Dienstag, 27.07.2021
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteKommentare und Themen der WocheEin ungleicher Wettstreit22.05.2021

Kanzlerkandidaten im Wahlkampf Ein ungleicher Wettstreit

Weil Angela Merkel nicht mehr für die CDU antrete, gebe es neue Machtoptionen, kommentiert Anja Maier vom "Weserkurier". Der erste Fernseh-Schlagabtausch zwischen Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) habe gezeigt, was für ein Wahlkampfsommer bevorstehe.

Von Anja Maier, Parlamentskorrespondentin des "Weserkuriers"

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
FOTOMONTAGE: Die Kanzlerkandidaten zur Bundestagswahl 2021: v.li:Armin Laschet (CDU), Annalena Baerbock, (Bündnis 90/die Gruenen), Olaf Scholz (SPD). (dpa / Sven Simon)
2021 trauen sich gleich drei Politiker und Politikerinnen zu, das KanzlerInnenamt zu übernehmen (dpa / Sven Simon)
Mehr zum Thema

Bundestagswahl 2021 Mit diesem Programm zieht die SPD in den Wahlkampf

Bundestagswahl 2021 FDP beschließt Wahlprogramm und formuliert Regierungsanspruch

Richtungsstreit in der AfD Zwei Spitzenteams für die Bundestagswahl

Bundestagswahl Spitzenduo zeigt Spannweite der Linken

Kanzlerkandidat der SPD Dafür steht Olaf Scholz

Bundestagswahlkampf Was im Wahlprogramm der Grünen steht

"Sie kennen mich." Mit diesem Zwergsatz hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor acht Jahren das Fernsehduell gegen ihren SPD-Herausforderer Peer Steinbrück gewonnen. Seinerzeit brauchte es nicht viel, um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger erneut in Stimmen für die Union umzuwandeln. Dem Land ging es vergleichsweise gut, die Eurokrise war – anders als etwa in Italien oder Griechenland - lediglich im parlamentarischen Raum spürbar. "Sie kennen mich" – das reichte am Ende für 41,5 Prozent.

In diesem Wahljahr ist alles anders. Nicht nur, weil mit Angela Merkels politischem Rückzug viel Raum für neue Machtoptionen eröffnet wird. Sondern auch, weil sich 2021 gleich drei Politiker und Politikerinnen zutrauen, das KanzlerInnenamt zu übernehmen. Das bringt ungewohnte Koalitionsoptionen und neue Formate der Auseinandersetzung mit sich.

SPD nur noch auf Kreisliganiveau

Am Donnerstag der zurückliegenden Woche konnte man Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz bei ihrem ersten Fernseh-Schlagabtausch zuschauen. Dass das einstündige Format Triell – statt Duell – genannt wurde, macht anschaulich, auf was für einen Wahlkampfsommer sich das Land einzustellen hat. Die Zeiten sind endgültig vorbei, in denen man die eine oder die andere alte Volkspartei wählen konnte, auf dass diese sich einen passenden Koalitionspartner suchen möge. Volksparteien, zumindest gemessen an ihren Zustimmungswerten, sind mittlerweile Union und Grüne. Die Ökopartei liegt mit 25 Prozent in den aktuellen Umfragen sogar einen peinlichen Prozentpunkt vor CDU und CSU.

Die SPD hingegen rangiert mit nur noch 14 Prozent knapp vor FDP und AfD. Gemessen an der historischen Bedeutung der sozialdemokratischen Partei für das ganze Land ist das Kreisliganiveau.

SPD vermittelt eine Gleichförmigkeit

Beim Triell des Westdeutschen Rundfunks war das Ungleichgewicht der Konkurrentinnen und Konkurrenten denn auch augenfällig. Während Annalena Baerbock offensiv drauflos argumentierte und Armin Laschet gut vorbereitet und mitunter onkelhaft dagegenhielt, saß Olaf Scholz phasenweise nahezu teilnahmslos dabei. Möglicherweise grübelte er darüber nach, was verdammt seine SPD besser machen müsste, um in diesem Dreierrennen nicht als zu vernachlässigender Außenseiter zu gelten.

Denn klar ist: Bleibt es bei dieser Union-gegen-Grüne-Aufholjagd, werden viele Wählerinnen und Wähler sich gar nicht mehr fragen, warum sie den Sozialdemokraten ihre Stimme geben sollten. Mit ihrem Kandidaten Olaf Scholz vermittelt die SPD eine Gleichförmigkeit, die angenehm scheint, aber doch irgendwie auch vernachlässigbar. Die Kernthemen aus dem Wahlprogramm – Mieterschutz, Mindestlohn, Vermögensteuer – mögen aufrichtig gemeint sein. Aber dafür könnte man auch genauso gut die Grünen wählen, wo Klimapolitik gleich mitgeliefert würde.

Laschet und Scholz: Merkel 2.0

Erschwert wird die Lage dadurch, dass Laschet und Scholz ein habituell vergleichbares Angebot machen. Es lautet: Angela Merkel mag gehen – aber mit mir im Kanzleramt habt ihr keine dramatischen Veränderungen zu erwarten. "Sie kennen mich" reloaded. Beide – der Ministerpräsident und der Vizekanzler – verkaufen sich von Anfang an als eine Art Merkel 2.0.

Das versetzt die Grünen-Chefin in die komfortable Lage, einen politischen und gesellschaftlichen Neustart zu verkörpern. Ihre Mitbewerber redet Annalena Baerbock regelrecht an die Wand. Statt Bedenkenträgerschaft vermittelt sie den Eindruck, mit ihr im Kanzleramt würde das Land etwas wagen. Nach mehr als einem Jahr unter pandemischen Bedingungen wissen wirklich alle, wo es hakt. Ob in der Bildung, in der Familien- und Sozialpolitik, im Gesundheitswesen, der Verwaltung oder beim Ausbau der digitalen Infrastruktur – das Land muss sich neu ordnen.

Überraschung am Wahltag möglich

Diese Strategie der Grünen ist durchaus gewagt. Zum einen, weil zwar jedem klar ist, was zu tun wäre. Aber die Bereitschaft ist eben auch arg begrenzt, tatsächlich den Zug statt des Fliegers zu nehmen oder die Ölheizung durch eine Wärmepumpe zu ersetzen. Hinzu kommt das alte Trauma der Grünen, dass sie sich regelmäßig sensationelle Umfragewerte erarbeiten. Dass die Bürgerinnen und Bürger am Wahltag dann letztlich aber doch lieber bei den gewohnten Parteien ihr Kreuz machen.

Tritt dieser Fall zum x-ten Mal ein, werden die Wählerinnen und Wähler am 27. September in einem Land aufwachen, in dem die gestauchte, aber letztlich siegreiche Union die Grünen an ihre Brust zu ziehen versucht, weil von jetzt an eine Große Koalition aus CDU, CSU und Bündnisgrünen besteht.

Oder dass Baerbock als Kanzlerin in spe bei SPD und FDP anklopft. Was allerdings eine solche Ampelkoalition Gutes für dieses durchgeschüttelte Land und seine Menschen erreichen würde, konnte bislang noch niemand erklären. Vielleicht wäre es eine gute Idee, recht bald ein Quatrell mit Christian Lindner abzuhalten. Falls es dieses Wort überhaupt gibt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk