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StartseiteTag für Tag"Ich würde es Kriegsbeihilfe nennen"07.05.2020

Katholische Bischöfe in der NS-Zeit "Ich würde es Kriegsbeihilfe nennen"

Die Deutsche Bischofskonferenz hat in der vergangenen Woche ein Schuldbekenntnis abgelegt - 75 Jahre nach Kriegsende. Ihre Vorgänger seien in den nationalen Zeitgeist verstrickt gewesen. Peter Bürger, Herausgeber von Predigten aus der NS-Zeit, sagt: "Die Kirchenspitze hat die Kriegsideologie gestützt".

Peter Bürger im Gespräch mit Christiane Florin

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Adolf Hitler (l) begrüßt während des Reichsparteitags der NSDAP 1934 in Nürnberg Reichsbischof Ludwig Müller  (picture alliance / dpa)
Die Kirche kooperierte im Nationalsozialismus in weiten Teilen mit dem Regime (picture alliance / dpa)
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Christiane Florin: Vor einer Woche haben die deutschen katholischen Bischöfe ein Schuldbekenntnis abgelegt. In dem Papier heißt es unter anderem: "Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges Nein entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg". Die Bischöfe hatten während der NS-Zeit Gehorsam, Opferbereitschaft und Heldenmut an Front und Heimatfront gefordert, niemand aus der kirchlichen Führungsriege erhob laut die Stimme gegen den Mord an den Juden, auch das steht in der Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz.

Der Publizist Peter Bürger befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit den Predigten in der Zeit des Nationalsozialismus, er hat mehrere Bücher und Textsammlungen herausgegeben, er ist zudem aktiv bei "Pax Christi". Vieles von dem, was nun offiziell eingestanden wurde, war für alle, die sich damit beschäftigt haben, bekannt. Ich habe gestern mit ihm über die Rolle der katholischen Kirche vor und nach dem 8. Mai 1945 gesprochen und über das aktuelle Schuldeingeständnis der heutigen Bischöfe. Zunächst wollte ich von ihm wissen, wo die Schnittmengen zwischen der NS-Ideologie und dem Katholizismus der 30er- und 40er-Jahre waren.

Peter Bürger: Eigentlich muss man 60 Jahre zurückgehen, in das Erste Vatikanum. Da erklärt die römisch-katholische Kirche endgültig, dass sie ein absolutes Führerprinzip hat. Das heißt, dass sie von oben nach unten organisiert ist. Demokratie, Diskurs, Freiheit, Menschenrechte, Individualität, das sind alles Irrlehren für diese Kirche des Ersten Vatikanums. Da hat man natürlich eine Affinität zum Totalitären. Des Weiteren: Die Bewunderung des Faschismus. Pius XI. war ganz angetan von Mussolini. Und ein wichtiger Punkt: Mein Papa, groß geworden in der Weimarer Republik, hat das so ausgedrückt: "Über Juden hat unsere Geistlichkeit nie ein gutes Wort verloren." Die Schnittmenge war natürlich nicht die, einen Massenmord industriell zu begehen. Aber in den katholischen Lexika stand: Es gibt einen guten Antisemitismus, den vertreten wir, und eben einen schlechten, das ist der Rassen-Antisemitismus. Unterm Strich kann man sagen, so wie es der Staatsrechtler Böckenförde als junger Katholik 1960 gesagt hat: Man ist damit hausieren gegangen, dass das autoritäre Gesellschaftsmodell doch ganz hervorragend zum Katholizismus passt.

"Gehorsamspflicht gegenüber der Obrigkeit"

Florin: Gab es eine Differenz zwischen Basis und Hierarchie? Also sah die Basis das zum Beispiel auch so, dass der Nationalsozialismus in der Lage ist, die "angegriffene Sittlichkeit", so heißt es ja in manchen Bischofsworten, wiederherzustellen, mit dieser liberalen Demokratie, mit der "Dekadenz" der Weimarer Zeit aufzuräumen? 

Der Publizist und Friedensaktivist Peter Bürger engagiert sich bei "Pax Christi". (privat)Peter Bürger ist Publizist und katholischer Friedensaktivist. (privat)Bürger: Es ist wichtig zu sagen, dass es innerhalb des Katholizismus auch diejenigen gab, die nicht nur aus Opportunismus die Demokratie zu ihrer Sache gemacht hatten. Ein gewichtiger Flügel in der Zentrumspartei, der Friedensbund Deutscher Katholiken, das waren wirkliche Demokraten. Die waren zwar eine Minderheit in der Kirche, aber sehr profiliert. Nehmen Sie eine große Gestalt wie Matthias Erzberger, ermordet von den Rechtsradikalen, der ganz früh aus dem Ersten Weltkrieg eigene Lehren gezogen hat.

Florin: Fast alle Bischöfe - einer hat geschwiegen - haben schon zu Beginn des Zweiten Weltkrieges diesen Krieg unterstützt, haben an die Opferbereitschaft appelliert, haben zum Gehorsam gegenüber dem Führer aufgerufen. Und sie haben diesen Krieg auch bis zum Ende unterstützt. An welche Theologie knüpfte dieses Denken an?

Bürger: Das ist eigentlich ein neues Kirchendenken. Ich sage mal, ab etwa 1900 hat sich durchgesetzt: Der Kulturkampf ist vorbei, die Kirche wird anerkannt. Man ist eigentlich schon beim ersten imperialistischen Massenmorden im heutigen Namibia mit katholischer Militärseelsorge mit dabei, hat überhaupt kein Bewusstsein. Im Ersten Weltkrieg geht es weiter. Faulhaber, der hinterher eine wichtige Stellung hat, spricht wie von Sinnen von der geheiligten Person des Kaisers. Jeder, der mit alter Kirche Geschichte in den ersten drei Jahrhunderten zu tun hat und nur anfänglich vertraut ist, muss staunen, welche theologischen Fantasien sich hier Spitzenleute der Kirchenleitung zurechtbauen.

Aber Sie haben recht: Das ist mit Ausnahme des feinen Adeligen Konrad von Preysing in Berlin das offensichtlich bis hin zum demokratisch affinen Rottenburger Bischof gemeinsame Doktrin, nämlich die Gehorsamspflicht der Gläubigen gegenüber der Staats- und Kriegsobrigkeit. Man muss natürlich auch das Hitler-Regime als rechtmäßige Obrigkeit anerkennen, weil man sich 1933 von dem Konkordat viel erhofft und ein einen solchen Vertragsabschluss zwischen Kirche (Vatikan) und Staat, also in diesem Fall Hitler-Staat, ist natürlich nur etwas wert, wenn es sich um die reguläre, anzuerkennende Staatsobrigkeit handelt.

"Apologetischer Holzweg"

Florin: Wenn wir uns die aktuelle Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz anschauen, also das Schuldbekenntnis: In dieser Erklärung ist von der Verstrickung der damaligen Bischöfe die Rede, von der "Verstrickung in den nationalen Zeitgeist". Wie würden Sie das nennen? Auch Verstrickung?

Bürger: Ich bevorzuge in den Publikationen, in denen ich die Primärquellen zugänglich mache - dass man das demokratisch wirklich mal lesen kann, was die damals gesagt haben - ich bevorzuge den Terminus "Kriegsbeihilfe", "Kriegsassistenz". Es ist nicht nur so, dass sie geschwiegen haben, dass sie nicht protestiert haben, sondern sie haben aktiv zu Beteiligung aufgerufen und die offizielle Kriegsideologie im Hitler-Staat auch inhaltlich gestützt. 

Florin: Was finden Sie gut an dieser Erklärung der Bischöfe? Und was fehlt Ihnen darin?

Bürger: So richtig gut finde ich den Duktus nicht mehr, nachdem ich wirklich den Text gelesen habe. Er hat mich eigentlich traurig gemacht. Die Bischöfe entscheiden sich dafür, das wird ja auch immer wieder betont, dass sie ihre Vorgänger nicht individuell verurteilen wollen und sich das Richteramt anmaßen. Das finde ich schon mal ehrenwert, das steht ihnen auch nicht zu. Aber diese individuelle Fixierung auf die Bischofspersönlichkeiten und deren Integrität scheint mir ein kompletter Holzweg zu sein.

De facto wird in diesem Papier wieder ein apologetischer Weg beschritten auf diesem Weg des Verstehens. "Wir wollen zeitbedingt verstehen. Wieso sind die Bischöfe in ihren Grenzen gewesen?" Das erscheint mir nicht sachgerecht. Wir sehen heute viel klarer, dass Außenseiter, die in der Kirche überhaupt gar keine Machtfunktionen hatten, heute aber heiliggesprochen werden, wie etwa Franz Jägerstätter, ein Bauer, oder ein kleiner Ordenspriester wie Franz Reinisch, dass die im Gegensatz zu den Bischöfen richtig lagen. Das Entsetzen, das wir nach 60 Millionen Toten brauchen und auch nachdem eben diese Form von Kirchenleitung die Kirche so weit weg von ihrem Auftrag durch Jesus geschickt hat, wäre doch, dass wir nachdenken: Was ist damals strukturell gelaufen? Es geht nicht darum, die einzelnen Ortsbischöfe zu beschämen oder deren Andenken zu beschmutzen, sondern dass wir uns erschüttern lassen.

Schuld der Katholiken, Schuld der Protestanten

Florin: Warum hat es überhaupt so lange gedauert? Warum hat es 75 Jahre gedauert, bis alle 27 deutschen Diözesanbischöfe zu einer solchen Erklärung bereit waren? Einzelne haben sich ja immer schon mal kritisch über die Vorgänge geäußert. Hat es mit diesem Amtsverständnis Ihrer Ansicht nach zu tun, dass man sich doch den Amtsträgern, die ja auch Bischof waren, verbunden fühlt?

Bürger: Weil man im Ersten Vatikanum gesagt hat: Die Kirche ist das Reich Gottes, ist ein lebendiger Gottesbeweis auf dieser Welt, muss die Geschichtsschreibung in der Kirche auch immer eigentlich Schönschreibung der Kirchengeschichte sein. Die Schatten müssen unten wegfallen und die Kirche muss glorreich durch die Wirren der Zeit sich erproben und zeigen: Gott ist hier unten auf der Erde. Das ist ein theologisches Problem.

Florin: Wir haben jetzt nur über die katholische Kirche gesprochen, weil sie sich damit intensiv beschäftigt haben. Sie selbst sind Katholik. Schuld hat während der NS-Zeit auch die evangelische Kirche auf sich geladen. Lässt Sie das milder werden gegenüber der eigenen Kirche, dass auch andere versagt haben, die im Namen des Christentums angetreten sind?

Bürger: Ich bin ein großer Verehrer von Bonhoeffer. Dem ging es aber genauso wie den katholischen Dissidenten: Dass sie bei der eigenen Kirche nicht nur auf Gleichgültigkeit stießen, sondern dass sie verurteilt wurden. Es ist ja so, anders als die Bischöfe in ihrem Papier schreiben, dass die Widerständler, die Nonkonformen nicht nur keine Unterstützung bekamen, sondern sie wurden als nicht bekenntnistreu, als sündig und so weiter verurteilt.

Bei der katholischen Kirche bin ich jetzt deshalb nicht milder gestimmt, weil ich als Katholik glaube, dass Katholisch-Sein eine ganz bestimmte Beauftragung hat, in der Geschichte, nämlich die Einheit des Menschengeschlechts zu bezeugen. Katholisch-Sein oder -Werden heißt, immun werden gegenüber diesen nationalistischen, rassistischen Versprechungen. Da hat der Nationalprotestantismus eine andere Geschichte und andere Prägung. Das war viel schwerer für Protestanten, aus diesem Denken rauszukommen. Katholiken hätten in der Weltkirche viel Hilfe gehabt. Der deutsche Katholizismus ist nicht viel widerstandsfähiger gewesen gegen diese Ideologien.

Nach ´45: Märtyrer als Aushängeschild

Florin: Nach 1945 war die katholische Kirche aufgrund dieser Vorgeschichte keinesfalls diskreditiert. Der bekanntermaßen katholische erste Bundeskanzler Konrad Adenauer hat sich auch auf sie gestützt. Sie galt als Säule des moralischen Wiederaufbaus. Warum konnte das so sein?

Bürger: Das konnte deshalb so sein, weil die Bischöfe sich die Orden dieser Basiskatholiken angesteckt haben, die ihnen nicht gehorsam waren, die im KZ umgebracht worden sind, die wegen Wehrkraftzersetzung vor die NS-Gerichte kamen. Im Hirtenwort von August 1945 schrieben die deutschen Bischöfe, es seien in den Reihen der Kirche Menschen schuldig geworden. Sie vermerken aber mit keinem Wort, dass sie gesagt hatten: Ihr müsst euch in der Sowjetunion an der Kriegsmaschine beteiligen. Die Hierarchie hat sich (nach 1945) die Märtyrer instrumentell ans Revers gesteckt. Sie hatte nicht das Recht dazu.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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Die Arbeitshilfe ist als PDF-Dokument verfügbar.

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