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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Machtkampf, der keiner ist18.01.2021

Kanzlerkandidatur in der UnionEin Machtkampf, der keiner ist

Die Entscheidung über den Kanzlerkandidaten von CDU/CSU ist mit der Wahl Armin Laschets zum CDU-Vorsitzenden gefallen, meint Stephan Detjen. Markus Söder und Laschet werden dennoch weiter einen Machtkampf vorgaukeln - aus wahltaktischen Gründen.

Ein Kommentar von Stephan Detjen

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Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (links) sitzt neben seinem bayerischen Amtskollegen Markus Söder  (picture alliance / Flashpic / Jens Krick)
Söder und Laschet (l.) sind wie zwei Wrestler, die einen Kampf nur inszenieren, kommentiert Stephan Detjen (picture alliance / Flashpic / Jens Krick)
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Was jetzt gerne als Fortsetzung eines Machtkampfs beschrieben wird, ist vor allem eine unterhaltsame Inszenierung. Der Spannungsbogen soll verlängert werden. Den Medien wird ein süffiger Stoff geliefert. Die Unionsparteien halten sich damit im Gespräch und lenken kostbare Aufmerksamkeit auf ihr Spitzenpersonal. Die Grünen machen vor, wie das gewinnbringend geht. Man muss dazu nicht einmal wie Baerbock und Habeck auf dem digitalen Grünen-Parteitag im November in einer kuscheligen Ikea-Wohnlandschaft gute Laune zwischen angeblichen Konkurrenten verbreiten.

Die CDU hat sich am Wochenende in einer unterkühlt grauen Messehalle wohl gefühlt. Und da sich die Delegierten nicht für den unberechenbaren Polit-Desperado Merz, sondern für den abgebrühten Profi Laschet entschieden haben, dürfte es der Union in den nächsten Wochen auch gelingen, die Beantwortung der K-Frage als perfekt kontrolliertes Spektakel auf die Bühne zu bringen - bei dem die Hauptprotagonisten wie zwei Wrestler einen Machtkampf vorgaukeln, der keiner ist.

Bayerische Ministerpräsidenten und ihre Rolle 

Dass Markus Söder bis zuletzt so tun wird, alles wolle er ernsthaft zuschlagen, aber nie wirklich trifft, gehört zur Rolle, die bayerische Ministerpräsidenten in der bundespolitischen Arena spielen müssen. Wer es einmal in die Fußstapfen Franz-Josef Strauß' geschafft hat, dem darf kein Schuh zu groß, kein Amt zu hoch sein. Wenn in Washington am Mittwoch noch etwas schiefgeht, müssen CSU-Wähler sich darauf verlassen können, dass der Bayerische Ministerpräsident jederzeit auch den Job im Weißen Haus erledigen könnte. Und falls im Vatikan mal Not am Mann ist, muss ein CSU-Vorsitzender aushelfen können, selbst wenn er – wie Markus Söder – Protestant ist. Eine Kanzlerkandidatur in Deutschland ist da eine eher überschaubare Aufgabe.

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Das Geheimnis der Bayerischen Universalverfügbarkeit liegt darin, dass es nie zum Schwur kommen darf. Als Edmund Stoiber 2002 um ein Haar Kanzler geworden wäre, empfingen die Bayern den geschlagenen Heimkehrer wie einen Superhelden und bescherten ihm ein Jahr später mit über 60 Prozent ein triumphales Landtagswahlergebnis.

Gegner von Laschet sind nicht in Sicht

CSU-Chefs funktionieren, wenn sie in Berlin den starken Maxe geben und als Anwälte der bayerischen Partikularinteressen maximalen Erfolg für Bayern und die CSU herausschlagen. Markus Söder weiß das genau. Wenn er als Kanzlerkandidat beider Unionsparteien an der Nordsee, in ostdeutschen Braunkohlerevieren und im Saarland Wahlkampf machen müsste, hätte er das politische Geschäftsmodell seiner Partei verkauft.

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Wer in Deutschland Bundeskanzler werden und bleiben will, muss das mit beinernem Willen verfolgen. Wer sich fragt, ob die Aufgabe wirklich die richtige für ihn ist, hat schon verloren. Armin Laschet hat am Wochenende keinen Zweifel daran gelassen, dass er jetzt mehr will. Ein Bündnis seiner Gegner wie der unionsinterne Andenpakt, der sich Merkel 2002 in den Weg stellte, ist nicht in Sicht. Es müsste sich schon ein böser Betriebsunfall ereignen, um Laschet die Kanzlerkandidatur zu nehmen und Söder in eine Rolle zu zwingen, von der er nie erkennen ließ, ob er sie wirklich will.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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