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StartseiteKommentare und Themen der WocheBaerbock wird verschulzt - doch die Wahl ist noch nicht entschieden12.06.2021

Kanzlerkandidatin der GrünenBaerbock wird verschulzt - doch die Wahl ist noch nicht entschieden

Es war ein dämlicher Fehler von Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, ihren Lebenslauf aufzumotzen, kommentiert der frühere taz-Chefredakteur Georg Löwisch im Dlf. Baerbocks Situation habe sich dadurch verschlechtert, doch beim Vergleich mit Ex-SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz werde viel übersehen.

Ein Kommentar von Georg Löwisch

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Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, nimmt an der Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei teil.  (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
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Das ging aber schnell. In Sachsen-Anhalt, ein Bundesland, das sonst weder die große Politik noch viele Medien besonders interessiert, hat ein geschickter Ministerpräsident der CDU die Landtagswahl gewonnen. Und schon ist Armin Laschet praktisch Bundeskanzler.

Jener Armin Laschet, der in den Augen vieler noch vor Kurzem nicht mal zum Kanzlerkandidaten der Union taugte. Weil er nie im Leben Kanzler werden würde. Schätzten damals ziemlich viele Leute im Journalismus und in der Politik, in Berlin und noch mehr in München. Aber jetzt wird der CDU-Chef als starker Mann bestaunt. Und Laschet lächelt. Er ist wahrhaftig auferstanden.

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, gibt ein Interview vor der Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei. Auf dem Parteitag wird das Wahlprogramm für die Bundestagswahl verabschiedet. (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld) (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)Grüne - Annalena Baerbock ist Kanzlerkandidatin
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Immer wieder wird versucht, ein Pferd aus dem Rennen zu nehmen

In den USA gibt es einen einprägsamen Begriff für eine bestimmte Art der Wahlkampfberichterstattung. Er heißt: Horse Race Journalism. Der Begriff meint, dass Medien auf den Wahlkampf schauen, als wäre es ein Pferderennen. Wer liegt vorn? Wer holt auf? Wer zieht an wem vorbei?

Gegen Horse Race Journalism wird traditionell der Vorwurf erhoben, er vernachlässige die Inhalte, die Sachthemen. Aber damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Nach den Chancen zu fragen, gehört dazu. Nichts ist so politisch wie die Machtfrage. Es hilft der Demokratie, wenn Spannung aufkommt, wenn alle mitfiebern, wenn sie gebannt aufs Rennen schauen.

Doch in Deutschland findet gerade etwas Anderes statt. Es wird immer wieder versucht, ein Pferd aus dem Rennen zu nehmen. Und wer nicht läuft, kann nicht gewinnen.

Schon kurz vor der Sachsen-Anhalt-Wahl verkündete zum Beispiel der Journalist Gabor Steingart, der Kampf der Grünen ums Kanzleramt sei bloß ein Märchen. Zitat: "Hier die fünf Gründe warum es in diesem Jahr keinen Machtkampf um das Bundeskanzleramt geben wird".

Der Baerbock-Zug: entgleist

Als dann am Sachsen-Anhalt-Sonntag das mickrige Ergebnis der Grünen vermeldet war, äußerten sich die CDU-Politiker Ralf Brinkhaus und Friedrich Merz. Ihr Ziel war Annalena Baerbock. Die CDU-Politiker benutzten einen Vergleich: Sie erinnerten an den früheren SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Als seine Kampagne Anfang 2017 Umfragen-Erfolge brachte, nannte man das den "Schulz-Zug". Als die SPD die Landtagswahlen im Saarland, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein verlor, hieß es, der Zug sei gestoppt. Diese Geschichte übertragen die CDU-Politiker nun auf Baerbock: Der Baerbock-Zug: entgleist.

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Dass Schulz 2017 gegen eine Kanzlerin antrat, wird geflissentlich übersehen. Dass es damals in den westdeutschen Bundesländern nicht darum ging, eine AfD auf Platz eins zu verhindern wie jetzt in Sachsen-Anhalt, spielt keine Rolle. Dass Schulz kein Megathema hatte wie die Grünen das Klima, ist auch egal. Baerbock wird verschulzt.

Tatsächlich ist es ein selten dämlicher Fehler der Grünen, den eigenen Lebenslauf dermaßen aufzumotzen. Das berührt ihre Glaubwürdigkeit, das Bild einer Neuen, die eigentlich nicht so trickst wie andere. Baerbocks Situation hat sich verschlechtert. Die Journalistin Bettina Gaus hat das auf Spiegel.de klug analysiert. Aber dabei blieb es nicht. Der erste Satz des Spiegel-Textes: "Die nächste deutsche Bundeskanzlerin wird nicht Annalena Baerbock heißen." Überschrift: "Das war’s".

Könnte, dürfte, würde – die Möglichkeitsform ist aus der Mode gekommen. Zum Teufel mit dem Konjunktiv!

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Noch 15 Wochen bis zur Bundestagswahl 

Eine Entscheidung vorhersehen zu wollen, ist verführerisch. Ich kenne das von mir. Dabei geht der Versuch, in die Köpfe von Millionen Wählerinnen und Wählern zu schauen, weltweit dauernd schief. Es ist auch anmaßend. Wie damals, als Hillary Clinton vorzeitig zur Siegerin gegen Donald Trump gekürt wurde. Medien tut so etwas gar nicht gut, weil es sie dem Verdacht aussetzt, die Wahl beeinflussen zu wollen. Der Zweifel ist eine Tugend.

Die Bundestagswahl soll am 26. September stattfinden. Bis dahin sind es noch 15 Wochen oder dreieinhalb Monate, mehr als ein Vierteljahr. Wie wird es im Herbst mit Corona? Kommt ein Wirtschaftsaufschwung? Haben wir im Sommer einen Hitzerekod? Welcher Partei werden Fehler nachgewiesen? Wer begeistert?

Die Wählerinnen und Wähler werden sich das alles anschauen. Wirklich erst dann entscheiden sie, wer gewinnt.

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