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StartseiteEine WeltKanonenfutter für den Dschihad06.10.2007

Kanonenfutter für den Dschihad

Bittere Armut treibt junge Pakistaner in die Arme von Islamisten

Ein wachsender islamistischer Extremismus macht Pakistan zur Brutstätte weltweiten Terrors. Eine oft übersehene Ursache dieses Extremismus verkörpern die krassen sozialen Gegensätze, wo Millionen Menschen ausgeschlossen von jeder politischen wie wirtschaftlichen Teilhabe in Armut und Knechtschaft dahin vegetieren. Ihre einzige Hoffnung setzen sie in Allah, dessen Gnade sie sich mit bedingungslosem Engagement für den Islam erkämpfen müssen. Aus Pakistan berichtet Thomas Kruchem.

Demonstranten protestieren in Peschawar gegen die Wiederwahl von Pakistans Präsident Musharraf. (AP)
Demonstranten protestieren in Peschawar gegen die Wiederwahl von Pakistans Präsident Musharraf. (AP)

"Ich schlage mit der Hacke Lehm aus dem Boden", sagt der elfjährige Osman. "Ich mische ihn mit Wasser und ziehe ihn auf einen Haufen. Mein Bruder formt dann die Ziegel." Gern würde er zur Schule gehen, sagt der ausgezehrt wirkende Junge; aber dann würden seine Schwestern verhungern.

Kod Ringid Singh, ein Dorf im Punjab; die Ziegelei des Herrn Omar Moutta. Lehmgruben, einige Tiefbrunnen, Brennöfen unter der Erde, ein 30 Meter hoher Schornstein. 50 Familien arbeiten hier - unter ihnen Sharif Masi, seine Frau, Sohn Osman und drei weitere Kinder. Für tausend gebrannte Ziegel zahlt der Eigentümer 300 Rupien, knapp vier Euro - sagt der apathisch und gelbsüchtig wirkende Sharif.

"Wenn wir zu sechst arbeiten, meine Frau, ich und die vier Kinder, haben wir im Monat 5.000 Rupien, 60 Euro. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Speiseöl kostet hier mittlerweile hundert Rupien pro Liter, Reis 50 Rupien pro Kilo. Wenn meine Tochter heiratet, werde ich mich wohl wieder verschulden müssen - mit 50- oder 60.000 Rupien. Die muss ich dann abarbeiten. Schon jetzt darf ich ja, weil ich Schulden habe beim Eigentümer der Ziegelei, das Grundstück nicht verlassen. Versuche ich zu fliehen, schickt er Suchmannschaften und die Polizei hinter mir her."

Schuldknechtschaft - verboten auch in Pakistan, sagt Ali Maysah, Mitarbeiter der katholischen Caritas in Lahore. Die Caritas ermutigt - unterstützt vom deutschen Hilfswerk "Misereor" - die Arbeiter, zumindest einige ihrer Rechte einzufordern; das Recht auf einigermaßen sichere Brennöfen zum Beispiel.

"Die Behörden achten offiziell schon auf die Einhaltung der Vorschriften, was aber nichts nützt. Wenn sie nämlich kommen und Herrn Moutta wegen dieser oder jener Mängel auffordern, die Ziegelei zu schließen, zahlt er einfach ein Schmiergeld und macht weiter, als sei nichts geschehen. Und natürlich versteckt er, wenn Inspektoren kommen, auch die hier arbeitenden Kinder. Sobald die Luft rein ist jedoch, arbeiten die weiter."

Die Arbeiter leben in Verschläge aus zerbrochenen Ziegeln entlang einer langen Mauer. Schmutziges Trinkwasser, kein Strom. Sharif Masis Frau Saima hat hier neun Kinder geboren; fünf sind tot; die überlebenden haben noch nie einen Arzt gesehen; die nächste Schule ist 20 Kilometer entfernt. - Caritas-Mann Maysah und sein Kollege Salim Razar wollen den Ziegeleiarbeitern von Kod Ringid Singh zumindest dazu verhelfen, dass sie als Bürger Pakistans existieren. Keiner hier hat einen Ausweis, kein Kind eine Geburtsurkunde.

"Landesweit arbeiten etwa zehn Millionen Menschen in solchen Betrieben. Sie wandern von einer Ziegelei zur nächsten, oft 30, 35 Jahre lang, ohne je bei irgendeiner Behörde registriert zu werden. Beantragen sie dann irgendwo einen Ausweis, sagt der Beamte "Du bist nicht registriert hier, wie kann ich dir da einen Ausweis geben?" In der Folge wird auch die Geburt der Kinder nicht registriert. Sie existieren einfach nicht für die Behörden."

Menschen ohne Wahlrecht; ohne das Recht, sich legal irgendwo anzusiedeln. 60 Millionen Menschen in Pakistan - einem Land, das die Atombombe besitzt - leben unter der Armutsgrenze. Millionen in Schuldknechtschaft lebende Arbeiter und Landpächter; Millionen Roma, die hier "Gypsies" genannt werden. Sie alle in der Regel ausgegrenzt und diskriminiert in einer Gesellschaft, die bis heute vom hinduistischen Kastendenken geprägt ist. - In kaum einem Land werden die Armen so systematisch arm gehalten wie in Pakistan, erklärt Asad Bangali, einer der führenden Sozialwissenschaftler Pakistans: Das Wirtschaftswachstum gehe an den Armen vorbei, da vor allem Banken und hoch qualifizierte Dienstleistungen wachsen; 80 Prozent der Steuern seien indirekte Steuern, so dass die Ärmsten einen höheren Einkommensanteil a den Staat abführen als die Reichsten; der Staat versperre den Ärmsten überdies jede Aufstiegschance, indem er ins Militär 60 Prozent und in die Bildung gerade ein Prozent seines Budgets investiere. Das Erziehungs- wie das Gesundheitswesen Pakistans sind weitgehend privatisiert und damit für die Ärmsten kaum mehr zugänglich. Armen Kindern, die Bildung wollen, bleibt - so Bangali - nur die Madrassa.

"Die Madrassas hier verkörpern heute quasi den Sozialstaat im Staate Pakistan. Bitterarme Familien, die ihre Kinder weder ernähren noch kleiden können, schicken die Kinder dorthin. Madrassas verlangen keine Gebühren; die Kinder leben dort wie im Internat, bekommen zu essen, Kleidung und Unterricht. Später bekommen sie sogar einen Job - als Imam an einer Moschee zum Beispiel. Und wenn da keine Stelle frei ist, errichten sie einfach irgendwo eine neue Moschee, woran sie niemand hindern kann. Ja, die Madrassas Pakistans entwickeln sich zusehends zum Sozialstaat für die Ärmsten unseres Landes, die allerdings ihrerseits von den Mullahs für den Jihad benutzt werden."

Für den "Heiligen Krieg" gegen die Feinde des Islam. - Immer mehr Kinder und Jugendliche verbittern früh im Gefängnis ihrer Armut; lassen sich einreden, etwas leisten zu können nur im Dienste Allahs - sagt in Peshawar Tehseen Ullah, Leiter einer Bürgerinitiative, die jihad-kritische Lehrpläne für Madrassas entwickelt. Indoktriniert von militanten Mullahs, so genannten Maulanas, gingen Madrassa-Absolventen zu Tausenden als Taliban nach Afghanistan oder würden in Trainingscamps zu Selbstmordattentätern konditioniert. Immer neue Kampfgruppen, berichtet Ullah, schießen in Nordpakistan aus dem Boden, großzügig finanziert von reichen Pakistanern, die oft ihre eigenen Angestellten bis aufs Blut ausbeuten. Ein Beispiel: Die "Bewegung für die Durchsetzung islamischen Rechts" des jungen Maulana Fazlullah.

"Maulana Fazlullah führt eine Gruppe von Jihadisten in Sawat im Norden Pakistans. Schon sein Schwiegervater unterstützte mit 10.000 pakistanischen Kämpfern die Taliban gegen Amerika. Dieser Jihadist verfügt schon jetzt über gewaltige Mengen Geld. Er baut zurzeit mit Tausenden Freiwilligen eine riesige Madrassa und hat erst gestern wieder per Radio dazu aufgerufen, Väter mögen ihm ihre Söhne schicken für den Jihad."

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