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StartseiteKommentare und Themen der WocheErzbischof Woelki an der Spitze eines Skandals09.01.2021

Katholische KircheErzbischof Woelki an der Spitze eines Skandals

Aus dem Missbrauchsskandal im Erzbistum Köln sei ein Aufarbeitungsskandal geworden, kommentiert Georg Löwisch, Chefredakteur von "ZEIT Christ & Welt". Dieser gipfelte in dem Versuch, Journalisten zur Verschwiegenheit zu verpflichten. An der Spitze der bizarren Kommunikationskrise stehe Erzbischof Woelki.

Ein Kommentar von Georg Löwisch. Chefredakteur von "ZEIT Christ & Welt"

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Zu sehen ist der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki während einer ökumenischen Vesper am Vorabend des 1. Advent ein in der Kölner Basilika St. Aposteln (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt)
Erzbischof Rainer Maria Woelki steht massiv in der Kritik (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt)
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Für Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln und Kardinal der katholischen Kirche, ist ein Ja kein Ja und ein Nein kein Nein. Diese Woche hat er es auf die Spitze getrieben, als er Journalistinnen und Journalisten Einblick in die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Aussicht stellte, dann jedoch verlangte, dass sie sich zur Verschwiegenheit verpflichten. 

Ist er zerrissen zwischen den Interessen oder ist er ein Heuchler? Oder ist die Kritik, die auf den Kardinal prallt, doch ungerecht? Manche Kirchenmitglieder im Erzbistum Köln finden das. Sie fühlen sich von dem Skandal um sexualisierte Gewalt in die Ecke gedrängt. Sie setzen die Kritik an Woelki gleich mit Kritik an ihrer Arbeit vor Ort, in der kirchlichen Bibliothek, im Altenheim oder im Kirchengemeinderat.

Ein goldenes Kreuz auf dem Kölner Dom leuchtet am 12.10.2017 in Köln (Nordrhein-Westfalen) in der Sonne.  (dpa / picture alliance / Caroline Seidel) (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)Journalist: Erzbistum Köln ist "mit seiner Kommunikation am Ende" Medien haben den Umgang des Erzbistums Köln mit einem bisher unveröffentlichten Gutachten zu Fällen sexualisierter Gewalt kritisiert. Das Erzbistum hatte eine teilweise Einsicht an eine Verschwiegenheitserklärung geknüpft – eine "Misstrauenserklärung", findet Journalist Joachim Frank.

Doch was haben die Gläubigen bloß zu tun mit dem Handeln des Kardinals? Mit seinem Apparat, mit den ganzen Pressesprechern und Rechtsanwälten? Trotzdem verteidigen ihn viele intuitiv, denn sie sind verwurzelt in dieser Kirche.

Woelki erkennt das. Er verstärkt diesen Effekt. An Weihnachten hat er sich im Gottesdienst dafür entschuldigt, dass die Mitglieder der Kirche seinetwegen kritisiert werden. Das hieß übersetzt: Die Kirche bin ich. Werde ich in Frage gestellt, werdet ihr es auch. Der Hirte versteckt sich hinter der Herde.

Woelki kündigt an – und macht es dann doch anders

Gerade deshalb sollte man sich vor Augen halten, wie Woelki gehandelt hat. Wie er immer wieder das eine ankündigt und das andere tut. Wie sein Ja zum Nein wird.

Der Kardinal wollte ein Gutachten, das sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufklärt. Ja: Die Aufklärung sollte die härteste in Deutschland werden. Ja: Das Gutachten sollte Schuld zuordnen. Ja: Es sollte die Namen jener nennen, die Täter deckten und Taten vertuschten. Aber als dieses Gutachten fertig war, entschied Woelki anders. Nein: Es sollte doch nicht veröffentlicht werden.

Die beiden Kölner Kardinäle Woelki (l.) und Meisner (r., 2017 verstorben) auf der Deutschen Bischofskonferenz 2013 (imago stock&people / Michael Gottschalk) (imago stock&people / Michael Gottschalk)Sexueller Missbrauch im Erzbistum Köln: Der Priester, der Kardinal und die Kinder Ein Pfarrer, so der Verdacht, soll sich mehrfach schwer an Kindern vergangen haben – zum ersten Mal 1986. Sollte der Vorwurf zutreffen, war die Bestrafung milde: Er war weiter als Seelsorger tätig, hielt Vorträge, schrieb Bücher. Eine Recherche im Hoheitsgebiet der Kardinäle Meisner und Woelki.

Woelki versprach, dass er die Betroffenen von Missbrauch beteiligt an der Aufklärung. Doch dann vereinnahmte er sie für seine Ankündigung, das Gutachten zu stoppen. Er hat sich ihrer bedient.

Das war im Herbst. An Weihnachten hat der Kardinal abermals Ja gesagt zur Transparenz. Für die Woche nach Neujahr dann hatte er Journalistinnen und Journalisten einladen lassen, um das verhinderte Gutachten doch einzusehen. Aber etliche, die über Missbrauch und Vertuschung berichtet hatten, waren zu dem Termin nicht eingeladen. Die anderen, die eingeladenen Journalisten wurden von Woelkis Leuten mit einer Verschwiegenheitsvereinbarung empfangen. Per Unterschrift sollten sie sich selbst verbieten, wiederzugeben, was im Gutachten steht. Man hätte auch gleich Augenbinden verteilen können. Die Journalistinnen und Journalisten lehnten ab. Der Termin platzte.

Weitere hochrangige Vertreter des Erzbistums Köln sind verantwortlich

Man muss ergänzen, dass Woelki keineswegs allein handelt. Ihn umgeben andere Kleriker, die sich hinter seiner Misere verbergen. Da ist zum Beispiel sein Generalvikar, die Nummer zwei im Erzbistum, er heißt Hofmann. Er erteilt viele der Befehle, er ist einer der Männer hinter dem Desaster, dieser bizarren Krisenkommunikationskrise. An Woelki zerren die Interessen des ehemaligen Generalvikars Feldhoff und des amtierenden Weihbischofs Schwaderlapp, beide sind selbst Gegenstand des verhinderten Gutachtens.

In diesem Konflikt fuhrwerkt mindestens ein halbes Dutzend Anwaltskanzleien herum. Querverbindungen laufen in etliche andere Bistümer. Aber an der Spitze steht Woelki. Was man nur falsch machen kann in der Aufklärung von sexualisierter Gewalt, hat dieser Mann falsch gemacht.

Großer Schaden für die katholische Kirche

Er hat begonnen mit dem maximalen Versprechen der Offenheit. Aber er hat seinen Apparat nicht auf dieses Ziel ausgerichtet, sondern sich von diesem Ziel abbringen lassen. Ob er sich aus dieser selbstgewählten Verstrickung doch noch wird befreien können, ist eine Frage seines Mutes, aber auch der Professionalität.

Nicht nur seinem Erzbistum, sondern genauso der katholischen Kirche hat er großen Schaden zugefügt, einer Kirche, die in Deutschland trotz allem noch eine wichtige Institution ist und die – daran muss immer wieder erinnert werden – vielfältige Privilegien genießt.

Der Kardinal hat wieder und wieder gesagt, es müssten Namen von Verantwortlichen genannt werden, die falsch gehandelt hätten. Dafür, dass der Missbrauchsskandal zum Aufarbeitungsskandal geworden ist, steht jetzt schon ein Name wie kein anderer: Rainer Maria Woelki.

Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch wurde 1974 in Freiburg geboren. In Leipzig studierte er Journalistik und Afrikanistik. Schon vor dem Abschluss arbeitete er als freier Reporter für Zeitungen, verschiedene ARD-Radios und den Deutschlandfunk. Als Korrespondent berichtete er für den Fachdienst epd medien. Bei der "taz" in Berlin absolvierte er sein Volontariat und arbeitete dort gut zehn Jahre als Redakteur, Reporter und Ressortleiter. Von 2012 an Textchef des Magazins "Cicero". 2015 bis 2020 war er Chefredakteur der "taz". Seit Juli 2020 Chefredakteur von "ZEIT Christ & Welt" und Autor der "ZEIT".

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