie einige Empanadas, gefüllte Teigtaschen, die gleich in den Ofen sollen. Lateinamerikanische Backwaren, könnte man den Schriftzug auf dem Schaufenster übersetzen. Hier ist alles handgemacht.

Elida ist vor 40 Jahren eingewandert. Die kleine Bäckerei liegt mitten im Einwandererviertel Torontos, im Kensington Market. Ganz früher hieß es: das Judenviertel, dann das Chinesenviertel. Und heute – sind mehr als einhundert Nationalitäten hier zu Hause mit weit mehr Sprachen.

"Hier leben Juden, Russen, Araber, Libanesen, die Dame da hinten ist Ukrainerin, glaube ich... und dann noch Mexikaner, Argentinien und einige aus Uruguay. "

Woher auch sie stammt. Toronto wächst jedes Jahr um Zehntausende Einwohner, von denen die meisten aus dem Ausland stammen.

Durch zwei, drei Straßen drängt sich der Tross des Bundespräsidenten. Er lässt sich den Kensington Market zeigen. In Sichtweite der Wolkenkratzer haben sich hier zweistöckige Backsteinbauten erhalten, es ist ein wenig chaotisch in den engen Straßen, die Straßencafés haben Stühle rausgestellt, an Klamottenläden und großen Grafitti herrscht kein Mangel, daneben kleine Handwerksbetriebe und reizvolle Restaurants, wie die Italienerin, die mit einem Jamaikaner verheiratet ist und in ihrem Restaurant "Rasta Pasta" das beste beider Welten serviert.

"Kanada ist ein Land, in dem es selbstverständlich ist, dass man von draußen dazu kommt, in dem es nicht diese Trennung gibt zwischen Original-Kanadiern und denen, die neu dazu gekommen sind."

Formuliert es Joachim Gauck. Die kanadische Freude an Zuwanderung, die auch seine ist, könnte manch einen in Deutschland überfordern – weshalb er wohl auch dies ergänzt:

"Nun muss ich auch einen gewissen Respekt an den Tag legen, denn die Zahlen, die wir in Deutschland aufgenommen haben, sind erheblich. Dieses Land hat in absoluten Zahlen nach den Vereinigten Staaten die meisten aufgenommen."

Bundespräsident Joachim Gauck spricht im Canadian War Museum in Ottawa in Kanada.  (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Fünf Tage besuchte Gauck Kanada. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

"Wir hoffen, dass sie bleiben"

Wer kommt, wird nicht refugee oder foreigner genannt, also Flüchtling oder Ausländer, sondern Citizen to be – künftiger Staatsbürger, berichtet Phil Sinclair, der ein Community Center leitet - eine Einrichtung, die sich im öffentlichen Auftrag um Einwanderer kümmert - jedes Alters, jeder Herkunft.

"Wir hoffen, dass sie bleiben. Auch deshalb ist es ziemlich leicht, die kanadische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Damit die Einwanderer den Rest ihres Lebens bleiben und hier ihre Familie gründen.

Er verschweigt die Herausforderungen nicht, dass es auch ganz andere Vororte gibt, in denen Migranten unter sich bleiben, die wenig Chance auf ein Leben ohne Armut haben. Aber: Der Staat investiere viel, um jeden einzelnen zu erreichen, mit Sprachkursen, Gründungshilfen – oder Familienbetreuung. Darüber herrsche in der Politik Konsens.

Nur eines, sagt Elida, die Bäckerin über dem Empanadas-Blech, möge sie nicht in Kanada.

Der harte und lange Winter. Die Kinder der Bäckerin aus Uruguay machen im Winter längst das, was alle machen: Schlittschuhlaufen und Eishockey spielen.

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