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StartseiteKultur heuteBlick auf das Satirische vom 19. bis 21. Jahrhundert28.12.2015

Karikaturen-AusstellungBlick auf das Satirische vom 19. bis 21. Jahrhundert

Wie sieht man die Mohammed-Karikaturen nach dem Anschlagsversuch auf den Zeichner Kurt Westergaard? Die Frage, ob ein Medium, das für sich selbst keine Grenzen kennt, in der Rückschau doch Grenzen hat, will – unter anderem – eine Schau mit Karikaturen vom 19. bis 21. Jahrhundert im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt beantworten.

Von Barbara Bogen

"Durchs dunkelste Deutschland" führt die Ausstellung den Besucher zuweilen schon. "Durchs dunkelste Deutschland" ist etwa eine Karikatur überschrieben, die im Jahr 1909 entstand. Eine Landschaftsszene in blassen Farben. Kinder an Bäume gefesselt, ihre Körper sind nackt, die Blicke angstvoll, blutige Striemen auf der weißen Haut. Ein unbekleidetes Mädchen, wie ausgehungert, mit den Händen gefesselt an einen Holzpfahl. Zwei Lehrkräfte hingegen betrachten die Situation mit Blicken, die man nicht anders als lustvoll beschreiben kann, in ihren Händen mittelalterliche Schlag- und Folterwerkzeuge.

Die Karikatur wurde veröffentlicht in der Satirezeitschrift "Simplicissimus" und bezog sich auf die sogenannten Fürsorgeanstalten in Preußen und ihre zweifelhaften bis sadistischen Lehr- und Züchtigungsmethoden. Eine pure Geschmacklosigkeit oder ein Blatt mit Aufklärungscharakter? Karikatur als Drahtseilakt. Ziemlich starker Tobak in jedem Fall für das Jahr 1909. Der Schöpfer dieser Karikatur war der deutsch-schwedische Zeichner und Gebrauchsgrafiker Thomas Theodor Heine, den der "Simplicissimus"-Verleger Albert Langen schon im Entstehungsjahr 1896 maßgeblich an der Konzeption des politisch-satirischen Wochenblattes beteiligt hatte.

Von Thomas Theodor Heine stammt auch das berühmte Logo des "Simplicissmus", die rote Bulldogge, die das zeitgenössische Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" heute gern zitiert und als Maskottchen nutzt. Die Ausstellung zeigt denn auch ein Blatt mit dem Titel "C'est reparti", was so viel heißt wie "Wir sind zurück" vom Februar 2015, also einen Monat nach den Anschlägen vom Januar des selben Jahres entstanden.

Marine le Pen, die Vorsitzende der rechtsnationalen Partei Front National verfolgt hier zusammen mit anderen Politikern und einem klerikalen Würdenträger schnaubend einen kleinen flüchtenden Hund, der die Zeitschrift "Charlie Hebdo" im Maul vor der tobenden Meute retten will.

Die aktuelle Ausstellung "Die Drahtseilkünstlerin Germania" im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt präsentiert mit insgesamt 100 Arbeiten also nicht ausschließlich deutsche Blätter. Ziel der Schau aber ist vor allem, Fragestellungen aufzuwerfen nach möglichen Grenzen, die auch ein Medium wie Karikatur buchstäblich nicht überzeichnen sollte, sagt der promovierte Kunsthistoriker Wolf Eiermann, neuer Leiter des Museum Georg Schäfer:

"Ich liefere keine Antwort. In diesem Fall mit der Karikatur ist es selbstverständlich so, dass diese Ausstellung auf eine erschreckende Situation reagiert, ich meine jetzt nicht nur die Anschläge in Frankreich, sondern schon die Vorgeschichte in Dänemark. Wir sind uns bewusst, dass wir nicht ein gesellschaftspolitisches Museum sind, sondern wir sind ein Kunstmuseum mit einem historischen Exponatenbestandteil. Aber selbstverständlich wollen wir - und das macht glaube ich jede Ausstellung auch im Kunstbereich - immer am Puls der Zeit sein."

Am Puls der Zeit war gewiss auch eine Käthe Kollwitz, als sie ihre durchaus grenzwertigen "Bilder vom Elend" betitelten Blätter in der Zeitschrift "Simplicissimus" publizierte. Schwangere, völlig überarbeitete, erschöpfte Frauen der Unterschicht. Grenzwertig sind diese Bilder insofern, als es sich hier genau genommen gar nicht um Karikaturen handelt, sondern um glasklare Sozialkritik.

Reine Polemik indessen das aktuelle Blatt mit einem Wehrmachtuniform tragenden Finanzminister Wolfgang Schäuble. Daneben zwei Spruchblasen "Wir bestehen darauf, Seife aus Eurem Fett zu machen" und "Wir diskutieren nur über Düngemittel aus eurer Asche". Eine Karikatur in der Zeitung der griechischen Regierungspartei Syriza, heruntergeladen aus dem Internet, der Autor anonym. Ähnlich ein Angela-Merkel-Porträt mit Hitler-Bart und Hakenkreuzabzeichen, collagiert mit einem Vulgärzitat Winston Churchills über die Deutschen. Die Collage erschien im Juni 2012 unter der Überschrift "Playing the Nazi Card" in der Internetzeitung examiner.com.

Früher richteten sich Karikaturen gezielt an ein aufgeklärtes Publikum, das die Codes zumeist sicher zu dechiffrieren wusste. Heute sind derlei Blätter über das Netz jederzeit für jedermann erreichbar und binnen Sekunden multiplizierbar. Hier liegt der wohl größte Unterschied zwischen den Karikaturen von damals und heute, den diese auch sonst anregende Ausstellung deutlich macht.

Ausstellungsinfos:
Die Drahtseilkünstlerin Germania - 100 deutsche Karikaturen
Museum Georg Schäfer Schweinfurt
bis 06. März 2016

 

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