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StartseiteTag für TagÖffnet der Papst die Tür für ein gemeinsames Abendmahl? 02.12.2015

Katholiken und ProtestantenÖffnet der Papst die Tür für ein gemeinsames Abendmahl?

Auf ein gemeinsames Abendmahl hoffen viele Protestanten und Katholiken. Für Katholiken ist die gemeinsame Eucharistiefeier nicht zulässig, doch nun bringt Papst Franziskus mit einer Bemerkung Bewegung in die Debatte: Vielleicht müssten nicht alle Unterschiede ausgeräumt sein, bevor das gemeinsame Abendmahl möglich werde.

Von Corinna Mühlstedt

Papst Franziskus bei der Eucharistiefeier (dpa / picture alliance / Donatella Giagnori )
Papst Franziskus bei der Eucharistiefeier (dpa / picture alliance / Donatella Giagnori )
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Ökumene Papst und orthodoxer Patriarch wollen Kirchenspaltung überwinden

"Dieses Geschenk von Papst Franziskus ist wirklich ein starkes Zeichen. An der Stelle, wo bisher zwischen römisch-katholischen und evangelisch-lutherischen Christen keine Gemeinschaft war, im Abendmahl, Eucharistie, sagt der Papst mit diesem Geschenk: Es soll ein Zeichen sein für die Gemeinschaft, auf die wir zugehen. Und das gibt uns viel Mut, auf diesem Weg zur sichtbaren Einheit der Christenheit weiter zu gehen."

Soweit Jens Martin Kruse, Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde Roms. Lutherische Kirchen laden schon seit langem alle getauften Christen zum Abendmahl ein. Doch auf katholischer Seite verhindern bisher dogmatische Bedenken diesen Schritt. Die Situation gehört zu den schmerzlichsten Wunden, die das Verhältnis zwischen den Kirchen belasten. Mit dem Geschenk des Papstes beginne ein neues Kapitel, betont der Präsident des Päpstlichen Ökumene-Rates, Kardinal Kurt Koch. Nie zuvor habe ein Papst Lutheranern ein solches Symbol überreicht:

"Es sind zwei Situationen, wo der Papst einen solchen Kelch gibt: Die erste ist, wenn er eine Ortskirche, eine Diözese besucht, dort Eucharistie feiert, dann übergibt er einen Kelch und Patene dem Ortsbischof. Das ist ein Zeichen der vorhandenen Einheit in der Eucharistie. Aber, beispielsweise, wenn ich zur Amtseinsetzung eines Patriarchen der orthodoxen Kirche gehe, dann überlässt er mir auch dieses Zeichen eines Kelches: Hier ist es ein Zeichen der Hoffnung auf die kommende Eucharistie-Gemeinschaft."

Papst Franziskus schilderte gegenüber der deutschsprachigen lutherischen Gemeinde in Rom auch seine weiteren Erwartungen an die Ökumene.

"Wir beten zusammen, wir arbeiten zusammen für die Bedürftigen, wir sind in brüderlicher Liebe verbunden. Aber wir sind getrennt, weil Eure dogmatischen Bücher das Eine sagen und unsere das Andere. Doch einer Eurer großen Theologen hat einmal gesagt, es sei Zeit für 'versöhnte Verschiedenheit'. Bitten wir um die Gnade solch einer 'versöhnten Verschiedenheit'."

Damit tritt der Papst den Befürchtungen mancher evangelischer Kreise entgegen, der Vatikan strebe eine sogenannte "Rückkehr-Ökumene" an, bei der nicht-katholische Kirchen um der Einheit willen ihre Eigenart aufgeben und sich Rom wieder "unterwerfen" müssten. Franziskus denke hier viel flexibler, meint Kurt Koch:

"Mit dem Begriff der ‚versöhnten Verschiedenheit' will der Heilige Vater zum Ausdruck bringen, dass Einheit nie Einheitlichkeit ist: Das Ziel ist, versöhnt zu sein, alle Differenzen so zu versöhnen, dass die Unterschiede zwar bleiben, Vielfalt bleibt, aber keine Trennung mehr ist.

Freilich bleibt die entscheidende Frage: Welche Unterschiede trennen die Kirchen heute noch so stark, dass sie eine "versöhnte Verschiedenheit" behindern? Gewöhnlich verweist man auf unterschiedliche Vorstellungen vom Amt des Priesters, des Bischofs oder gar des Papstes. Dass sich Katholiken und Protestanten in diesen Grundsatzfragen einigen, ist nicht absehbar.

Aber ist eine solche Einigung wirklich erforderlich, bevor ein gemeinsames Abendmahl Wirklichkeit werden kann? Der Papst rief bei der Begegnung in Rom die Theologen auf, mehr Flexibilität zu zeigen:

"Ich frage mich: Was bedeutet es, das Abendmahl zu teilen? Muss dies das Ende eines Weges sein? Oder kann es nicht auch eine ‚Wegzehrung' sein, um den Weg gemeinsam fortzusetzen?"

Für Jens Martin Kruse sind die Worte des Papstes Grund zur Hoffnung:

"Mit dieser Frage hat er eine Tür geöffnet: Bisher steht die Eucharistie am Ende, wenn es keine Trennung mehr gibt zwischen den Kirchen. Aber der Papst hat deutlich gemacht, dass das Abendmahl auch ein Stück Wegzehrung ist, und wir müssen von daher wirklich überlegen, wie wir auf dem Weg zur Einheit auch schon zu Formen des gemeinsamen Abendmahls kommen können. Es kann nicht sein, dass heute Menschen nach wie vor darunter leiden, dass die Kirchen an dieser Stelle getrennt sind. Auch das hat der Papst gesagt, indem er ganz klar den Apostel Paulus zitiert hat und darauf hingewiesen hat, dass die Trennung der Christen ein "Skandalon" ist. Und Franziskus macht uns Mut, diesen Skandal ernst zu nehmen und das Trennende zu überwinden."

Das Abendmahl ist für Christen aller Konfessionen auch ein Symbol der Vergebung. Aus diesem Grund geht ihm stets ein Akt der Buße bzw. Entschuldigung für begangene Fehler voraus. Was für Einzelne gilt, gelte auch für die Kirchen als Ganze - signalisierte Franziskus den Lutheranern:

"Es gab furchtbare Zeiten zwischen uns. Denkt nur an die Verfolgungen - zwischen uns, die wir dieselbe Taufe haben! Denkt an die vielen Opfer, die lebendig verbrannt wurden! Wir müssen um Verzeihung bitten für den Skandal unserer Trennung!"

Eine solche Geste wechselseitiger Vergebung ist derzeit für das Gedenkjahr 2017 im Gespräch, in dem sich Katholiken und Lutheraner gemeinsam des Beginns der Reformation vor 500 Jahren erinnern werden. Kardinal Kurt Koch:

"Der Heilige Vater hat gesagt, ob die Eucharistie Ziel oder Wegzehrung sei, ist eine schwierige Frage, die er an die Theologen weiter reiche. Es müssten hier neue Wege gesucht werden. Ich denke, es ist jetzt die Aufgabe, diese Fragen anzugehen."

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