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StartseiteBüchermarktGanz Kanada im Hochhaus23.10.2020

Karoline Georges: "Totalbeton"Ganz Kanada im Hochhaus

Wer die automatisierten Gesundheitsüberprüfungen nicht besteht, wird nach draußen befördert, zu den Ausgestoßenen: Die frankokanadische Schriftstellerin Karoline Georges schreibt mit „Totalbeton“ einen dystopischen Roman, in dem ein Hochhaus wie ein Mensch agiert.

Von Veronika Schuchter

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Buchcover Karolin Georges „Totalbeton“ (Buchcover Secession Verlag / Hintergrund Canva)
Das GEBÄUDE ist ein Protagonist in diesem Roman von Karoline Georges (Buchcover Secession Verlag / Hintergrund Canva)
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Kein Blick nach draußen, keine Farben, Decke, Wände, Boden, Sitze, alles aus Beton. Monumentale Größe und klaustrophobische Enge eröffnen Karolin Georges Roman. Nach wenigen Sätzen fühlt man sich erschlagen und eingesperrt zugleich. Erzählt wird von einem riesenhaften GEBÄUDE, das wie ein babylonischer Turm in den Himmel wächst. Das Wort GEBÄUDE wird immer in kapitalen Lettern geschrieben. Dadurch wird unterstrichen, dass es nicht nur Schauplatz, sondern selbst eine Figur ist. Gegossen aus Beton, unterteilt in gleichförmige kleine Einheiten, ähnelt es einem trägen Organismus, der seine Bewohner auszehrt. In einer solchen Einheit lebt das erzählende Kind mit seinen Eltern:
 
"Ich war in der 804 eingeschlossen, 5969 Etage.
Das GEBÄUDE hatte noch viel mehr Etagen. Aber ich wusste nicht wie viele. Der Vater blieb immer vage.
Draußen, vor der Schwelle des GEBÄUDES, stapelten sich die Ausgestoßenen. Nicht zu zählen. Weit hinter dem Menschengewimmel der Horizont, grau. Und dann dahinter?
Jedes Mal, wenn ich den Vater danach fragte, seufzte er ungeduldig. Und verkündete dann:
Dahinter ist nichts mehr." 

Das Kind ohne Namen

Dem Kind einen Namen zu geben, befinden die Eltern für nicht notwendig. "Wir werden du dazu sagen, das reicht." Das Kind bekommt eine medizinische Identnummer, eine implantierte Sonde überprüft jeden Tag die Qualität des biologischen Zustands. Schule gibt es keine, WISSEN, wieder so ein Wort in kapitalen Lettern, erfolgt automatisiert über ein Programm. Im GEBÄUDE patrouilliert Sicherheitspersonal, draußen zerfleischen sich die Ausgestoßenen. Ihren Überlebenskampf beobachten die Bewohner des Gebäudes auf Bildschirmen in ihren isolierten Einheiten.

Das erinnert in der Anlage zunächst an dystopische Romane wie Juli Zehs Corpus Delicti, in dem eine fanatische Gesundheitsdiktatur herrscht. Wer nicht auf seinen Körper achtet, wird bestraft. Schon seit einigen Jahren haben Dystopien wieder Hochkonjunktur.

Dystopie als Metapher der Gegenwart

Der Klimawandel, die rasante Digitalisierung und die weltweite Rückkehr totalitärer Tendenzen bieten den idealen Nährboden dafür. Dabei läuft die Realität der Fiktion nicht selten den Rang ab und so gerät so manche Dystopie zur hypertrophen Metapher der Gegenwart, statt zum düsteren Zukunftsszenario.

Karoline Georges hat mit ihrem Roman ganz etwas anderes im Sinn. Sie tut uns nicht den Gefallen zu erklären, was dieses seelenlose Grauen hervorgebracht hat. Dass der Mensch sich als Krönung der Schöpfung sah und den ganzen Planeten unter seiner brüllenden Gegenwart begrub, ist alles was wir erfahren. Eine reichlich banale Erklärung, doch diese Banalität ist gewollt. Georges zielt nicht auf konkrete gesellschaftliche Zustände ab, wie etwa ihre prominente Landsfrau Margaret Atwood es tut. Sie will weder warnen noch aufdecken. Georges geht es um nichts weniger als die menschliche Existenz:

"Was ist dieses ich, dachte ich? Dieses Auge, das von innen heraus, quer durch den ganzen Körper beobachtet? Diese stumme innere Präsenz, die weder Körper noch Gefühl ist, sondern ein Kern, der sich seiner Lebendigkeit bewusst ist, der der Unruhe des Gehirns lauscht, der die Endlosschleifen der Wörter bemerkt?

Man hatte mir wohl beigebracht, dass es sich schlicht um ein funktionsgestörtes Ego handele. Die Empfindung, ein Innenleben zu haben, ist der Überrest einer barbarischen Geistesanomalie, hämmerte mir die Mutter ein. Das gaukelt dir vor, da würde etwas Persönliches existieren, dabei bist du nur eine x-beliebige Zelle des GEBÄUDES, versicherte der Vater und schlug mir den Kopf gegen den Beton, um mir seine Erläuterung besser einzubläuen.

"Zuverlässig" erfüllen Vater und Mutter "ihre Bürgerpflichten". Das Wachsen des Kindes muss verhindert werden, es wird immobilisiert. Der Vater trinkt Abstumpfungsmittel, jeder Abweichung begegnet er mit Gewalt. Doch dann passiert etwas mit dem Kind, das dem Murmeln des Betons lauscht. Es beginnt Fragen zu stellen, nach Rissen im Beton zu suchen. Es findet keine, also imaginiert es sie. Das Ereignis, wie das Kind den Prozess nennt, der zu seinem Verschwinden führt, ist die Suche nach Erkenntnis. Und plötzlich wird aus der Dystopie etwas ganz anderes.

Die verschlingende Gesellschaft

"Der Horror war woandershin gekippt", heißt es lapidar. Das Kind beschließt zu fliehen, durch eines der Rohre, die nach draußen zu den Ausgestoßenen führen. Dabei merkt es, dass die Leichen in Wahrheit nicht nach draußen transportiert werden, sondern dass sie der Nährstoff sind, der den Bewohnern zugeführt wird.

Das GEBÄUDE wird zum Sinnbild einer sich selbst verschlingenden Gesellschaft. Die einzelnen Einheiten sind isoliert, Gemeinschaft ist beschränkt darauf, dass die Bewohner Teil des Gebäudes sind, gleichgeschaltete Zellen eines Kollektivs, keine Individuen. Sie tragen Nummern, keine Namen. Das Kind aber ist anders, es entwickelt aus dem Willen zum Wissen heraus seine Individualität:
 
"In letzter Zeit richtete ich ein Auge auf den Vater, ein Auge auf die Mutter. Sie stellten, so infiziert ihre Stimmung war, nichts in Frage. Niemals. Man musste nur genau hinschauen, um zweifelsfrei ihre exakte Daseinsbestimmung zu erkennen, ihre Absicht durchzuhalten, zu tun.

Ich hatte weder Lust zum Tun noch das Gegenteil. Das Weshalb hatte alles aus dem Gleichgewicht gebracht. Alles, was in mein Inneres implantiert war, die Methoden, die Verpflichtungen, sogar die Programmierung des Körpers, seinen Automatismus des Atmens.
Ich kam außer Atem." 

Von der Freiheit des Denkens

Totalbeton ist ein hochphilosophischer Text über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Ist der Beton Schutz oder Gefängnis? Das Gebäude gibt Struktur im Chaos, doch schlussendlich ist es nur Stillstand im tödlichen Gewusel. Die starren Strukturen lähmen das Denken. Während die einen sich betäuben und den Status Quo mit Gewalt aufrecht halten, wie der Vater, oder langsam verfaulen, wie die Mutter, gibt es für das Kind nur einen Ausweg: Im radikalen Zurückgeworfensein auf sich selbst, immobil, überwacht und bedroht, besteht der Widerstand in der Freiheit des Denkens bis hin zur Transzendenz: "Also habe ich den Tod angerufen. Von einem Riss aus, der sich über mein Herz zog." Die Befreiung kann nur dem einzelnen gelingen, dem es sich gelingt, sich vom Totalbeton der Wiederholung zu lösen. Am Ende findet das Kind seine Stimme.

Karoline Georges‘ existenzialistischer Roman ist eine Zumutung im besten Sinne. Statt als Dystopie kann der Roman als Parabel  über die Kernfamilie gelesen werden, über den Zwang zum roboterhaften Funktionieren in einem System, das nicht hinterfragt werden darf. Wer sich unterwirft, wird ernährt, alle anderen fallen dem System zum Opfer. Georges verweigert das anheimelnde Gruseln, das Dystopien an sich haben, weil man sich auf seine nicht ganz so schlimme Gegenwart zurückziehen kann und setzt dem eine unauflösbare, existenzielle Beunruhigung gegenüber. Ein großer und zeitloser Roman, für den es trotzdem höchste Zeit war. 

Karoline Georges: "Totalbeton"
Aus dem Frankokanadischen von Frank Heibert
Secession Verlag, Berlin
140 Seiten, 22 Euro
 
 

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