Tag für Tag 14.10.2019

Katholische Kirche in der DDR"Es ist wieder Entscheidungszeit" Gregor Giele im Gespräch mit Andreas Main

Beitrag hören Propst Gregor Giele steht im Hof der neuen Probsteikirche in Leipzig. Es ist der größte Kirchenneubau Ostdeutschlands seit dem Mauerfall. (dpa / picture alliance / Jan Woitas)Gregor Giele, Pfarrer der neuen Propsteikirche in Leipzig. St. Trinitats ist der größte Kirchenneubau Ostdeutschlands seit dem Mauerfall. (dpa / picture alliance / Jan Woitas)

Ohne die Kirchen hätte es 1989 keine Friedliche Revolution gegeben, sagte der Leipziger Pfarrer Gregor Giele im Dlf. Die Kirchen hätten junge Menschen auf Demokratie vorbereitet. Heute bestehe die Gefahr, beim Thema Klima "die Entscheidungszeit zu verpassen"- trotz des Appells der Jugendlichen.

Andreas Main: Die friedliche Revolution von 1989 war eine protestantische. Das wird in diesen Tagen, in denen wir uns an das erinnern, was vor 30 Jahren auf dem Boden der damaligen DDR passierte, oft gesagt. Auch Thomas Seidel, evangelischer Theologe in Thüringen hat diesen Satz neulich hier in dieser Sendung zitiert. Und zweifellos haben viele evangelische Theologen nach den spektakulären Monaten im Oktober und November Verantwortung übernommen und das Land mitgestaltet.

Aber das ist nicht das ganze Bild. Da gab es auch jene gallischen Dörfer in der DDR, wo renitente Katholiken dem sozialistischen Regime trotzten, vor allem im Eichsfeld. Oder, um ein anderes Bild zu wählen: Manche Katholiken wirken im Nachhinein wie Teflonpfannen, an denen die Ideologie von Honecker, Krenz, Gysi und Co. abperlte.

Einer dieser Katholiken, 1966 in Dresden geboren, ist Gregor Giele. Als die DDR in die Knie ging, war er im Priesterseminar in Erfurt, aber auch er ging auf die Straße damals im Oktober in Dresden. Heute ist er Pfarrer einer Gemeinde, die immer wieder auch bundesweit beachtet wird: St. Trinitatis in Leipzig, mitten in der Stadt. Dort, wo im berühmten Herbst 1989 die Menschen aus den Kirchen strömten und es zu Massendemos kam. Heute ist seine Kirche Symbol für einen katholischen Aufbruch. Mitten im Zentrum ein Neubau, hochgepriesen, ganz modern und vor allem erfüllt von Gemeindeleben. In diesem Bau der Architekten Schulz und Schulz haben wir uns getroffen und sitzen jetzt beim MDR im Studio. Ein Gespräch, das aufgezeichnet ist. Gregor Giele, danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um Ihre Erinnerungen zu teilen und nochmals guten Morgen.

Gregor Giele: Guten Morgen.

Main: Herr Giele, als junger Mann haben Sie in der DDR den Dienst an der Waffe verweigert. Sie wurden Bausoldat. Das war keine Totalverweigerung, aber so ein Weg hat damals nicht unbedingt die Karriere gefördert. Wie hat damals Ihr Umfeld auf diesen Schritt reagiert?

Giele: Mit der Entscheidung, Bausoldat zu werden, habe ich auch die Entscheidung getroffen, das Theologiestudium aufzunehmen - mit der Perspektive Priester zu werden. Das war sozusagen eine doppelte Entscheidung, mit der man sich doppelt ins staatliche Aus katapultiert hat. Es gab einige aus meinem Umfeld – auch aus meiner Klasse oder von meinen Lehrern, die gesagt haben, ja, sie haben mich in der Schulzeit erlebt, sie sind nicht ganz verwundert. Andere haben den Kopf geschüttelt, wie man sich sozusagen die Zukunft in der DDR derart verbauen kann mit einer doppelten Entscheidung.

"Die übergriffigen staatlichen Ansprüche zurückweisen"

Main: Viele Bausoldaten haben dazu beigetragen, dass sich so was wie Opposition in der DDR entwickelt hat. Bausoldaten gehörten vielfach auch zu den Wegbereitern der Friedlichen Revolution. Würden Sie sich einordnen in diese Reihe?

Giele: Eher weniger. Ich glaube nicht, dass das Bausoldat-Sein dazu geführt hat, dass man in die Kritik zum Staat, in die Opposition gekommen ist, sondern das war immer schon vorausgehend, zum Teil aus einer christlichen Motivation, die die übergriffigen staatlichen Ansprüche zurückweisen wollte, andere schon auch aus Erfahrung von Repressalien.

Die Entscheidung, Bausoldat zu werden, war dann eher die Folge einer schon vorhandenen inneren Einstellung. Man hat sich in diesen anderthalb Jahren, die nun nicht eine Zeit der absoluten Freude gewesen sind, aber natürlich ausgetauscht, bereichert, inspiriert. Von daher sind viele innere Positionen und Haltungen da verstärkt worden, was sicherlich nicht die Idee des Staates war, der uns zur Armee einberufen hat.

Main: Ganz kurz für Nachgeborene: Was hat man gemacht als Bausoldat?

Giele: Man ist zur Nationalen Volksarmee gegangen. Man war in Uniform, hat aber – so hieß das – den Dienst mit der Waffe verweigert und ist dann in Projekten eingesetzt worden sehr unterschiedlicher Natur. Manchmal musste man Kasernen oder Häfen in der Ostsee bauen als Bausoldat. Ich persönlich war als Soldat mit meinen Mitsoldaten ausgeliehen an die chemische Industrie und habe dort für die Armee Geld verdient – auf gut Deutsch.

"Ich habe nicht dem Mauerfall gerechnet"

Main: Manchmal haben Menschen ja so Bilder im Kopf, was in 30 Jahren sein könnte. 1987 haben Sie mit dem Studium der Katholischen Theologie begonnen. Erinnern Sie sich, mit welcher Zukunft Sie damals als Seminarist gerechnet haben, was in 30 Jahren sein könnte?

Giele: Ich habe nicht mit einer Wende oder dem Mauerfall gerechnet. Wir haben zwar jeden Tag im Mittagsgebet im Priesterseminar für die Wiedervereinigung Deutschlands gebetet, haben aber auch damit gerechnet, dass der liebe Gott in Jahrhunderten rechnet und denkt und das nicht so schnell gehen wird.

Man hat sich gesehen in einer katholischen DDR-Pfarrei: ein Pfarrer - eine Gemeinde. Das war ja auch die Illusion, die man damals noch hatte und die nicht mehr der heutigen Wirklichkeit entspricht. Man sah sich in einer sehr intensiven Beziehung zu den eigenen Gemeindemitgliedern mit einer hohen Vertrautheit, aber eben, was Hineinwirken in die Gesellschaft betrifft mit hohen Repressalien und Verboten konfrontiert. Also, man sah seine Kirche, sein Pfarrhaus, seine Gemeinde – Punkt.

"Nach wie erfüllt mit großem Staunen"

Main: Nun ist alles ganz anders gekommen als erwartet. Sie sind Pfarrer in einer der lebendigsten Metropolen des Landes und in einer Gemeinde, die für sich beanspruchen kann, dass sie für blühendes kirchliches Leben steht. Dass das so anders gekommen ist, mit welchen Gefühlen, Gedanken erfüllt Sie das heute?

Giele: Nach wie vor mit großem Staunen. Also, die Tage im Jahr 1989 / Anfang 1990 sind fest eingebrannt: Das so zu erleben, dass so ein System durch friedliche Demonstrationen von, wenn man es hochrechnet, ja eigentlich gar nicht so vielen Menschen, ins Wanken kommen kann, dass plötzlich Raum wird für ganz Neues, neue Möglichkeiten entstehen, dann ist das eine Erfahrung, die man ein Leben lang mitträgt. Also, ich könnte auch mit einer nächsten Wende in zwei Jahren rechnen. Mich würde das nicht mehr überraschen.

"Diese Erfahrung: Jetzt reicht es!"

Main: Staunen ist also geblieben. Welches Bild ist es ganz konkret, was Ihnen zunächst einfällt, was Sie besonders staunend macht, was Sie damals erlebt haben?

Giele: Wie wildfremde Menschen zusammenstanden. Man muss sich ja vor Augen führen, dass man immer damit rechnen musste, es könnte auch ein Mitarbeiter der Staatssicherheit sein. Im Kopf wusste man das. Im Erleben auf der Straße bei den Demonstrationen war das wie weggeblasen. Man entdeckt plötzlich, dass das, was einen selbst unzufrieden macht, was man als Ungerechtigkeit, als Eingrenzung erlebt hat, dass das viele Menschen miteinander teilen und diese Erfahrung: Jetzt reicht es. Also, dass es eine Zeitqualität gibt, wo man sagt: Jetzt muss etwas anders werden. Das ist herangereift.

Montagsdemo in Dresden am 23. Oktober 1989. Menschen halten ein Banner mit dem Spruch "Neuverfassung der Verfassung" hoch. (imago/Ulrich Hässler)"Es reicht!" - Montagsdemo in Dresden am 23. Oktober 1989. (imago/Ulrich Hässler)

Früher hätte es wahrscheinlich nicht so gelingen können, wäre vielleicht auch nicht friedlich gewesen. Also, dass es dieses Heranreifen gibt und alle wissen, die da auf der Straße waren: Jetzt kommt es darauf an, jetzt ist Entscheidungszeit.

Main: Woran liegt es, dass wir in unseren heutigen Ost-West-Debatten nicht öfter solche Sätze wie Ihre vom Staunen und von der Entscheidungszeit hören?

Giele: "Entscheidungszeit" hören wir, glaube ich, öfter. Spätestens dann im Nachgang, wenn die Politiker wieder von einem historischen Tag reden. Wir erleben es gerade ganz aktuell beim Thema Klima. Da sagen uns Schüler, Schülerinnen, Jugendliche, Heranwachsende: Es ist höchste Entscheidungszeit. Und wir müssen uns ja auch nichts vormachen. Kirchlich stehen wir in der Gefahr, die Entscheidungszeit zu verpassen – höchste Entscheidungszeit. Nicht nur in Deutschland, sondern, glaube ich, auch weltweit. Also, diese Qualität gibt es häufiger. Dass das Entscheidungszeit gewesen ist, habe ich aber auch erst im Nachdenken erkannt und nicht am 7., 8., 9. Oktober in Dresden auf der Straße.

"Rückzug in den sicheren Kreis"

Main: Gregor Giele, katholischer Theologe in Leipzig. Gehen wir einmal einen Moment weg von den persönlichen Erfahrungen. Aus eigener Anschauung, allerdings als westdeutscher Besucher, erscheint es mir so, dass die katholische Kirche in der DDR eine Minderheitenkirche war, die mit dem Regime nichts zu tun haben wollte, aber auch nicht zu sehr aufmuckte. Wie würden Sie diesen Eindruck korrigieren oder ergänzen oder erweitern?

Giele: Der ist im Großen und Ganzen richtig. Wir haben praktisch zwei Modelle gehabt, evangelisch und katholisch, in der DDR.

Die evangelische Kirche ist mehr landeskirchlich organisiert, auch von ihren Strukturen und stand von daher zur DDR-Zeit immer vor der Aufgabe zu überlegen: Wie können wir als Landeskirche hier vor Ort in diesem Land unseren Glauben leben? In Kritik und auch Distanz zum Staat, aber natürlich trotzdem auf dem Gebiet und in diesem Staat lebend.

Die katholische Kirche hat ganz klar einen anderen Weg gewählt, sozusagen des Rückzuges in den sicheren Kreis. Die katholische Kirche hat die innerdeutsche Grenze nie anerkannt. Die Bistümer Erfurt, Magdeburg und Schwerin waren immer noch Teile von westdeutschen Bistümern. West-Berlin gehörte zum Bistum Berlin. Also, das war die klare Botschaft: Diesen Staat lehnen wir ab. Und damit die Leute da nicht verbraten und verbrannt werden in einer offiziellen und offenen Opposition und Ablehnung des Staates, bieten wir Schutzräume, Rückzugsräume. Das hatte immer etwas den Geschmack des Überwinterns. Allerdings: Diese Klarheit - auch in der Ablehnung - und der Schutzraum waren für viele Leute auch interessant, auch ein Ort zum Aufatmen. Das bot auch, soweit das möglich war, eine Art Sicherheit.

"Angst, die wenigen Freiräume auch noch zu verlieren"

Main: Das soll sich jetzt nicht anhören wie westdeutsche Besserwisserei, aber es gibt durchaus die Kritik an damaligen Kirchenleitungen, dass man zwar einerseits so was wie Resilienz oder Widerstandskraft gefördert hat, andererseits aber auch aufgepasst hat, dass Katholiken nicht zu aufmüpfig wurden, sowohl nach innen als auch nach außen. Teilen Sie etwas von dieser Kritik? Ich höre schon raus, dass es diese Strömung gab.

Giele: Ja, diese Tendenz gab es. Wenn man das einfach wohlwollend sieht – dazu neige ich – war das auch ein Schutzgedanke der Kirchenleitung, der Bischöfe zu sagen, es ist klar und es war auch eine klare Ansage des Staates den Bischöfen gegenüber: Wenn eure Katholiken, eure Christen den Kopf zu sehr erheben, werden wir a) das individuell ahnden und b) eure Freiräume, die wir euch zugestehen, weiter beschränken.

Das löst natürlich eine Angst aus, diese geringen Freiräume auch noch zu verlieren, aber auch die Sorge um den Einzelnen, der sich da engagiert. Ich glaube, schwierig wurde es in den 80er Jahren, als es - dank der Initiativen der evangelischen Geschwister - wirklich zu Themensetzungen durch die evangelische Kirche in unserer Gesellschaft gekommen ist.

Eine Laterne hängt vor einem Transparent mit der Aufschrift "Schwerter zu Pflugscharen" in der Leipziger Innenstadt. (dpa)In Anlehnung an die Bibel - Schwerter zu Pflugscharen - das Symbol der DDR-Friedensbewegung schlechthin. (dpa)

"Schwerter zu Pflugscharen" – das ganze Friedensthema, der "Konziliare Prozess um Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung" und Gerechtigkeitsfragen, da musste der katholische Christ sich eigentlich andocken an die evangelischen Initiativen. Es gab nur ganz vereinzelt innerhalb der katholischen Kirche auch solche Einzelinitiativen. Und da sind wir sehr froh, dass wir offene Arme gefunden haben und damals schon eine Ökumene begonnen haben, die bis heute im deutschlandweiten Vergleich herausragt.

"Die Kirchen in der DDR haben Heranwachsende auf Demokratie vorbereitet"

Main: Was ist in der katholischen Kirche in der DDR so richtig gut gewesen, wovon wir allesamt lernen könnten?

Giele: Ich glaube, die Vertrautheit, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl in den Gemeinden, auch dieser Gedanke: Wenn ich im Staat, in der Gesellschaft keine Heimat habe, hier gibt es Inseln, die mir Heimat bieten.

Was mir sehr wichtig ist, so habe ich es zumindest als Jugendlicher erlebt, katholische Kirche hat wie die evangelische Kirche dafür gesorgt, die Heranwachsenden auf Demokratie, auf gesellschaftliches Engagement vorzubereiten, wohlwissend, dass es in der DDR so nicht abgefragt wird.

Aber es war den Verantwortlichen wichtig, dass die Gemeindemitglieder ein Verständnis dafür haben und das frühzeitig lernen. Also, es gab auch zu DDR-Zeiten über die Kirchen meines Erachtens nach Demokratieschulung.

"Die Friedliche Revolution hätte ohne diesen kirchlichen Einsatz nie stattgefunden"

Main: Gregor Giele, katholischer Priester in Leipzig. Machen wir jetzt einen Sprung ins Jahr 2019. Wird die Rolle der Kirchen, der Christen, in dieser Friedlichen Revolution vor 30 Jahren aus Ihrer Sicht heute eher überschätzt oder eher unterbewertet?

Giele: Also, wir erleben ja einen Streit um die Deutungshoheit der Ereignisse von vor 30 Jahren. Und da spielen sehr unterschiedliche Interessen hinein. Ich bin schon der Meinung, dass Kirchen eben nicht nur ihre Räume zur Verfügung gestellt haben für Opposition, für Ausreisewillige und so weiter, sondern ganz viele Protagonisten aus ihren Reihen hervorgebracht haben, die auch Initiative ergriffen haben, die Themen gesetzt haben, die vorgedacht haben, die ermutigt haben.

Für mich ist klar, dass die Friedliche Revolution ohne diesen kirchlichen Einsatz nie stattgefunden hätte. Ich gehe auch so weit, zumindest für die Evangelische Kirche zu sagen, dass sie der Hauptakteur der Friedlichen Revolution gewesen ist. Diese Rolle von Christen, Vorreiter zu sein, Hoffnungsträger für die Zukunft, Hoffnungsträger für Veränderung, prägt die ostdeutschen Protestanten wie Katholiken.

Und es ist eine der schmerzlichsten Erfahrungen kurz nach der Wende, dass wir innerhalb weniger Monate das klassische Image der Großkirchen der Bundesrepublik übergestülpt bekommen haben, und das bedeutet im katholischen Fall: eher so dieser Eindruck, ja, katholische Kirche eher etwas von gestern, leicht verschnarcht, ringend, ob sie noch am Leben dran sind oder sich vom Leben entfernen. Damit fremdelt der ostdeutsche Katholik und Christ bis heute. Unser Selbstverständnis ist eher von den Jahren in den 80ern geprägt.

"Komplett unbeantwortete Fragen"

Main: Gregor Giele, katholischer Theologe in Leipzig. Oft wird der Osten Deutschlands – ich mache hier Anführungszeichen mit Fingern – wird reduziert auf Populismus und Rechtsextremismus. Welche Rolle sollten Theologen, Theologinnen, Kirchenmenschen einnehmen mit Blick auf diese ostdeutschen Befindlichkeiten, die sich da artikulieren?

Giele: Gerade Theologie, aber ich glaube auch die Verkündigung am Sonntag in der Predigt, hat ja immer den Auftrag, die Dinge zu hinterfragen, zu durchleuchten auf das, was dahintersteckt. Und ich glaube, diese Aufgabe ist bei den Phänomenen, die wir gerade erleben, eine, die noch aussteht.

Wir halten uns sehr fest an dem, was offensichtlich ist, was plakativ festgestellt wird, auf der Straße gebrüllt oder in irgendwelchen Reden hinausposaunt wird. Die Frage, was drückt sich in dieser Bewegung, in dieser Unzufriedenheit, in diesem Protest eigentlich aus, diese Frage müssen wir uns stellen und die ist meiner Meinung nach noch komplett unbeantwortet.

"Das Gerede von Heimat ist eher ein Ruf nach Gemeinschaft"

Main: Welche Antworten hätten Sie? Gibt es da Ansätze für Sie? Warum gibt es hier mehr Rechtsextreme - oder manche nennen es auch Rechtspopulisten - als in anderen Orten?

Giele: Ich habe keine Antworten. Ich glaube aber, dass wir einige Fragen, die eine Gesellschaft regelmäßig auszuhandeln und neu zu verhandeln hat, in den letzten Jahrzehnten haben liegenlassen. Vielleicht auch, weil wir mit der Vereinigung auch wirtschaftlich oder infrastrukturell derart beschäftigt gewesen sind.

Was ich höre hinter den plakativen Dingen, ist eine Unsicherheit zum Beispiel beim Thema: Wir haben eine große Vielfalt, wunderbar - aber was ist denn das Richtige oder die Wahrheit? Ist die damit suspendiert? Das ist eine Frage, die man in der Gesellschaft immer wieder regeln und verhandeln muss. Und die ist nicht beantwortet.

Wir haben lange nicht mehr diskutiert über die Fragen: Wie verhält sich eigentlich Mehrheit und Minderheit zueinander? Wir genießen – und das ist auch gut so und wir als Katholiken in Ostdeutschland nehmen das auch schon wahr – den Minderheitenschutz. Aber wie ist eigentlich das Verhältnis? Wie ist das Verhältnis von Individualität, die wir endlich entfalten können, hier auch im Osten Deutschlands, und Gemeinschaft? Geht Gemeinschaft verloren? Also, viel Gerede von Heimat ist, glaube ich, eher ein Ruf nach Formen der Gemeinschaft.

Also, es gibt eine Reihe von Fragen, die auf dem Tisch liegen, die wir lange nicht neu verhandelt haben und die dringend einer Neuverhandlung und Neuvereinbarung bedürfen.

Der Klassiker unter diesen Fragen ist das, was allen schon bewusst ist: Wir müssen auch völlig neu aushandeln das Verhältnis von Stadt und Land. Da sagt jeder: Ja, die Frage ist ausstehend.

Aber da gibt es noch ein paar mehr. Und alle, die mit diesen Fragen ringen, wahrscheinlich mehr unbewusst als bewusst, äußern eine Unzufriedenheit, die wir zu hören bekommen und die uns sehr irritiert. Aber unser Auftrag ist zu fragen, was steckt eigentlich dahinter? Und unser Auftrag ist es nicht, populistisch auf Populismus zu reagieren.

"Spaltung sehe ich nicht"

Main: Das heißt, Sie werfen letzten Endes mehreren gesellschaftlichen Akteuren – den Kirchen, den Gewerkschaften, den Vereinen und wem auch immer, den Parteien – vor, dass sie das Herstellen von Gemeinschaft, von innerer Einheit, aus dem Blick verloren haben? Und Sie sehen auch so etwas wie eine Spaltung in der Gesellschaft? Von nichts war so viel die Rede am Tag der Einheit jetzt vor ein paar Tagen oder zwei Wochen, wie von der Spaltung.

Giele: Es gibt nur einen, dem ich das vorwerfe. Das bin ich selbst – mir, weil ich denke, es ist eine allgemein gesellschaftliche Aufgabe. Und als so die ersten Bewegungen über Pegida und Legida in Leipzig entstanden, war ich auch völlig überrascht, musste selber erst mal nachgehen: Woran liegt das? Und da merke ich auch, ich habe mich mit diesen Fragen, die drängen und die mich als Priester beschäftigen sollten, überhaupt nicht mehr beschäftigt. Anderes war wichtig. Und ich glaube, ich habe vergessen, diese grundsätzlichen Fragen auch für mich selbst, aber auch im Gespräch mit anderen zu klären. Das ist nicht wegdelegierbar, die müssen das machen und die müssen das klären, sondern das müssen wir alle – da ins Gespräch kommen. Und es gibt da keine selbstverständlichen Antworten darauf. Die müssen immer wieder neu verhandelt werden.

Spaltung sehe ich nicht. Ich sehe eher ein Ringen, wie wir neu und für die Zukunft zusammenleben können. Was hält uns zusammen? Wo ist Gemeinschaft wichtiger als Individualität? Wo hat das Individuum Vorrang vor der Gemeinschaft? Hat die Mehrheit recht oder hat die Wahrheit recht? Müssen wir auch mal aushandeln. Solche Konsense sind dringend neu auszuhandeln. Darum geht es eigentlich.

Die materiellen Dinge sind, auch, wenn es noch Differenzen gibt, sehr gut geklärt. Und wer daran Zweifel hat, soll mal in die Tschechische Republik fahren und soll mal nach Polen fahren, die ungefähr gleichzeitig mit uns die Veränderung ihrer Systeme erreicht haben, die Freiheit und Demokratie gewonnen haben und die ohne fremde Hilfe ihr Land auch materiell aufbauen müssen. Da können wir nur dankbar sein und müssen mit all unserer Kritik im materiellen Bereich - bitte auch im Blick auf unsere europäischen Nachbarn - sehr zurückhaltend werden.

"Wo das AfD-Mitglied der grünen Fraktionschefin im Landtag die Hand reicht"

Main: Gibt es aus Ihrem Leben als katholischer Priester Beispiele dafür, wo es gelingt, dieses Auseinanderbröselnde – Sie sprechen nicht von Spaltung – zwischen unzufriedenen Menschen und denen, die es eher schaffen, die angekommen sind, denen es gut geht, wo die zusammenkommen?

Giele: Ja, da empfehle ich Ihnen den Besuch eines jeden Sonntagsgottesdienstes. Das ist ja die Stärke, unter anderem die Stärke von Religionsgemeinschaften, dass sie Menschen aus allen Schichten zusammenführen und sozusagen auch noch mal ein gesellschaftliches Abbild darstellen. Das wird jetzt nicht in jeder Einzelgemeinde so nachvollziehbar sein, aber in der Grundidee sitzt dort der Langzeitarbeitslose neben dem Sparkassenchef, sitzt der AfD-Sympathisant, -Wähler oder sogar -Mitglied neben der grünen Fraktionschefin im Landtag. Und die reichen sich auch noch die Hand. Das ist schon ein Modell. Und was führt die Menschen zusammen? Eine gemeinsame Idee, etwas, was sie verbindet. Und deswegen stört mich auch die Rede von der Spaltung. Sie redet ja auch das Trennende herbei.

Warum gehen wir nicht auf die Suche, was uns verbindet? Mehr als nur der gemeinsame Personalausweis und Reisepass. Da gibt es mehr – als Menschen. Zum Beispiel die Idee, dass die Vielfalt, auch die Vielfalt der Lebensstile, Lebenswege, der Typen ein Reichtum ist. Das ist eine Idee, die wirklich zusammenführen kann. Also, dass auch irgendwann mal die Idee entsteht, wenn der eine oder die andere nicht dabei ist, dann fehlt uns was. Also, da finde ich christliche Sonntagsgemeinde, die zusammenkommt, ein gutes Beispiel, ganz unterschiedliche Leute, möglichst aus allen Schichten, aus allen Altersgruppen, die aber etwas Gemeinsames verbindet. Und dieses Gemeinsame wieder neu auszuhandeln, neu zu diskutieren, das fände ich total lohnenswert, statt nach Trennendem zu suchen.

Main: Gregor Giele, katholischer Pfarrer der prominenten Leipziger Propsteigemeinde St. Trinitatis, danke Ihnen für Ihre Zeit, danke für Ihre Eindrücke.

Giele: Ich danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 7. Oktober 2019.

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