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StartseiteWochenendjournal spezialAusgerechnet Stasiakten helfen Historikern29.09.2014

Kapitel 6 Ausgerechnet Stasiakten helfen Historikern

Die Suche nach weiteren Informationen zum NVA-Gefängnis führt nach Berlin. Als vor ein paar Jahren Historiker begannen, nach Spuren des Lagers zu suchen, wurde ihnen schnell klar: Viel ist nicht mehr da. Viele Akten und Aufzeichnungen der NVA über den Alltag des Gefängnisses sind verschollen, vielleicht wurden sie mutwillig vernichtet.

Von Benjamin Hammer

Aktenschränke in einem Gebäude des früheren Archivs der DDR-Staatssicherheit, aufgenommen am 13.07.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)
Aktenschränke in einem Gebäude des früheren Archivs der DDR-Staatssicherheit. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Akten der Stasi den Forschern aushelfen. Die akribischen Aufzeichnungen und Spitzeleien der Staatssicherheit sind noch erhalten. In mühevoller Kleinarbeit können so die Ereignisse und Strukturen des NVA-Knasts rekonstruiert werden.

Szenenwechsel ...

Ein Overhead-Projektor wie in der Schule, Halogen-Licht – es sieht ein wenig aus wie ein Klassenraum. Wir sind in der Stasi-Unterlagenbehörde des Bundes, in einem ganz bestimmten Saal, und das ist auch der Grund, warum wir ein bisschen leiser sprechen müssen. Wir sind nämlich im Lesesaal der Stasi-Unterlagenbehörde. Das ist der Raum, wo Bespitzelte Einsicht nehmen können in ihre Akten. Das ist auch gerade ein paar Meter von uns der Fall, deswegen reden wir ein bisschen leiser. Und viele können sich den Raum beziehungsweise die fiktive filmische Vision eines solchen Raumes vielleicht vorstellen, wenn sie an den Film "Das Leben der anderen" denken, als der Charakter Georg Dreyman, Schriftsteller in der DDR, nach der Wende Einsicht nimmt in seine Akten und bemerkt, wie viel über ihn recherchiert und gespitzelt wurde.

Ich habe mich getroffen mit Arno Polzin. Er arbeitet und recherchiert in der Abteilung Bildung und Forschung der Stasi-Unterlagenbehörde. Was hat die Stasi in Schwedt gemacht beziehungsweise im Gefängnis in Schwedt?

Arno Polzin, Stasi-Unterlagenbehörde: Formal war die Staatssicherheit für den Dienstbetrieb von Schwedt nicht zuständig. Die Staatssicherheit war trotzdem involviert, weil sie sich ja immer für alle Abweichungen von der Norm, von Recht und Ordnung interessiert hat, und sie hat versucht, sich offiziell beziehungsweise inoffiziell in den Strukturen zu verankern.

Hammer: Können Sie ein Beispiel geben für einen Vorfall, wie es wahrscheinlich genannt wurde, der in einer Akte gelandet ist?

Polzin: Na ja, nehmen wir mal an, ein Insasse, ein Militärstrafgefangener, er darf im reglementierten Maße Postverbindung halten zu Angehörigen, aber halt im reglementierten Maß. Die Anzahl der Briefe ist vorgeschrieben, es gibt Inhalte, die nicht berichtet werden dürfen, die Länge der Briefe ist vorgeschrieben, die Briefe sind offen abzugeben. Natürlich hätten diejenigen auch gerne anderes erzählt. Insofern war ständig die Suche nach sogenannten illegalen Briefschleusungsmöglichkeiten.

Hammer: Offen abgegeben heißt, die wurden komplett gelesen?

Polzin: Die wurden komplett gelesen in beiden Richtungen. Briefe an die Insassen wurden vorher Kontrolle gelesen und Briefe raus wurden auch gegengelesen.

Auszug aus der Akte des inoffiziellen Mitarbeiters "Johannes" über einen Militärstrafgefangenen. 2. November 1979.

"Bericht: Bei der Postkontrolle wurde ein Brief des Militärstrafgefangenen, der an seine Mutter gerichtet war, aufgrund des Inhalts beanstandet. Der Brief hatte auszugsweise folgendes zum Inhalt:

"Diese Institution hier, hat mit ihren Erziehungsmaßnahmen, die man mir zuteil kommen ließ, großen Anteil daran, dass ich nicht mehr in diesem Land leben möchte. Natürlich werde ich nach meiner hiesigen Entlassung in den Reihen der NVA weiter dienen müssen. Das Wehrdienstgesetz zwingt mich einfach dazu. Es stimmt schon wie Du sagtest, dass ich hier in Schwedt eine gewisse Härte bekommen habe."

Hammer: Sie haben doch einen sehr exklusiven und sehr speziellen Einblick nach Schwedt bekommen. Welches Bild würden Sie von dem Militärgefängnis in Schwedt zeichnen?

Polzin: Schwedt war auf jeden Fall das, als was es in der DDR propagiert wurde, nämlich ein Ort, wo die schärfste Form von Bestrafung stattfand, solange man Armeeangehöriger blieb. Was sich nicht bewahrheitet hat, ist der in der DDR unter der Hand verbreitete Eindruck, dass es dort mörderisch zugehen müsse. Es war zwar sehr wohl dort der bewusste Ansatz von schwerer körperlicher Arbeit verbunden mit militärischer Ausbildung und ideologischer Indoktrination umgesetzt worden, aber solche Arbeiten wie im Steinbruch oder so sind dort nicht vorgekommen und insofern lässt sich das Bild vom Mythos schon etwas entzerren. Andererseits erkennt man aus den Akten auch ganz deutlich, dass die Führung der Armee sehr wohl damit leben konnte, dass eine Gerüchtelage entstand, die diesen Mythos von Schwedt mit aufgebaut hat.

Monatsbericht, 18. April 1975, Kontrollakte "Profi", Registrierungsnummer B-350/74

"Der Verdächtigte wird wegen Verdacht auf ungesetzliches Verlassen der DDR in Verbindung mit Fahnenflucht nach erfolgter Strafverbüßung operativ bearbeitet. Seine gesamte Verhaltensweise und das vorliegende Ermittlungsergebnis erhärten den Verdacht, dass er nach erfolgter Strafverbüßung erneut straffällig wird."

Hammer: Ich lese relativ viel von Alkoholdelikten, und das findet sich sicherlich auch in Ihren Akten wieder. Warum wurde in der NVA so viel getrunken?

Polzin: Erste Antwort, weil es verboten war. Zweite Antwort, weil viele vielleicht hofften, dass sich das Elend so besser ertragen lässt. Und die Dritten mögen es vielleicht wirklich mehr als Sport gesehen haben. Da gibt es unterschiedliche Ansätze. Der Druck als solcher, der Kasernendruck, der die jungen Leute ja in einer sehr frühen Phase ihres Erwachsenenseins da überrascht hat, der wird da versucht worden sein zu kompensieren.

Hammer: Viel Arbeit, Disziplin, frühes Aufstehen, eingesperrt sein – wie groß war der psychische und physische Druck, unter dem die jungen Menschen standen?

Polzin: Ich gehe davon aus, dass er sehr groß war, und dass es wiederum Frage der persönlichen Konstitution war, ob oder wie lange oder wie gut man dem standhalten konnte. Die Spannbreite ist sehr groß. Es gibt Einzelfälle von Leuten, die meinten, der Druck in der normalen Kaserne sei größer als der geregeltere Dienstbetrieb in Schwedt. Das dürften aber Einzelfälle sein und von dem anderen Ende kennen wir eben auch Berichte von ehemaligen Insassen, die die Gesamtsituation, unter Umständen erweitert um die Untersuchungshaft und die Verhöre durch die Staatssicherheit, als unerträglich empfanden.

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