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StartseiteKommentare und Themen der WocheMehr Krisenfestigkeit, bitte!18.07.2021

KatastrophenschutzMehr Krisenfestigkeit, bitte!

Man könne sich nicht auf alles vorbereiten. Mit dem Offensichtlichen aber sollte begonnen werden: einer verbesserten Warnung der Bevölkerung. Einst wurden viele Sirenen abgebaut. Nun verlasse man sich auf Warnapps und Radios. Doch falle der Strom aus, blieben beide stumm, kommentiert Mario Dobovisek.

Ein Kommentar von Mario Dobovisek

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Blick auf die überflutete B265 bei Erftstadt Liblar. Ein Panzer der Bundeswehr zieht einem Wagen aus der Flut. Ein Einsatzwagen der Feuerwehr und ein LKW stehen noch unter Wasser. ( picture alliance/dpa | David Young)
Je länger die letzte Flut vergangen, der letzte Keller ausgepumpt ist, desto eher denken und hören wir Sätze wie: „Wird schon nichts passieren“. ( picture alliance/dpa | David Young)
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Auf die wesentlichen Dinge müssen wir uns konzentrieren, sobald die letzten Opfer geborgen und die ersten Schäden beseitigt sind. Nicht auf die unzähligen Nebenkriegsschauplätze, die politisch gerade gern betreten werden. Resilienz lautet das Stichwort, das wir uns genauer ansehen sollten. Unsere Krisenfestigkeit als Gesellschaft, als Kommune, als Individuen. Mit einer technologie-hörigen Überheblichkeit ignorieren wir Risiken, die uns Wissenschaftlerinnen und Experten aufzeigen. Damit ist der Klimawandel gemeint - aber nicht nur. Auch eine Nummer kleiner müssen wir denken.

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Prävention ist nicht sexy. Sie kostet Kraft und Geld. Und politisch Verantwortliche müssen bei leeren Kassen erklären können, warum die Befestigung des alten Stadtdeiches mindestens genauso wichtig ist wie der neue Farbanstrich der örtlichen Kita. Je länger die letzte Flut vergangen, der letzte Keller ausgepumpt ist, desto eher denken und hören wir Sätze wie: "Wird schon nichts passieren". Auch nach der Flutwarnung des Europäischen Hochwasser-Warnsystems Anfang der Woche: "Wird schon nichts passieren".

Die plötzlichen Prioritäten sind nicht von langer Dauer

Doch das ist der immer gleiche sich wiederholende Irrglaube mit den immer gleichen Mechanismen: große Solidarität in der Krise, ein Aufwachen der Politik, plötzlich fließen Mittel, doch schon wenig später verschieben sich die Prioritäten wieder. Es fehlt an Willen und Geld, um die neu errichteten Deiche zu unterhalten und zu ertüchtigen. Und es fehlt an Kraft, wirkliche Reformen anzugehen. Zum Beispiel mit Blick auf die Krisen-Kompetenzen von Bund, Ländern und Gemeinden. Warnende Stimmen indes werden als Unken zu den übrigen Kröten in den Dorfteich verbannt.

Übrigens: So geschehen auch mit der Corona-Pandemie, auf die wir uns ohne Zweifel hätten besser vorbereiten müssen. Denn die Unken in Form von Bundestagsgutachten und Erkenntnissen aus Katastrophenschutzübungen gab es zu Hauf. Ab damit in den Dorfteich. Doch das muss aufhören!

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Wir können uns gewiss nicht auf alle Eventualitäten vorbereiten. Mit dem Offensichtlichen aber sollten wir beginnen. Zum Beispiel mit einer verbesserten Warnung der Bevölkerung: Die Probleme sind bekannt. Und das nicht erst seit dem gescheiterten bundesweiten Warntag im vergangenen Jahr. Gescheitert an misslungenen Absprachen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden. Nach Ende des Kalten Krieges wurden vielerorts die Sirenen abgebaut. Stattdessen verlassen wir uns heute auf Warnapps und Radios. Doch fällt der Strom aus, bleiben beide stumm. Und das passiert sehr schnell, wenn Wassermassen Strom- und Sendemasten mit sich reißen. Kein Strom, kein Telefon, kein Internet. Auch das Digitalradio kann in der Theorie vieles, ist aber in der Praxis ebenso anfällig wie andere moderne Kommunikationsmittel.

Die Schwere der eigenen Betroffenheit richtig einschätzen

Das gleiche Problem haben übrigens die Rettungskräfte auch, weil sie sich auf ihren Digitalfunk verlassen. Nicht wenige horten deshalb die alten analogen Geräte. Nicht fürs Museum, sondern für den Fall der Fälle. Und für uns zu Hause stellt sich die Frage, wer überhaupt ein batteriebetriebenes Digitalradio besitzt, das sich ohne Strom aus der Steckdose einschalten und uns wecken könnte. Doch selbst wenn Einsatzkräfte nachts um drei an die Tür klopfen und uns zum Verlassen der eigenen vier Wände auffordern. Selbst dann gibt es nicht wenige Menschen, die das ignorieren und bleiben. Denn die Gefahr ist für sie nicht sichtbar und die Überheblichkeit obsiegt. "Wird schon nichts passieren". Oft habe ich in meiner aktiven Zeit im Zivil- und Katastrophenschutz solche Diskussionen mit Anwohnern führen müssen. Wissend, dass in wenigen Stunden das Wasser meterhoch im Wohnzimmer stehen wird.

Damit wären wir bereits mitten im zweiten Aspekt der Resilienz; der ganz persönlichen Krisenfestigkeit. Neben der eigenen Risikowahrnehmung beginnt sie mit der simplen Frage, wie lange ich mich ohne fremde Hilfe, ohne Strom und ohne Trinkwasser aus der Leitung selbst versorgen könnte. Ein, zwei Tage vielleicht? Das reicht nicht! Das sehen wir in einer Lage wie der jetzigen ganz deutlich. Selbst wenn mein Haus noch steht, wird es dauern, bis Hilfe zu mir durchdringen kann und die Infrastruktur wieder funktioniert.

In Interviews habe ich am Donnerstag Betroffene aus Hagen gehört, die sich darüber beschwerten, dass sie schon vor über zehn Stunden die Feuerwehr gerufen hätten, weil Wasser im Keller stünde. Niemand sei gekommen, niemand hätte sich gemeldet. Mich lässt das ehrlich gesagt fassungslos zurück. Anderswo bangen in diesem Moment Menschen um ihr Leben, stemmen sich größtenteils ehrenamtliche Einsatzkräfte gegen Dämme und Talsperren, die vor dem Zerbersten stehen. Die Fähigkeit, die eigene Betroffenheit vor dem Hintergrund des Leides anderer zu sehen – auch das ist Resilienz.

Mario Dobovisek (Deutschlandradio / Annika Pesch)Mario Dobovisek (Deutschlandradio / Annika Pesch)Mario Dobovisek In Berlin geboren, Studium der Politikwissenschaft in Berlin, Frankfurt am Main und Ljubljana. Freier Korrespondent in Slowenien. Volontariat beim Deutschlandradio. Korrespondent im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio. Redakteur und Moderator im Zeitfunk des Deutschlandfunk. Zuvor tätig im Zivil- und Katastrophenschutz. 

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