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StartseiteKultur heuteDer unsichtbare Künstler30.08.2015

Karl WaldmannDer unsichtbare Künstler

Der Künstler Karl Waldmann ist wohl nur Wenigen bekannt. Kein Wunder, denn seine Existenz ist bis heute nicht eindeutig bewiesen, die einzigen Belege sind einige Collagen. Das hält das Dresdener Kunsthaus nicht auf, seine Werke dennoch im Rahmen einer Gruppenschau zu zeigen. Warum, das erklärt die Galerie-Leiterin Christiane Menicke-Schwarz im DLF

Christiane Menicke-Schwarz im Gespräch mit Antje Allroggen

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Antje Allroggen: Haben Sie schon einmal etwas von Karl Waldmann gehört? Wenn Sie den Namen in Verbindung mit dem Zusatz "Künstler" googeln, erhalten Sie kein einziges Konterfei des Künstlers selber, wohl aber einige Collagen, bestehend aus Zeitungsschnipseln, Magazinfotos und Buchseiten, die manchmal eher konstruktivistisch anmuten, manchmal eher an Dada-Kunst erinnern.

Der belgische Kunsthändler Pascal Polgar ist schon lange ein Fan der Blätter, die er 1989 zufällig in Berlin gefunden haben will: Mehr als 1.000 Kunstwerke, die Einblick in das Innerste der Weimarer Republik geben wollen, das Dritte Reich anprangern, sogar den Stalinismus zum Thema haben.

Über den Schöpfer dieser Arbeiten sagen sie jedoch nichts. Einige der Werke tragen die Signatur "KW". Mehr Spuren gibt es über den Künstler nicht. Trotzdem zeigt das Dresdener Kunsthaus, eine kleine kommunale Galerie, derzeit 20 Blätter des unsichtbaren Künstlers, der in Dresden gelebt haben könnte.

Was bewegt ein Museum dazu, Arbeiten eines Künstlers auszustellen, dessen Identität nicht nachzuweisen ist? Das habe ich die Museumsleiterin des Dresdener Kunsthauses, Christiane Mennicke-Schwarz, gefragt.

Christiane Mennicke-Schwarz: Wir haben für die Ausstellung gemeinsam mit der Kuratorin relativ umfassend recherchiert und natürlich hat die Ausstellung den Fokus auf zeitgenössischer Kunst und den Künstlern, die sich in den letzten wenigen Jahren mit Kolonialgeschichte und der Frage völkerkundlicher Sammlungen beschäftigt haben.

Nichts desto trotz hat es uns interessiert, in die Geschichte zurückzuschauen, ob es eigentlich aus der Kunst heraus eine kritische Auseinandersetzung mit den kolonialen Ambitionen gegeben hat in Europa und ob eine kritische Reflexion im künstlerischen Bereich zu finden ist, und da ist natürlich dann die erste Hälfte des Jahrhunderts spannend und das Umfeld der Arbeit der illustrierten Zeitungen.
Wir sind dann auf diese Arbeiten gestoßen eigentlich über einen Zufall, weil die Galerie Pascal Polgar, die der Leihgeber dieser Arbeiten ist, mehrere afrikanische Künstler vertritt, zeitgenössische Künstler, und es ursprünglich um eine Suche nach einem solchen zeitgenössischen Künstler ging, der für die Ausstellung vielleicht interessant war, und im Gespräch ergab sich der Hinweis auf diese Arbeiten, die mit "KW" signiert sind und Karl Waldmann zugeordnet werden seitens der Galerie.

Allroggen: Das was Sie gesagt haben, ist vielleicht noch erklärungsbedürftig. Sie widmen Karl Waldmann keine Einzelausstellung, sondern Sie zeigen seine Arbeiten in einer Gruppenausstellung - ein transnationales Projekt, unter anderem von der Kulturstiftung des Bundes gefördert, das elf zeitgenössische Künstler zeigt, die meisten von ihnen kommen aus Afrika. Aber was haben die Blätter von Herrn Waldmann in diesem Kontext zu suchen? Sind da postkoloniale Spuren in seinen Blättern zu finden?

Mennicke-Schwarz: Die Arbeiten beziehen sich auf ethnografische Objekte und zeigen diese unter anderem in den Collagen, und es gibt einige Arbeiten, die sich ganz stark auf so was wie Blickbeziehungen, die zwischen Kamera und fotografiertem Objekt gemeint sein können, aber auch Blickbeziehungen zwischen unterschiedlichen Menschen beziehen. Es gibt da eine ganze Reihe Referenzen auf die Hygiene-Bewegung und auf die damals aufkommenden Rassentheorien und Bewertungen von Menschen.

"Stilistische Zuweisungen sind nicht das Hauptthema dieser Ausstellung"

Allroggen: Es geht Ihnen eher um die Einbettung in diesen postkolonialen Zusammenhang und weniger um stilistische Auffälligkeiten, die ja wohl auch festzustellen sind bei Karl Waldmann, dass er sowohl konstruktivistische Züge trägt als auch dadaistische, oder wird das auch behandelt in Ihrer Ausstellung?

Mennicke-Schwarz: Na ja. Diese stilistischen Zuweisungen sind natürlich mit Sicherheit nicht das Hauptthema der Ausstellung. Sie sind aber auch bisher nicht wirklich präzise benannt. Es ist ja auch keine Datierung der Arbeiten vorgenommen worden und der Leihgeber hat selbst niemals gesagt, dass diese Arbeiten in dieser Epoche geschaffen sein sollen. De facto gibt es dafür ja bisher weder einen Beleg noch einen Gegenbeleg. Wir wissen von einer Papieranalyse mittlerweile, die von einer anderen Galerie stammt - es hat ja mehrere Galerien gegeben, die sich mit diesen Arbeiten beschäftigt haben, nicht nur unser Leihgeber Pascal Polgar -, und in dieser Analyse ist unter anderem belegt worden, dass diese Arbeiten aus den 50er-Jahren stammen, was auch ein Zeitraum ist, oder das Papier - man muss sehr vorsichtig sein -, das Papier aus den 50er-Jahren stammt.

Insgesamt ist, glaube ich, diese Aufregung zum jetzigen Zeitpunkt keine, die sich aus der kunstwissenschaftlichen Perspektive gut begründen lässt, weil in solchen Zeiträumen, wie wir sie jetzt gerade betrachten, lassen sich weder Provenienzen noch Zuordnungen abschließend klären.

Das heißt, dass man sehr viel länger bräuchte und sehr viel gründlicher Dinge analysieren müsste, als es im Augenblick in dieser Aufgeregtheit getan werden kann.

"Es geht um einen Künstler, dessen Existenz bisher nicht belegt ist"

Allroggen: Aber liegt die Beweislast da nicht bei Ihnen als Museum? Ist es nicht eine primäre Aufgabe des Museums, Fragen der Datierung, der Echtheit, der Provenienz nachzugehen, bevor man einen bislang unbekannten Künstler präsentiert?

Mennicke-Schwarz: Ja, das gehört zu den interessanten Unschärfen der Berichterstattung. Unser Haus ist kein Museum, es ist eine städtische Galerie. Wir haben keine Sammlungen, wir haben auch keine Provenienz-Abteilung. Wir sind ein kleines Haus, das Anregungen geben kann, das Anstöße geben kann für die Kollegen, sich weiter mit den Dingen zu beschäftigen. Wir haben uns aber in dem Rahmen, der uns möglich ist, außergewöhnlich gründlich, denke ich, damit beschäftigt und auch in den jetzigen Veranstaltungen, die es dazu gegeben hat, eine ganze Reihe von neuen Erkenntnissen beigetragen. Wir können im Grunde ganz stolz sein, denn uns ist jetzt in der Tat gelungen, dass sich ein paar mehr Kollegen damit beschäftigen, was nicht unbedingt zu erwarten war. In der Vergangenheit sind die Recherchen sehr, sehr oberflächlich durchgeführt worden.

Ich denke, die Aufregung, was diese Arbeiten betrifft, kommt sehr stark aus einem ganz bestimmten Segment des Kunstmarktes, für den es sehr wichtig ist, ob die Arbeiten aus dem 30er- oder aus den 50er-Jahren stammen. Für uns ist das hoch interessant, aber es ist nicht das Wichtigste. Wie gesagt, unser Haus gibt Anregungen, zeigt Dinge, mit denen man sich weiter auseinandersetzen sollte, aber nicht aus einer musealen Perspektive.

Ich glaube, die Wirklichkeit in solchen Fällen ist oft sehr viel komplexer, als wir es uns wünschen. Es ist durchaus möglich, dass die Signaturen auf einen gefundenen Bestand irgendwo auch nachträglich aufgetragen worden sind. Auch das ist eine durchaus mögliche Variante des Ganzen, die ich zurzeit nicht ausschließen kann. Wir haben nur bisher keinen Anhaltspunkt, dass eine Fälschung stattgefunden hat, was auch immer man überhaupt als Fälschung in diesem Zusammenhang definieren möchte. Denn es geht hier um einen Künstler, dessen Existenz bisher nicht belegt ist. Das heißt, es ist unter Umständen auch ein Pseudonym. Kann man etwas fälschen, was erfunden ist? Das sind interessante Begrifflichkeiten.

Ich will nur damit sagen: Bisher haben wir keine Hinweise darauf, dass jemand in Täuschungsabsicht etwas unternommen hat. Wir haben auch keine Gegenbeweise, aber der Galerist, der Leihgeber dieser Ausstellung, hat zu allen Zeitpunkten uns gegenüber und, ich glaube, auch seinen potenziellen Sammlern gegenüber sehr offen kommuniziert, dass die Existenz eines Karl Waldmann zurzeit noch nicht belegt werden kann im Sinne eines Künstlers, der in Archiven aufgetaucht ist, der schon mal irgendwo ausgestellt wurde, der vielleicht an einer Hochschule studiert oder unterrichtet hat.

Allroggen: Die Dresdener Museumsleiterin Christiane Mennicke-Schwarz war das über die Ausstellung "Künstliche Tatsachen" und den realen oder fiktiven Künstler Karl Waldmann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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