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StartseiteKalenderblattSaul Steinberg - Meister des feinen Strichs 15.06.2014

Karikaturist Saul Steinberg - Meister des feinen Strichs

Saul Steinberg gilt als einer der wichtigsten US-amerikanischen Zeichner des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeit "Die Welt von der 9th Avenue aus gesehen" erreichte Kultstatus. Vor 100 Jahren wurde der Karikaturist geboren.

Von Anette Schneider

Ein Besucher der Ausstellung "Saul Steinberg - The Americans" im Kölner Museum Ludwig betrachtet ein insgesamt 70 Meter langes Kunstwerk. (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)
Ein Besucher der Ausstellung "Saul Steinberg - The Americans" im Kölner Museum Ludwig betrachtet ein insgesamt 70 Meter langes Kunstwerk. (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)
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Zwischen sich und der Welt ein Zeichentisch (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 22.08.2008) 

Mal zeichnet Steinberg überbordend-barock. Etwa, wenn er das US-amerikanische Besitzstandsdenken auf's Korn nimmt und ein großes Wohnzimmer vollstopft mit pompös-geschmacklosen Möbeln und Kunstwerken. Dann wieder reichen ihm wenige Striche, um mit einem Fahndungsplakat voller Micky-Maus-Köpfe ironisch Gleichmacherei und die Verdummung durch Massenmedien vorzuführen.

Der Kunsthistoriker und Steinberg-Spezialist Jürgen Döring zeigte vor einigen Jahren im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die erste, durch Europa tourende Steinberg-Retrospektive. Er charakterisiert den Künstler so:

"Er beobachtet. Er stellt einfach fest: "Das gibt es!". Und das gibt er in einer Weise wieder, die einfach höchst originell ist. Er ist ein ganz, ganz gezielter und genauer präziser Beobachter, der Dinge dann pointiert wiedergibt.

Humor als "poetische Stenografie"

Aufgeblasene Konventionen, Selbstdarstellungssucht, gesellschaftlicher Anpassungsdruck, und die in den USA über alles geliebte abstrakte Kunst sind wiederkehrende Themen in Steinbergs Werk. In einem seiner wenigen Interviews erklärte er 1966 der Zeitschrift "Art et Loisir":

"Was mich interessiert, ist, wie ein Maler eine bestimmte Sicht der Welt wiederzugeben. Ich gebrauche den Humor, zum Beispiel, oder die Satire, wie eine poetische Stenografie. Und wenn man über eine Zeichnung lacht, dann deshalb, ... weil man sieht, dass man etwas sehr Schwieriges auf eine Art verstehen kann, die nicht konventionell ist."

Steinberg wurde am 15. Juni 1914 in der Nähe von Bukarest als Sohn jüdischer Eltern geboren. In Bukarest aufgewachsen, zog er mit 19 Jahren nach Mailand, um Architektur zu studieren. Dort entstanden auch die ersten Humoresken, die er schon bald an "Harper's Bazar" und "Life" verkaufte. Ende der 30er-Jahre erhielt Steinberg von den italienischen Faschisten Berufsverbot. Er tauchte unter. Und, so Jürgen Döring:

"Steinberg selbst war Jude, musste also möglichst schnell aus Italien raus, das war ganz klar. Er hatte mehrfach einen Ausreiseantrag gestellt, durfte auch in die USA einreisen, aber das klappte nicht mit dem Visum. Er war schon in Portugal gewesen, um den Atlantik zu überqueren, musste dann aber noch einmal umdrehen, wurde kurzzeitig interniert in Italien, und beim zweiten Anlauf hat es dann geklappt, das war 1942."

Wenig später war Saul Steinberg wieder in Europa. Als Mitarbeiter des US-Militärs sollte er die Propaganda-Abteilung künstlerisch unterstützen. Bündelweise schuf er satirische Zeichnungen über Hitler und Mussolini, die begeistert von US-Zeitschriften gedruckt wurden.

"Hitler zum Beispiel wird gezeigt, wie er Hakenkreuze übt und ganz ärgerlich immer wieder durchstreicht, weil er sie nicht gerade hinbekommt oder falsch herum zeichnet. Er macht einen Spott und entthront die Macht wirklich gekonnt und in verschiedensten Weisen."

Schnitz-Kunstwerke: Maschinengewehr aus Holz

Ende 1944 ließ sich Steinberg in New York nieder, lernte Kollegen wie Peter Arnold und William Steig kennen - und zeichnete. Regeln interessierten den arbeitswütigen und unangepassten Künstler dabei ebenso wenig wie im übrigen Leben: Seine Cartoons, Karikaturen und Illustrationen erschienen im und auf dem "New Yorker", in Modezeitschriften, als Weihnachts- und Glückwunschkarten. Er präsentierte sie in Büchern und in Galerien. Mal waren sie winzig, dann wieder - wie "The Line" - zehn Meter lang.

"Man arbeitet, um Trost zu finden, das ist die einzige Methode zu leben, man arbeitet, um sich zu verteidigen, um sich auseinanderzusetzen."

1960 zog sich der mittlerweile reiche und berühmte Zeichner aus der Öffentlichkeit zurück. Auf Long Island schuf er Collagen, Bühnenbilder und Masken. In den 70ern schnitzte er täuschend echte Gegenstände aus Holz, darunter ein Maschinengewehr. Es erschien sein berühmtes Bild "Die Welt von der 9th Avenue aus gesehen", die Manhattan als den Nabel der Welt präsentiert. Vor allem aber entstanden seit dem Vietnamkrieg und angesichts der herrschenden gesellschaftlichen Gewalt albtraumhafte Zeichnungen mit langen Reihen marschierender, immer gleicher Soldaten, Geschäftsmänner und Comicfiguren. Zeichnungen, denen alles Menschliche fehlt.

"Wenn sich der Mensch nur durch die Möglichkeit der Gesellschaft ausdrückt, hat er sein Leben verschwendet, und genau das ist es, was die Gesellschaft von ihm will."

So blieb Steinberg bis zu seinem Tod 1999 ein Außenseiter. Einer, über den die New York Times in ihrem Nachruf fast überrascht feststellte, dass er berühmt gewesen sei, obwohl er doch sehr zurückgezogen gelebt hätte.

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