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StartseiteKultur heuteZerstörung und Identität 02.09.2018

Karl-Siegbert Rehberg über den "Mythos Dresden"Zerstörung und Identität

Sommerreihe "Erinnern und Vergessen"

Keine deutsche Stadt definiere sich so über vergangene Schönheit und Kriegszerstörung wie Dresden, sagte der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg im Dlf. Ihre besondere Stellung in Ostdeutschland habe die Stadt zur Bühne gemacht - auch für rechtsradikale Aufmärsche.

Karl-Siegbert Rehberg im Gespräch mit Dina Netz

Am 73. Jahrestag der Zerstörung Dresdens haben tausende Bürger zum Gedenken eine Menschenkette gebildet. (Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa)
Am 13.02.2018, dem 73. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, haben tausende Bürger zum Gedenken eine Menschenkette gebildet. (Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa)

Dina Netz: In den Sommerwochen haben wir hier in "Kultur heute" in einer Reihe schon viel "erinnert und vergessen". Ein Teil der Erklärung für die jüngsten Ausschreitungen in Chemnitz scheint nun eine ganz eigene Mischung aus Geschichtsvergessen- und Geschichtsversessenheit zu sein. Dieses explosive Gebräu gibt es vielerorts, vor allem aber in Sachsens Hauptstadt: Dresden – das ist einerseits die wunderschöne Barockstadt, malerisch ins Elbtal gebettet, "Elbflorenz" eben. Seit einigen Jahren zeigt Dresden aber auch eine Fratze, die der regelmäßigen und lauten Pegida-Aufmärsche. Diese nutzen nicht zufällig gern die Semperoper, diesen auf der ganzen Welt bekannten barocken Prachtbau, als Kulisse. Überhaupt, die barocke Altstadt – die DDR hatte wenig übrig für Residenz-Prunk, aber nach dem Fall der Mauer hatte man in Dresden nichts Eiligeres zu tun, als die barocke Pracht von einst wieder aufzubauen und den berühmten Canaletto-Blick wiederherzustellen. "Krahnaletto" spotteten in der folgenden jahrelangen Bauzeit viele.

Das barocke, das alte Dresden ist ein Mythos, wie zu Recht schon oft bemerkt worden ist. Und diesen Mythos kann man nicht verstehen ohne seine Geschichte und seine Entstehung. In unserer Reihe "Erinnern und Vergessen" geht die Frage deshalb an  Karl-Siegbert Rehberg, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Dresden und dort Mitglied des Kulturbeirats: Worin besteht denn dieser Mythos Dresden genau? Ein paar hübsche Barockbauten am Elbufer allein können es ja kaum sein.

Karl-Siegbert Rehberg: Ja, die Barockstadt Dresden ist so barock gar nicht. Das meiste ist Neo-Renaissance. Es gibt Barock und Rokoko. Aber schon mit diesem Begriff zeigt sich, dass der Mythos – und der Mythos ist ja nie nur etwas Erfundenes, sondern etwas Stilisiertes und in der Erzählung Verschobenes -, dass das Mythenmaterial aus der Barockzeit tatsächlich ist, aus der Herrschaftszeit August des Starken und seines Sohnes. Beide werden ja auch Könige von Polen. In dieser Machtfülle, die später nur noch nach vielen Niederlagen und erfolglosen Koalitionen dazu führte, dass es eine Kulturstadt ist, eine Kulturstadt, die ihre Quelle genau in dieser Zeit auch hat, das war das Material für diese Erklärung der Stadt für das, woran man sich erinnern soll und auch mit Stolz kann.

"Diese Stadt gibt es so nicht"

Netz: Das heißt: Diejenigen, die diesen Mythos Dresden hochhalten, erinnern sich heute an eine Stadt, die es eigentlich so seit 300 Jahren nicht mehr gibt? Denn da endete die Regentschaft August des Starken.

Rehberg: Ja, das ist eine Überblendung des Schönsten, des Romantischen auch. Die Romantiker haben etwa mit der Bewunderung für die Sixtinische Madonna als einem Heiligenbild dazu auch ihren Beitrag gehabt. Diese Stadt, die gewissermaßen aus der Erinnerung gewogen ist, könnte man sagen, die gibt es so nicht, aber es gibt natürlich vieles in ihr, auch dass sie schön ist, das realistisch ist.

Netz: Das mit der Schönheit, dafür ist ein ganz wichtiges Datum der 13. Februar 1945. Da wurde fast die komplette Stadt innerhalb einer Nacht von alliierten Bombern zerstört. Nun hat ein ähnliches Schicksal auch andere deutsche Großstädte ereilt. Trotzdem ist Dresden in der Folge als deutsches Hiroshima wahrgenommen worden. Wie ist es dazu gekommen?

Rehberg: Diese Zerstörung des Zentrums, übrigens schlimm genug, nicht der ganzen Stadt, wenn man sie mit Hamburg sowieso, aber auch mit Köln, Aachen, Düren, Würzburg und so weiter vergleicht, ist sie wenig zerstört, aber natürlich entsetzlicherweise das Zentrum in einer Nacht. Das ist natürlich eine besondere Ausradierung der identitätsstiftenden Substanz dieser Stadt gewesen und hat dazu geführt, dass sie zugleich, indem vieles von dem nicht mehr da war, unwiderlegbar war. Es war eine Schönheit, die man noch mehr imaginieren konnte, weil sie zu großen Teilen wenigstens verloren war oder verloren schien.

Kultureller Phantomschmerz

Netz: Die Leerstelle wurde mit Bedeutung angefüllt.

Rehberg: Genau, ein Phantomschmerz gewissermaßen kulturell.

Netz: Dann kam die DDR-Zeit. Da wurden viele Trümmer weggeräumt. Aber an einen Abriss der barocken Ruinen hat man sich dann doch nicht herangetraut. Welche Rolle hat dann die DDR-Zeit für die weitere Fortbildung des Mythos Dresden gespielt? Hat sie die Trauer noch verfestigt?

Rehberg: Das unbedingt. Es ist sehr interessant. Es gibt, glaube ich, nur in Dresden 40 Jahre lang das, was ich Leitruine nenne. Das liegt auch daran, dass die DDR oft kein Geld hatte. Es sollte eine ganz andere Oper gebaut werden und es ist dann doch noch von Honecker die Semperoper wieder eingeweiht worden.

Politisch instrumentalisiertes Gedenken

Netz: Was genau meinen Sie denn mit Leitruine, Herr Rehberg?

Rehberg: Leitruinen sind die in der Stadt stehenden Ruinen, etwa das Taschenbergpalais und viele, viele andere Bauten, die unentschlossen, die nicht abgeräumt wurden, die zugleich eine Erinnerung kontinuierlich machten an das noch vorhandene Gebäude oder an die alte Struktur, obwohl die weitgehend nach dem Krieg beseitigt worden ist. Das war die zweite Zerstörung sozusagen der Ruinen.

Aber ich wollte noch etwas sagen zu dieser besonderen Stellung, die Dresden hat, das dann einigen wie ein Hiroshima in Deutschland erschien, wie das eigentlich eingebettet war in politische Diskurse. Die Nazis hatten noch in der Nacht nach dem großen Angriff am 13. Februar 45 400.000 Tote in die Welt gemeldet, und diese Zahl, diese Größenordnung, nicht die Zahl genau, hat sich eingebrannt in das Weltgedächtnis, könnte man sagen. Dann war es Marschall Schukow, der sagte, die Sowjetarmee würde niemals solche Verbrechen begehen wie die westlichen Mächte, und es kam dann in der DDR jedes Jahr zu großen Aufzügen mit Ministerreden, in denen immer die Amerikaner angegriffen wurden, das sei ein Angriff gewesen, der die typischen Formen des Imperialismus beweise. Und ich meine, dass diese Intensität des Gedenkens, das es auch auf der Familienebene und in den privaten Zusammenhängen gibt, dass das wesentlich befeuert wurde durch diese politische Instrumentalisierung. Dieser Rahmen, dass Dresden die einzige deutsche Stadt ist, die ein kontinuierliches Ritual entfaltete, das ist die Besonderheit und das macht dann auch diesen Eindruck einer besonders verwundeten Stadt klar.

Netz: Wenn wir beim Bild der Wunde bleiben, Herr Rehberg. Nach der Wende ging es ja dann sehr schnell an den Wiederaufbau des barocken Zentrums. Nehmen wir mal die Frauenkirche als wirklich symbolische Rekonstruktion des Herzens Dresdens. Ist das auch so eine Art Heilungsprozess gewesen?

Rehberg: Ja, ein konfligierter, ein konfliktreicher Heilungsprozess. Die westlichen Architekturtheoretiker und Kritiker waren sämtlich gegen die Rekonstruktion. Die UNESCO hatte in Venedig einen Beschluss gefasst, dass solche Rekonstruktionen, die nicht anknüpfen an den letzten Zustand und nicht anknüpfen können, weil nur noch ein Ruinenrest da war, dass das zu verwerfen ist. Der Bund der Deutschen Architekten sagte, Dresden ist ein Sündenfall, denn nun wollen alle rekonstruieren. Und auch viele in der Bevölkerung waren doch lange unentschieden, bis plötzlich diese riesige Kuppel wieder dastand.

Kulturkampf um die Waldschlösschenbrücke

Netz: Wie lässt sich denn erklären, dass in einer Stadt, die derart auf Bewahren aus ist, unweit der barocken Altstadt dann die umstrittene Waldschlösschenbrücke gebaut wurde, die Dresden ja letztlich sogar den UNESCO-Welterbetitel gekostet hat?

Rehberg: Das war schwer zu verstehen und fand auch in mir einen Gegner. Es wurden ökonomische Gründe, die aber unplausibel waren, genannt. Es wurde auch mit Recht genannt, dass hier ein Verkehrszug schon im 19. Jahrhundert geplant war, aber man hätte andere Lösungen auch finden können. Ich meine, man hat nicht einmal überlegt, einen Tunnel zu bauen. Das war eine problematische Entscheidung auf jeden Fall und sie teilte ja auch das Publikum. Die Mehrheit der Dresdener hat der Brücke zugestimmt, lange bevor man genau deren Form und so weiter kannte. Eine nicht unbedeutende Minderheit, vor allem diese interessante Gruppe eines Refugiumsbürgertums in der DDR, über das der Tellkamp in seinem Roman "Der Turm" schreibt, die war nun mit Entschiedenheit dagegen. Und viele auch aus dem Westen Kommende, die die Zerstörung von Städten durch Wiederaufbau ja auch schon kennengelernt hatten. Es war also ein Kulturkampf, könnte man sagen, gegen diese Brücke und um diese Brücke.

Netz: Das ist ja vielleicht überhaupt typisch, dass in Dresden leicht alles zum Kulturkampf wird, alles schnell grundsätzlich wird. Der Kulturpalast, der wohl wichtigste zentrale Bau aus DDR-Zeiten Dresdens, war auch so ein Zankapfel. Der ist ja nun nicht abgerissen, sondern restauriert worden. Löst man sich da langsam etwas von der Barockversessenheit und besinnt sich auch auf den Rest der Geschichte?

Rehberg: Ja, denn diese Geschichte wird jetzt oft genug überblendet. In dem Vereinigungsprozess, der ja weitestgehend eine Überlagerung war, in dem viele Menschen sich nicht, wie man das so gerne heute sagt, mitgenommen fühlten, war es, glaube ich, sehr wichtig und richtig, diesen Bau, der auch seine Qualitäten hat und auch seine Zeichen aus der DDR-Zeit, etwa das große Bild von Bondzin vom Weg der roten Fahne, kein künstlerisch überzeugendes, aber ein die Geschichte des Baues mitzeigendes Bild, dass man das erhalten hat, das war auch, wenn man die anderen Entwürfe sah, die Neubauten dort erbracht hätten, eine richtige Entscheidung. Denn die verlorene eigene Gesellschaft ist ja ein Problem für viele Menschen im Osten, und das drückt sich wieder in einer solchen besonderen Erinnerungsstadt wie Dresden besonders aus. Das sehen wir ja an den rechtspopulistischen zumindest Resonanzen.

Eine Stadt wird zur Bühne

Netz: Wie erklären die sich, diese Pegida-Aufmärsche, diese Resonanzen, diese rechtspopulistischen, nun aus dem Mythos Dresden, wenn wir es etwas verkürzen?

Rehberg: Vor allem, weil Dresden eine Bühne ist. Man muss unterscheiden zwischen Dresden als Quelle, und es gehen für meinen Geschmack viele zu viele Dresdenerinnen und Dresdener dorthin. Aber es ist eine Bühne vor allem. Die Mehrheit kommt aus dem Umlande, dem es ja auch viel schlechter geht, dem Erzgebirge, der Lausitz, auch Südbrandenburg, Ostthüringen und so weiter. Es ist eine Bühne, Dresden, geschickt gewählt. Mit mancher Stadt im Osten kommt man nicht in die New York Times oder auf die Headlines der großen Zeitungen und Magazine. Und es ist eine passende Bühne, weil dieser Identitätsverlust, dieses Moment, dass man in einer Szenerie ist, die schön auch heute ist, aber die auf mehr verweist, das ist ein Punkt, der auch anziehend ist, und dass die dort eine Art Ort sahen, an dem sie ihre Zurückgesetztheit, ihre Nichtbeteiligtheit an einer Veränderung, die übrigens von den meisten ja bejaht wird, dass es besser geworden ist - und gerade die Stadterneuerungen haben doch eine große Zustimmung gefunden in allen Städten im Osten -, das konnte man in Dresden besonders verbinden, diese Ausgeschlossenheitsgefühle mit der Adressierung und der Bühne einer Stadt, die man als so perfekt sieht und manchmal ja auch überschätzt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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