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StartseiteKommentare und Themen der WocheReue-Simulation mit Tradition05.02.2021

Kardinal Woelki auf dem Synodalen WegReue-Simulation mit Tradition

Kardinal Woelki mache bei der Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt an Kindern im Erzbistum Köln von einer katholischen Kulturtechnik gebrauch: Er simuliere Reue, kommentiert Christiane Florin. Was tatsächlich geschah, wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene Opfer wurden, sei immer noch nicht aufgeklärt.

Ein Kommentar von Christiane Florin

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Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, hält einen Gottesdienst im Dom ab. (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
Die Missbrauchsbetroffenen haben längst keine Geduld mehr, meint Christiane Florin (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
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Zuerst suchte Rainer Maria Woelki den Mikrofonknopf am Computer. Als er den gefunden hatte, trug er der digitalen Synodalversammlung eine Reuesimulation vor. Er sei sich schmerzlich bewusst, sagte er, dass durch die Art, wie Aufarbeitung in seinem Erzbistum betrieben wurde, Vertrauen verloren gegangen sei. Er habe Fehler gemacht.

Was an der Reue zweifeln lässt: In einem Zeitungsinterview hatte der Kölner Erzbischof gestern erklärt, worin er seine Fehlbarkeit sieht: Er habe der falschen Kanzlei vertraut, man habe Journalisten eine Verschwiegenheitserklärung präsentiert und man habe Missbrauchsbetroffenen zu wenig Zeit gegeben.

Ein goldenes Kreuz auf dem Kölner Dom leuchtet am 12.10.2017 in Köln (Nordrhein-Westfalen) in der Sonne.  (dpa / picture alliance / Caroline Seidel) (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)Journalist: Erzbistum Köln ist "mit seiner Kommunikation am Ende" 
Medien haben den Umgang des Erzbistums Köln mit einem bisher unveröffentlichten Gutachten zu Fällen sexualisierter Gewalt kritisiert. Das Erzbistum hatte eine teilweise Einsicht an eine Verschwiegenheitserklärung geknüpft.

Reue-Simulation hat Tradition. Es ist eine gute katholische Kulturtechnik, zuerst etwas von langer Hand zu planen und es dann in einer Blitzbeichte wie ein Malheurchen aussehen zu lassen. Wir sind alle kleine Sünderlein, sang Willy Millowitsch; wer nicht verzeiht, ist kleinlich.

Premiere für Missbrauchsbetroffene 

Kurz bevor Woelki vor der Synodalversammlung sprach, hatten drei Missbrauchsbetroffene das Wort. Zum ersten Mal in diesem Kreis. Diese Stimmen hatten Premiere – und das in einer Reformkonferenz, die wegen des massenhaften sexuellen Missbrauchs notwendig geworden war.

Was tatsächlich geschah, wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene Opfer wurden, ist nicht aufgeklärt. Vertuschung wirkt lange nach.

Die beiden Kölner Kardinäle Woelki (l.) und Meisner (r., 2017 verstorben) auf der Deutschen Bischofskonferenz 2013 (imago stock&people / Michael Gottschalk) (imago stock&people / Michael Gottschalk)Missbrauch im Erzbistum Köln: Der Priester, der Kardinal und die Kinder 
Ein Pfarrer soll sich schwer an Kindern vergangen haben – zum ersten Mal 1986. Sollte der Vorwurf zutreffen, war die Bestrafung milde: Er war weiter als Seelsorger tätig, hielt Vorträge, schrieb Bücher. Eine Recherche im Hoheitsgebiet der Kardinäle Meisner und Woelki.

Dass dies so ist, hat nicht nur mit geweihten Häuptern zu tun. Schon gar nicht allein mit Woelki. Mitverantwortlich sind die Ungeweihten, die Gut-Meinenden, die Fröhlich-Nach-Vorn-Schauenwollenden. Das Thema sexualisierte Gewalt stört den Unterwegssein-Aufbruch-Brückenbau-Singsang, Die Stimmen der Missbrauchten sind Stimmungskiller. Da knackst es im Headset.

Zu hören war aus dem digitalen Synodalkreis ein bisschen Kritisches, reichlich Technokratisches – und ganz viel Dankbarkeit, auch in Richtung Woelki. Das klang nach Achtsamkeitscoaching, nicht nach Aufklärungswillen.

Die Missbrauchsbetroffenen haben längst keine Geduld mehr

Die Missbrauchskrise werde in Köln "nicht gut gemanagt", merkte der Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing an. Der sanfte Sound ist kein Hörfehler. Gemanagt wird die Krise eigentlich ganz gut, in Köln und anderswo. So gut, dass kein Bischof aus freien Stücken sagt, was er getan und unterlassen hat.

Jeder verweist auf Gutachten. Bis das Schlechte in 27 Bistümer durchgegutachtet ist – das dauert. Die Missbrauchsbetroffenen haben längst keine Geduld mehr. Die Digitalsynodalen offenbar schon. Sie könnten ihre Mikrofontaste am Computer nutzen, um Bischöfe zur Rede zu stellen. Erst dann wäre ein Dank fällig.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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