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StartseiteInformationen am MorgenIntegration als Projekt für alle 11.05.2018

Katholikentag in Münster Integration als Projekt für alle

Flucht und Migration als Chance für die deutsche Verwaltung - wie das zusammengeht, hat Gesundheitsminister Jens Spahn auf dem Katholikentag in Münster erklärt. In vielen Debattenbeiträgen wurde deutlich: Integration kann gelingen - sie braucht aber die entsprechenden Rahmenbedingungen.

Von Kirsten Dietrich

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nimmt an einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Integriert Euch! Wer eigentlich? Und wohin? Anforderung an das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft“ teil. (picture alliance / Rolf Vennenbernd)
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) (picture alliance / Rolf Vennenbernd)
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Der große Schlagabtausch blieb aus. Was Bundesinnenminister Horst Seehofer zum Thema Integration zu sagen hätte, war mit Spannung erwartet worden - allein, der Minister kam nicht. Probleme bei der Anreise, hieß es. Stattdessen kam Gesundheitsminister Jens Spahn, und der gab sich trotz früherer, kritischer Positionen offen:

"Das wird superherausfordernd werden, das wird auch in der Zeit echte Konflikte und Probleme geben, auch mit Blick auf kulturelle Unterschiede, aber wenn wir es richtig machen, hat das eben auch Chancen, infrage zu stellen Dinge, wie wir sie bisher tun und noch mal neu zu starten in bestimmten Bereichen."

Schwung bei der Digitalisierung durch Flüchtlinge

Flucht und Migration würden so zur Chance, sagt Spahn - für die deutsche Verwaltung.

"Das ist der einzige Bereich im Moment, wo digitale Verwaltung wirklich schon funktioniert. Weil wir gemerkt haben, das funktioniert nicht, dass die kommunale Verwaltung, die Bundespolizei, die Verwaltungsgerichte, die Länder, der Bund - keiner konnte richtig miteinander kommunizieren. Und es ist gelungen, innerhalb von Wochen einen ganzen Strang der deutschen Verwaltung neu zu sortieren, wie das vorher Jahre und Jahrzehnte nicht gelungen ist."

Um eben den Datenabgleich über die Geflüchteten zwischen den Behörden in Schwung zu bringen.

"Es gibt eben viele Menschen, die zu diesem Thema Migration und Integration gehören, die Deutschland ganz lange schon mitbestimmen und hier auch mitgestalten wollen, und die werden meines Erachtens gerne vergessen, ich nenne das manchmal etwas überspitzt ‚langweilige Integrationserfolge‘. Und insofern ist die Zeit jetzt für diese auch kontroversen Debatten schon günstig."

Sagt die Migrationsforscherin Annette Treibel. Sie beschäftigte sich schon vor dem Anstieg der Flüchtlingszahlen mit "Integrationsverweigerern mit und ohne Migrationshintergrund", wie sie das nennt. In der Diskussion stünden und für ihre fehlende Integrationsleistung verurteilt würden meist nur die, die ins Land hineingekommen seien.

"Aber soziologisch und politisch finde ich die andere Gruppe viel spannender, und die hab ich eben als Integrationsverweigerer ohne Migrationshintergrund bezeichnet, und damit meine ich Menschen, die das, was ich für sinnvoll halte, nämlich Integration als Projekt für alle zu verstehen, ablehnen."

Aspekte von Flucht und Vertreibung

Der Katholikentag bietet viele Möglichkeiten, mit Geflüchteten ins Gespräch zu kommen: Da gibt es Zeugengespräche mit geflüchteten jungen Christen aus dem Irak und Syrien. Geflüchtete Autoren und Autorinnen. Ausstellungen. Oder auch eine Veranstaltung über "Flüchtlinge heute und Vertriebene 1945", es geht um Erfahrungen gelungener Integration. Alles sinnvolle und gute Projekte, aber sie befassen sich mit dem Aspekt von Flucht und Migration, der sich Menschen guten Willens leicht vermitteln lässt: Flucht vor Bürgerkrieg oder vor politischem Druck eines undemokratischen Regimes. Flucht wegen der Bekehrung zum Christentum in einem muslimisch geprägten Land. Flucht aus wirtschaftlicher Not, aus Armut, aus Ländern Afrikas? Das ist die Migration, an der sich die populistischen Debatten entzünden und die auch die Gesellschaft vor ganz andere Herausforderungen stellt, und sie kommt viel seltener zur Sprache bei diesem Katholikentag. Es gibt die Sehnsucht nach Konstruktivem, nach den gelungenen Beispielen - wie Aria Patto sie erzählen kann:

"Ich persönlich habe die Seite ausgenutzt, wo ich mich wohlfühle, zum Beispiel Sport, ich spiele in zwei Vereinen Fußball und spiele auch Volleyball."

"Der Flüchtling muss rauskommen"

Patto ist Sportlehrer. Er floh aus dem Irak, weil er dort als Christ nicht mehr leben konnte. Sein Asylantrag wurde anerkannt, jetzt engagiert er sich bei den Maltesern für andere Geflüchtete.

"Ich würde sagen, der Flüchtling muss rauskommen, muss die Tür aufmachen für sich, dann kommt er auf die Straße, und er muss sich mit den Leuten in Kontakt nehmen - alleine kann der das nicht schaffen."

Integration kann gelingen, aber sie braucht entsprechende Rahmenbedingungen. Mehr Fantasie fordert da Peter Neher, der Präsident des deutschen Caritas-Verbandes: Das Deutschlernen zum Beispiel ließe sich in Etappen erledigen und mit dem Einstieg in den Arbeitsmarkt verbinden, zum Beispiel in der Pflege.

"Wie können wir, was wir klassisch gemacht haben, in Portionen aufteilen, in Teilabschlüsse. Weil ich versteh doch jeden jungen Mann und jede Familie, die hier herkommt, die will Geld verdienen. Und wenn ich dann erst mal sage: erst mal lern die Sprache, dann mach ne Ausbildung, das dauert ja Jahre."

Bestärkung für das Engagement der Gläubigen

Einspruch kommt von Gesundheitsminister Jens Spahn:

"Wenn wir dann konkret werden in den Einrichtungen, dann sorgt auch das manchmal für Konflikt. So nach dem Motto: Ich musste diesen schwierigen, langen Weg der Ausbildung gehen, jetzt müsst ihr schon auch schauen, dass andere auch ähnliche Qualifikationsanforderungen erfüllen müssen."

Integration bleibt also: eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Der Katholikentag will dabei bestärken. Verschiedene migrationspolitische Gruppen rufen für den Samstag zum Flashmob auf: Damit die Stadt Münster 370 geflüchtete Menschen zusätzlich aufnimmt, für jedes Jahr seit dem Westfälischen Frieden einen.

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