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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Karol Sauerland: Dreißig Silberlinge, Denunziation - Gegenwart und Geschichte26.06.2000

Karol Sauerland: Dreißig Silberlinge, Denunziation - Gegenwart und Geschichte

Verlag Volk und Welt, Berlin 2000, 382 Seiten, 44,-DM

<strong>"Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant" Karol Lauerland hat über diese Konstante menschlichen Fehlverhaltens eine Studie vorgelegt, die Ihnen Stephan Bergholz vorstellt.</strong>

Stefan Berkholz

Es fing an mit jenem Judas Ischariot, der Jesus verriet für einen kleinen Obolus. Dreißig Silberlinge ließ er sich für seinen Verrat zahlen, "ein geringes Entgelt", wie uns der Verfasser der vorliegenden Studie erklärt. "Dreißig Silberlinge", so lautet auch der Titel dieses bemerkenswerten Buches über die Denunziation.

Unter Denunziation versteht man erst in neuerer Zeit eine freiwillige Mitteilung bzw. Anzeige aus eher niedriger Gesinnung an eine Instanz, von der der Denunziant erwartet, dass sie den Denunzierten schuldig spricht und verurteilt.

Unter den Nazis wurde die Denunziation zum Massenphänomen. Das neue Regime konnte sich kaum retten vor all den Anzeigen, kurz nach der Machtübergabe. Hitler sprach im Mai 1933 von "einem Meer von Denunziation und menschlicher Gemeinheit". Ein Erlass vom Juli 1934 sollte "mit allem Nachdruck" dafür sorgen, "dass die des Deutschen Volkes und des nationalsozialistischen Staates unwürdige Erscheinung des Denunziantentums" verschwinde. Und Heydrich gar legte zwei Tage nach Kriegsbeginn, im September 1939, fest:

Gegen Denunzianten, die aus persönlichen Gründen ungerechtfertigte oder übertriebene Anzeigen gegen Volksgenossen erstatten, ist an Ort und Stelle in geeigneter Weise - durch eindringliche Verwarnung und in böswilligen Fällen durch Verbringung in ein Konzentrationslager - einzuschreiten.

Das war natürlich zu Teilen Propaganda - die Denunziation unter Hitler gehörte zum Machtinstrumentarium, ungezählte Opfer verschwanden wegen einer Anzeige des Nachbarn oder eines Arbeitskollegen im KZ. Dennoch: Die Denunziation unter Hitler erfolgte freiwillig. Unter Stalin hingegen war die Denunziation staatlich organisiert. Der Denunziant war nicht anonym, sondern zumeist Angestellter der Machthaber. In den 30-er Jahren in Moskau gehörte die Denunziation einfach zur Parteidisziplin.

Die Parteireinigung bzw. -säuberung (...) institutionalisierte die Denunziation. Jedes Parteimitglied musste von Zeit zu Zeit bereit sein, über alles, d.h. auch über jeden anderen zu sprechen. Die Folge war ein allgemeines Misstrauen; man disziplinierte sich, wie es in der Parteisprache hieß.

Lenin hatte im März 1921 seine Partei neuen Typs gegründet, Stalin sprach kurz nach dem Tode Lenins vom "besonderen Menschenschlag" der Kommunisten, von einer "Armee der Auserwählten", von seinen "Söhnen der unerhörten Entbehrungen und heroischen Anstrengungen". Der Schwur führte zu Parteireinigungen und der sogenannten Selbstkritik des Einzelnen, zu jenem mörderischen Klima, in dem keiner mehr dem anderen trauen konnte. Angst und Terror breiteten sich aus. Der "allgegenwärtige Terrorismus des wechselseitigen Verdachts schlug um in epidemische Denunziation", schreibt Sauerland.

Die KGB-Dienste verstanden es, mittels der vielen kleinen unwesentlich erscheinenden Nachrichten die Bevölkerung spinnenartig zu umgarnen und so den Eindruck der Allwissenheit zu erwecken. (...) Allwissenheit bedeutete für den Staatsbürger Allmacht. Dass die Leute von den Sicherheitsdiensten im Trüben fischten, machte sie nur teuflischer. Sie waren auf die Weise unberechenbar. Und vor allem konnte Unwesentliches entscheidend werden. Das Wesentliche am KGB-Regime war im Grunde genommen die Masse des scheinbar Unwesentlichen, des Banalen.

Die Schriftsteller Hermann Kant und Sascha Anderson werden als Prototypen des niederträchtigen Intellektuellen in der DDR vorgeführt. Sie hatten sich dem Staatssicherheitsdienst verpflichtet; Geld war dabei eher nebensächlich. Es gab andere Anreize: Privilegien, Karriereförderung, Anschwärzen und Ausschalten von Konkurrenten, Befriedigung von Sehnsüchten und Hobbys, Reisemöglichkeiten, der Kauf von Westwaren. Alles bloß ein Phänomen unter Diktaturen? Der Autor meint ja. Vor allem in hermetisch abgeschlossenen Gesellschaften, in Systemen mit verkürztem Recht, wie er sagt, in Diktaturen also, blühe das Denunziantentum. Und Sauerland unterscheidet zwischen dem Dritten Reich und KGB-Regimen.

Die Denunziation im Dritten Reich hatte den Ausschluss des Denunzierten aus der 'Volksgemeinschaft' zur Folge. Der Denunziant empfand dies als berechtigt. (...) Im KGB-Reich dominierte dagegen eine ganz andere Art von Denunziation: die klatschende. (...) Mit den IM wurde ein neues System geschaffen: das des staatlich gelenkten denunziatorischen Klatsches. (...) Der denunziatorische Klatsch hatte den Vorteil, dass sich die IM nicht wirklich verantwortlich zu fühlen brauchten.

Dann hat das Thema also mit uns geborenen Demokraten nichts zu tun? Schön wär's. Man schaue nur in Gerichtsprotokolle, man frage bei Finanzämtern nach, man konsultiere Anwaltskanzleien - überall dort, wo Neid und Missgunst herrschen, blüht auch die Denunziation. Sauerland lässt diese Erscheinungen nicht außer acht. Aber er streift sie bestenfalls, erwähnt beispielsweise, schön weit weg, die McCarthy-Ära in den USA der 50er Jahre, ohne dies weiter zu vertiefen, und nimmt auch diese Phase als Beleg dafür, dass Demokratien funktionieren: McCarthy wurde schließlich beseitigt, mit demokratischen Mitteln.

Stefan Bergholz über Karol Sauerland.

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