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StartseiteKommentare und Themen der WocheNehmt den Menschen nicht den Trost und die Hoffnung02.04.2021

Kar- und Ostertage in der Corona-PandemieNehmt den Menschen nicht den Trost und die Hoffnung

Die Aufregung darüber, dass Kirchengemeinden an Karfreitag und Ostern trotz Pandemie Präsenzgottesdienste feiern, wird mit nachvollziehbaren Argumenten begründet, kommentiert Friederike Sittler. Für viele Menschen sind die Feiern und der gelebte Glaube aber wichtig – gerade auch in der Pandemie.

Ein Kommentar von Friederike Sittler

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Besucher sitzen aufgrund der Corona-Pandemie mit Abstand zueinander in einer Kirche (dpa/Matthias Bein)
In Kirchen sei es momentan sicherer als in manchem Supermarkt oder Baumarkt, meint Friederike Sittler (dpa/Matthias Bein)

Bequem im Sessel, eine Tasse Kaffee dabei, unbeobachtet von den Nachbarn per Knopfdruck bei der eigenen Kirchengemeinde vorbeischauen - via Livestream dem Leben und Sterben Jesu beiwohnen; am Karsamstag in der Osternacht vielleicht auch schon mal einen guten Rotwein statt des Messweins? Und sich endlich ungestört austauschen können, statt verschämt zu flüstern: Guck mal, die hat aber einen schönen Talar. Ach, der hat aber auch schon mal besser gepredigt; und guck mal, die Frau Müller hat sich aber aufgehübscht, um die Lesung vorzutragen. Und zwischendurch mit Oma und Opa telefonieren, die den Livestream nicht zum Laufen bringen - macht ja nix, gibt ja noch die Fernsehgottesdienste.

Spott beiseite: Dass die Kirchen im Lauf der vielen Monate digital ungeheuer dazugelernt haben, selbstverständlich Livestreams anbieten, darüber hinaus viele digitale Erzählweisen ausprobiert haben, ist ein Gewinn. Der Krise trotzen, Menschen wenigstens noch die Chance zum Mitfeiern geben. Letztes Jahr um diese Zeit war für Gläubige eine viel bitterere Zeit. Zugegeben, der menschenverlassene Papst auf dem Petersplatz, das hatte epochale Wucht, hat das Drama in ein sich selbst erklärendes Bild gezeichnet.

Respekt vor allen Gläubigen

Aber wem Glaube heute noch etwas bedeutet, dem wird zumeist etwas fehlen: Das gemeinsame Feiern, das konzentrierte Sein in einem besonderen Raum; der Vollzug von Riten; die Klage des Karfreitags, der Ruf Jesu "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen". Ein Ruf, den viele nach diesen Corona-Monaten teilen: Menschen in existentieller Not, in Trauer um Verstorbene. Und dann der Wandel vom Karsamstag - so viel Zeit für Kar muss sein, liebe Freundinnen und Freunde des sogenannten Ostersamstags, den es christlich gesehen nicht gibt -, vom Karsamstag also in die Osternacht hinein, in die Hoffnung auf Auferstehung, Trost und Zuversicht.

Wer nicht glaubt, wird jetzt vielleicht denken: Was redet sie denn? Unbenommen. Erwartet werden aber darf und muss Respekt gegenüber Gläubigen, egal welcher Religion sie angehören. Übrigens: Wenn die Bundesregierung auf Religionsgemeinschaften zugehen will und quasi niemand bei der Diskussion darüber daran denkt, dass es nicht nur Christinnen und Christen gibt, sondern auch das Freitagsgebet der Muslime und den Sabbat der Juden, dann ist das Ignoranz.

Gottesdienstbesuch ist kein Hobby

Genauso ignorant ist es, wenn eine Userin auf Twitter behauptet: Der Gottesdienstbesuch sei ein Hobby wie andere auch. Wie bitte? Von Hobbys wie Campen, Volleyball spielen oder aufgemotzte Autos zu präsentieren - am verballhornten Carfreitag, sprich das englische Wort für das geliebte Blech - davon steht im Grundgesetz so explizit nichts. Auch nicht davon, an Ostern und in Pandemiezeiten Profifußball zu spielen - von Religionsfreiheit schon. Deshalb kann die Politik um Verzicht bitten, das Recht Gottesdienst zu feiern, lässt sich nicht so einfach kippen. Zumal es in den großen Kirchenräumen in der Regel derzeit garantiert sehr viel sicherer zugeht als in vielen Lebensmittelläden und Baumärkten.

Drum mag nun mancher toben, weil die meisten Gemeinden eben nicht nur auf Livestream, sondern auch auf Präsenz setzen. Da mögen die Beispiele von sehr freien Freikirchen, die sich nicht an die Regeln gehalten haben und Infektionstreiberinnen waren, angeführt werden. Da mag jetzt wieder all das Elend des Versagens von Bischöfen und anderen Hauptamtlichen über den Gemeinden hereinbrechen - gerade die katholische Kirche hat sich viel zu Schulden kommen lassen. Und trotzdem: Nehmt nicht den Menschen den Trost und die Hoffnung, den ihnen der Glaube bieten kann - gerade in dieser Zeit. In sehr leeren Kirchen zu feiern, nicht singen zu dürfen, ist schlimm genug. Aber es bedeutet Menschen dennoch etwas.

Keine Diskussion mehr um die Karfreitagsruhe

Wie übrigens auch die Tatsache, dass der Karfreitag ein stiller Feiertag ist. Mal auszuhalten, dass nicht Party gefeiert wird, nicht umgezogen werden darf, die Autowaschanlagen stillstehen; ein Tag im Jahr an dem über das Leid nicht hinweg gegangen wird. Und so hat das Elend dieser Zeit wenigstens einen Vorteil: Schon zum zweiten Mal war es keine Frage, dass am Karfreitag Tanzverbot herrscht, begann nicht wieder diese alljährliche, freudlose und aggressive Diskussion um des Prinzips willen. Und wenn denn eines Tages wir alle wieder 364 Tage im Jahr unseren Hobbys und Vorlieben uneingeschränkt frönen können, niemand mehr auf die Vorrechte anderer neidisch wird, dann wird so eine kleine Einschränkung am Karfreitag vielleicht endlich kein Problem mehr sein.

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