Donnerstag, 21.11.2019
 
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Kapitel 3 Schwedt

In Schwedt an der Oder erinnert Vieles an die ehemalige DDR. Wenn man sich dem Stadtzentrum nähert, dann sieht man genormte Plattenbauten und große Straßenzüge. Aber wenn man diese Stadt darauf reduzieren würde, dann täte man ihr Unrecht. Ich stehe in der Vierradener Straße und man sieht, diese Stadt hat eine lange Geschichte.

Von Benjamin Hammer

Strassenszene in Schwedt (picture alliance/dpa/bernd settnik)
Die Innenstadt Schwedts (picture alliance/dpa/bernd settnik)

Benjamin Hammer: In Schwedt an der Oder, da erinnert vieles an die ehemalige DDR. Wenn man sich dem Stadtzentrum nähert, dann sieht man genormte Plattenbauten und große Straßenzüge. Aber wenn man diese Stadt darauf reduzieren würde, dann täte man ihr Unrecht. Ich stehe in der Vierradener Straße und man sieht, diese Stadt hat eine lange Geschichte. Eine schöne große evangelische Kirche aus rotem Backstein, einen Brunnen und eine alte Einkaufszeile mit Altbauten ist hier, und ich möchte jetzt die Bürger von Schwedt mal fragen, was sie von dem ehemaligen NVA-Gefängnis noch wissen und was sie damit verbinden.

Umfrage unter Bürgern in Schwedt:

"Da sind eben so Leute hingekommen, auch welche, die zu Unrecht da hingekommen sind irgendwie. Die mussten dann irgendwie ihre Strafe absitzen und die haben da auch nichts zu lachen gehabt. Die mussten morgens bei Zeiten raus irgendwie."

"Und da haben wir auch nie was von zu wissen bekommen. Ne, gar nicht. Hätte ich auch gar nicht sehen wollen."

"Was willst Du mit den Soldaten machen? Wohin damit? Irgendwie muss er bestraft werden."

Hammer: Würden Sie auch sagen, da muss jetzt nicht unbedingt ein Museum oder so was hin?

"Abreißen, fertig, aus, Schluss. Mehr nicht. Gewesen ist gewesen."

Hammer: Jetzt ist es ja noch immer so, dass viele Bürger der ehemaligen DDR, vor allen Dingen Männer, die in der NVA waren, Schwedt mit dem NVA-Gefängnis gleichsetzen. "Dann kommst Du nach Schwedt!" – Damit war nicht die Stadt gemeint, sondern in erster Linie das Gefängnis. Stört Sie diese Verallgemeinerung?

"Die ist wie so ein schwarzer Fleck. Hoffentlich haben wir den abgearbeitet."

"Man hat Schwedt schon so mit manchem gleichgesetzt, und meistens war es immer horrender Blödsinn. Auch schon, dass hier alles abgerissen wird und wie trist das hier ist. Sollen sie sich doch mal in der Stadt umsehen. Was Schöneres gibt es ja beinahe gar nicht."

Hammer: Schwedt wird unterschätzt – das denken viele Bewohner hier. Dabei hat das Negativ-Image der Stadt hat viel mit ihrer Geschichte zu tun. Kurz vor der Wende – zum Beispiel - lebten noch 50.000 Menschen in Schwedt. Heute sind es nur noch 30.000. Wer ein Gefühl für die Geschichte der Stadt bekommen will, der sollte sich an die Lindenallee stellen.

Einst führte die Magistrale zum Schloss eines Kurfürsten. Im zweiten Weltkrieg wurde es zerstört, in der DDR-Zeit abgerissen. Heute führt hier eine vierspurige Straße zum Theater der Stadt.

Wer von der Lindenallee in Richtung Nordwesten schaut, der entdeckt den Flammenturm des Petrolchemischen Kombinates. Da ist sie wieder – die Vergangenheit von Schwedt. Direkt neben dem PCK lag das Militärgefängnis der NVA.

Anke Grodon wurde in Schwedt geboren und leitet die Städtischen Museen der Stadt. Sie kennt die Furcht ihrer Mitbürger: Dass das NVA-Gefängnis dem Ansehen ihrer Stadt schaden. 

Anke Grodon, Leiterin der Städtischen Museen: Es ist ja einfach aus Sicht der Schwedter ein unglücklicher Zustand, oder unglücklicher Gegenstand gewesen, dass man es hierher gebaut hat. Das ist einfach so. Ich bin der Meinung, dass man damit leben muss und den Schritt nach vorne wagen sollte. Einfach: Wir haben das, wir stehen dazu und wir gehen damit ganz offen um. Denn dann ist es, denke ich, keine Schwierigkeit mehr zu sagen, okay, wir haben das, aber wir haben auch Kultur und wir haben Geschichte.

Hammer: Sie haben gesagt, so richtig glücklich darüber, dass die Schwedter mit den NVA-Einrichtungen assoziiert wurden, war hier niemand. Jetzt sind ungefähr 80 Prozent des Lagers verschwunden, abgerissen. Es gibt Solar-Paneele, es gibt ein Gewerbegebiet. Hängt das zusammen?

Grodon: Das weiß ich nicht. Das muss ich sagen, das weiß ich überhaupt nicht. Ich weiß nur, dass es relativ schnell ging, dass dieses eine Gebäude, was noch stand, was in den 1988er-Jahren gebaut wurde und dann für die Militär-Strafgefangenen sozusagen als weiterer Bau errichtet worden ist, dass das sehr, sehr schnell abgerissen wurde und wir alle davon keine Kenntnis hatten. Aber es ist eben ein Gewerbegebiet. Es ist privat veräußert worden und solche privaten Veräußerungen gehen eben nicht unbedingt über den Tisch einer Stadtverwaltung. Wenn, dann vielleicht über die Baubehörde. Aber ob die dann sozusagen die Notwendigkeit sieht, einen Geschichtsort wie ein Museum zu informieren, ist noch eine ja, weiß man nicht. Es ist einfach dumm gelaufen. Ich finde zum Beispiel auch, dass es vielleicht schwierig ist, aus heutiger Sicht mit Schwedtern auch das zu diskutieren, mit den älteren Schwedtern, mit der Aufbau-Generation. Die sind neugierig, wollen sich das anschauen, aber denken eben immer, damit beschmutzen wir das Image dieser Stadt, was aber nicht der Fall ist.

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