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StartseiteWirtschaft und GesellschaftFirmenflucht und "Bank Run"20.10.2017

Katalanische Wirtschaft unter DruckFirmenflucht und "Bank Run"

Die Frage, wie es im Streit über eine Unabhängigkeit Kataloniens weitergeht, belastet zunehmend die Wirtschaft der Region. Firmen verlagern ihren Sitz, es werden weniger Autos verkauft und es kommt zu Stornierungen im Tourismus. Auch die Wachstumsprognose für ganz Spanien musste schon gesenkt werden.

Von Burkhard Birke

Ein Mann steht mit dem Rücken zum Betrachter vor einem Geldautomaten der Bank Sabadell. (AFP/PIERRE-PHILIPPE MARCOU)
Ein Mann hebt von einem Automat der katalanischen Bank Sabadell in Barcelona Geld ab. (AFP/PIERRE-PHILIPPE MARCOU)
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Beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf … und fing in Katalonien der Protest heute an. Zwischen 8 und 9 Uhr hoben zahlreiche Kunden Bargeld bei den Banken ab, um ihre Solidarität mit den Unabhängigkeitsbewegungen Katalanische Nationalversammlung und Omnium Cultural zu zeigen. Deren beiden Führer sind wegen angeblicher Anstiftung zum Aufruhr inhaftiert. Die am häufigsten abgehobene Summe betrug 155 Euro. Das war symbolträchtig, denn  Artikel 155 der spanischen Verfassung ist die Grundlage, auf der morgen das Kabinett in Madrid die Entmachtung beschließen will.

Noch habe sie kein Geld abgehoben, aber je nach Entwicklung der Dinge, überlege sie diesen Schritt, sagt Verkäuferin Lina. Augustin hat auch noch nicht mitgemacht, denn: "Die Unternehmen sind doch noch da, nur der Hauptsitz wurde verlagert."

Der Protest galt und gilt nämlich vor allem den Banken Caixa und Sabadell, weil sie - so wie mittlerweile 917 andere Unternehmen -  ihren Firmensitz aus Katalonien ausgelagert haben.  Zu den Abwanderern gehören nicht nur Banken, die unterm europäischen Rettungsschirm bleiben wollen, sondern auch Fluglinien, Pharma- und Sekthersteller. Sie alle wollen Rechtssicherheit und im EU-Binnenmarkt bleiben.

Die Verunsicherung wächst

"Die Märkte der katalanischen Unternehmen befinden sich größtenteils im Rest Spaniens. Wir fürchten jetzt, dass sie gehen und nicht zurückkommen und nicht nur die Hauptquartiere, sondern auch die Produktion ausgelagert wird", glaubt Juan- Jose Ganuza, Wirtschaftsprofessor an der Universitat Pompeu Fabra.

Derzeit erwirtschaftet Katalonien ein Fünftel des spanischen Sozialproduktes. Wegen der Verunsicherung, des Investitionsstaus hat die Zentralregierung schon die Wachstumsprognose für ganz Spanien um drei Zehntel Prozentpunkte auf 2,6 Prozent für 2018 gesenkt. Die Madrider Börse ist zuletzt um 2 Prozent eingebrochen.

"Die Unabhängigkeit wäre wirtschaftlicher Selbstmord für Katalonien. Was wir bis jetzt an Verlagerungen von Firmensitzen gesehen haben, wäre nur ein kleiner Aperitif im Vergleich zu dem, was mit der Unabhängigkeit käme", warnte Wirtschaftsminister Luis Guindos in Madrid.

Verlagerung von Firmensitzen erleichtert

Die spanische Regierung trägt das ihre zum Trend bei: durch ein Gesetz, das die Verlagerung des Firmensitzes erleichtert: Nicht die Aktionärsversammlung, sondern der Aufsichtsrat entscheidet jetzt im Regelfall darüber. Die Verunsicherung ist jedenfalls groß: 30 Prozent weniger Autokäufe, 15 bis 20 Prozent Stornierungen im Tourismusgeschäft und bei den Umsätzen großer Handelsketten seit dem illegalen Referendum am 1. Oktober. Die Hiobsbotschaften in Katalonien reißen also nicht ab. 

"260 000 Unternehmen sind in Katalonien geblieben", betonte indes der katalanische Wirtschafts- und Finanzminister Oriol Junqueras vor Unternehmern. Anfänglich hatte er die Repression durch die Guardia Civil für den Negativtrend verantwortlich gemacht. Für heute hat er allerdings wegen der explosionsartigen Firmenabwanderung eine Sondersitzung anberaumt. Ein unabhängiges Katalonien außerhalb der EU würde wohl Kopfzerbrechen bereiten, selbst wenn es ein Steuerparadies würde. Mehr Kopfzerbrechen als die Frage, in welcher Liga denn künftig der FC Barcelona spielen würde. Und das will was heißen.

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