Mittwoch, 22.09.2021
 
Seit 20:30 Uhr Lesezeit
StartseiteKommentare und Themen der WocheAn erster Stelle muss die Fehleranalyse stehen26.07.2021

KatastrophenschutzAn erster Stelle muss die Fehleranalyse stehen

Nach dem verheerenden Hochwasser fordern die Grünen mehr Kompetenzen für den Bund beim Katastrophenschutz. Dafür müsste das Grundgesetz geändert werden. Die SPD ist dafür, der Bundesinnenminister und die Länder sind dagegen. Diese Diskussion gehe derzeit am Problem vorbei, kommentiert Gudula Geuther.

Ein Kommentar von Gudula Geuther

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz, 24.07.2021, Rheinland-Pfalz, Bad Neuenahr-Ahrweiler: Zerstörte Fahrzeuge liegen am Straßenrand auf aufgetürmten Sperrmüllbergen. Die Aufräumarbeiten in dem Hochwassergebiet sind in vollem Gange. Zahlreiche Autos wurden in dem Gebiet weggeschwemmt und zerstört. Bad Neuenahr-Ahrweiler Rheinland-Pfalz Deutschland Bad Neuenahr-Ahrweiler *** After the storm in Rhineland-Palatinate, 24 07 2021, Rhineland-Palatinate, Bad Neuenahr Ahrweiler Destroyed vehicles lie on the side of the road on piles of bulky waste The cleanup work in the flooded area is in full swing Numerous cars were washed away and destroyed in the area Bad Neuenahr Ahrweiler Rhineland-Palatinate Germany Bad Neuenahr Ahrweiler Copyright: x xonw-imagesx/xJasonxTschepljakowx (IMAGO / onw-images)
Die Diskussion um Kompetenzen gehe derzeit ein wenig am Problem vorbei, kommentiert Gudula Geuther (IMAGO / onw-images)
Mehr zum Thema

Katastrophenschutz Mehr Vorsorge bedeutet weniger Tote, Zerstörung und Kosten

Der Tag mit Andres Veiel Wie gut ist unser Katastrophenschutz?

Der Tag mit Andres Veiel Wie gut ist unser Katastrophenschutz?Katastrophenschutz-Experte zu Unwettern Das Bewusstsein für Extremwetterlagen fehlt noch bei den Menschen

Es wirkt allzu forsch, wenn die Grünen heute, am 26. Juli, ihr Konzept für eine Neuausrichtung des Katastrophenschutzes vorstellen, an einem Tag, an dem noch viele, viele Menschen vermisst werden und Fehleranalysen erst beginnen. Tatsächlich ist es nicht ganz so voreilig, wie es klingt, denn die Partei will schon lange mehr zentrale Kompetenzen für den Bund - zumindest in schweren Katastrophenlagen. Auch die SPD-Fachpolitiker wollen dafür das Grundgesetz ändern.

Bundesinnenminister Host Seehofer will das nicht, wie er am 26. Juli neuerlich betonte; und, was wichtiger ist: Auch die Länder wollen es nicht. Und ohne sie, die bisher für den Katastrophenschutz zuständig sind, geht sowieso nichts. Das zu beklagen bringt nicht viel. Denn die Diskussion um Kompetenzen geht ein wenig am Problem vorbei. Das ist komplex und mit dem einfachen Ruf nach dem Bund nicht zu lösen. Bei einer Katastrophe wie dem Hochwasser liegt das auf der Hand.

Die Menschen schauen in dem Ort im Kreis Ahrweiler nach dem Unwetter auf die Zerstörungen. Mindestens sechs Häuser wurden durch die Fluten zerstört. (picture alliance/dpa | Harald Tittel) (picture alliance/dpa | Harald Tittel)Wie wir Städte an steigende Unwetter-Gefahren anpassen können
Vollgelaufene Keller, überflutete Straßen, Hauseinstürze – das Ausmaß und die Folgen des langanhaltenden und intensiven Starkregens in Deutschland haben überrascht. Wie lassen sich solche Unwetter besser vorhersagen? Wie lässt sich das Risiko für Überschwemmungen reduzieren? Ein Überblick.

Natürlich geht hier gar nichts ohne die lokalen Behörden, mit Landschafts- und Ortskenntnis und auch der Kenntnis der Gegebenheiten, die Improvisation erst erlaubt. Und natürlich reicht das nicht. Diese Behörden brauchen in diesem Fall Wetterinformationen, sie brauchen die Einschätzung von Fachleuten, um sie entschlüsseln zu können. Sie brauchen ebenso wie Länder und Bund eine funktionierende Vernetzung der vielen zuständigen Profis und Ehrenamtler. Diese Vernetzung funktioniert in diesen Tagen oft nicht, sie ist die vielleicht anspruchsvollste Aufgabe.

"Ob es gereicht hätte, wissen wir nicht"

Vielleicht könnte der Bund das tatsächlich besonders gut übernehmen. Aber das darf er auch. So wie er jetzt schon das Technische Hilfswerk schicken kann, so wie jetzt schon die Bundeswehr helfen darf. Die Behörden müssen sie nur anfordern. Diese nötige Vernetzung hatten Horst Seehofer und der immer noch recht neue Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Armin Schuster auf den Weg bringen wollen, bevor die Flutwellen ihnen zuvorkamen. Ob es gereicht hätte, wissen wir nicht. Aber die Frage ist auch müßig. Bei der Zusammenarbeit kommt es auf die konkrete Umsetzung an.

Nach der Hochwasser-Katastrophe im Erftkreis gehen die Aufräumarbeiten weiter. Bei den Bergungsarbeiten der zerstörten Autos in Erftstadt-Liblar kommen auch Sonar, Bundeswehrpanzer und Taucher zum Einsatz: Sie überprüfen die massiv beschädigten Fahrzeuge auf der B256 Luxemburger Straße. Die Fahrer der Autos und LKWs waren von den Wassermassen überrascht worden, konnten sich nach bisherigen Erkenntnissen offenbar noch eilig in Sicherheit bringen. Erftstadt, 17.07.2021 (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres) (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)Zivil- und Katastrophenschutz - Wie die Menschen bei einer Katastrophe gewarnt werden
Nach der Unwetterkatastrophe in Deutschland kommt Kritik auf, dass die Bevölkerung nicht ausreichend gewarnt worden wäre. Wie laufen solche Warnungen ab und was braucht es in Zukunft, damit Warnungen rechtzeitig alle Menschen erreichen? Ein Überblick.

An erster Stelle muss also doch derzeit die Fehleranalyse stehen. Und dann die Frage, wo ganz genau wer wie mit wem besser zusammenarbeiten muss. Und das ist meist keine Frage der Macht und der Weisung, sondern der Übung. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, ernster auf Katastrophen eingestellt zu sein, und wir, das sind auch wir Bürger, die wieder lernen müssen, was welcher Sirenenton bedeutet. Und dann kann auch wieder über Kompetenzen gesprochen werden. Nur wird die Antwort dann wahrscheinlich noch komplizierter ausfallen. Mit einer komplexen Antwort für Hochwasser, einer anderen für Pandemien und einer Dritten für Cyberangriffe auf die kritische Infrastruktur. Diese Diskussionen beginnen erst.

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk