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StartseiteKommentare und Themen der WocheWie Verantwortung verdunstet19.09.2021

Katholische Kirche und sexualisierte GewaltWie Verantwortung verdunstet

Völlig egal, wie schäbig sich Bischöfe gegenüber Opfern sexualisierter Gewalt verhalten - es bleibt für sie ohne Konsequenzen, kommentiert Christiane Florin. Das abgelehnte Rücktrittsgesuch des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße sei ein weiterer Beleg dafür. Neu sei, dass diese Haltung so offen verkündet werde.

Ein Kommentar von Christiane Florin

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Erzbischof Dr. Stefan Heße aus dem Erzbistum Hamburg betet im Schweriner Dom (picture alliance / Jens Büttner)
Stefan Heße bot vor einem halben Jahr seinen Rücktritt an, nachdem ihm das Kölner Missbrauchs-Gutachten mindestens elf Pflichtverletzungen bescheinigt hatte. Der Papst lehnte es ab. (picture alliance / Jens Büttner)
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Gott sei Dank, ich war's nicht, es war der Größere Kontext, mag Hamburgs Erzbischof Stefan Heße geseufzt haben. Sein Rücktrittsgesuch nimmt der Papst nicht an. An früherer Wirkungsstätte im Erzbistum Köln habe Heße zwar persönliche Verfahrensfehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch gemacht, schreibt Franziskus, aber das Grundproblem habe im "größeren Kontext der Verwaltung der Erzdiözese" bestanden. Praktischerweise ist der Größere Kontext keine Person und wäre es eine, dann ist sie sicher tot und ruht in einer erzbischöflichen Gruft. 

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Stefan Heße bot vor einem halben Jahr seinen Rücktritt an, nachdem ihm das Kölner Missbrauchs-Gutachten mindestens elf Pflichtverletzungen bescheinigt hatte. Danach schwieg er in der Öffentlichkeit, erst der Brief aus Rom lockerte die Zunge. "Ich übernehme nun nach dem Willen des Papstes ausdrücklich wieder Verantwortung als Erzbischof von Hamburg", erklärte er.

Römisches Vergebungs-Gesäusel

Er übernimmt etwas, das es nicht gibt, jedenfalls nicht für Bischöfe. Völlig egal, wie schäbig sie sich gegenüber Betroffenen verhalten, völlig egal, was in eigenen Gutachten steht: Es bleibt ohne Konsequenzen. Großer Kontext, wir loben dich, singen die kleinen, entlasteten Brüder. Herr wir preisen deinen Nebel. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz lobt voller Dankbarkeit die päpstliche Entscheidung. Jetzt hat in Hamburg endlich wieder einer die Mütze auf und das ist die Hauptsache. Von Montag an tagt die Vollversammlung der Bischöfe, es sähe unschön mahnend aus, wenn eine erzbischöfliche Mitra missbrauchsbedingt fehlte. 

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Die römisch-katholische Kirche ist ein Verantwortungsverdunstungsbetrieb, das wissen viele Gläubige schon lange. Neu ist, dass die Alles-Egal-Haltung so offen verkündet wird. Wobei: Nicht alles ist egal. Eine zweite Ehe nach einer Scheidung ist nicht egal, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft auch nicht. Aber als Bischof Missbrauchstäter zu hätscheln und Betroffene fallen zu lassen – das geht in Ordnung.  Apropos Ordnung: Vor wenigen Tagen präsentierte das Bistum Hildesheim eine Studie zum früheren Oberhirten Heinrich Maria Janssen. Der hatte so viel Mitleid mit Priestern, deren Leben in – wie er Missbrauch nannte - "Unordnung" geraten war, dass für die Kinder keins übrig war.

Wer die Kluft zwischen christlicher Botschaft und kirchlicher Wirklichkeit kritisiert, wird nun erst recht mit römischem Vergebungs-Gesäusel eingelullt. Kluft reimt sich auf Gruft, Hunger nach Gerechtigkeit wird als Rachsucht begraben.

Rainer Maria Woelki hält sich für einen Aufklärer

Dass Stefan Heße die vollständig abbaubare Verantwortung übernehmen darf, bedeutet nicht, dass auch Kölns Erzbischof im Amt bleibt. Kann sein, dass der Größere Kontext so groß ist wie der Kölner Dom, too big to fail also. Aber Rainer Maria Woelki hat nicht um Rücktritt gebeten, er hält sich für einen Aufklärer. Es kann also auch sein, dass der Papst lieber mehr Sünder-Inszenierung sehen würde und Woelki abberuft. 

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Egal, wie Franziskus waltet: Seit elf Jahren spielt sich die organisierte Verantwortungsverweigerung vor den Augen der deutschen Öffentlichkeit ab. Auch nach elf Jahren fehlt der politische Druck, wirklich unabhängig aufzuarbeiten, Akten auszuwerten, Zeugen zu vernehmen und Konsequenzen einzufordern.  Von der CDU ist hier ohnehin nichts zu erwarten, auch Grüne, SPD, FDP und Linke urteilen milde. Die römisch-katholische Kirche solle nicht allein am Pranger stehen, sie tue so viel Gutes und Missbrauch gebe es überall, heißt es parteiübergreifend.  Fragt sich bloß, wie viele Suppenküchen die massenhafte sexualisierte Gewalt in kirchlichen Einrichtungen aufwiegen.

Weder Austritte noch Proteste geben der Führungsriege zu denken

Von Montag an tagen die Bischöfe, übernächste Woche geht der Diskussionsprozess namens Synodaler Weg in die nächste Runde. Viele Gläubige geben sich der Illusion hin, dass sich vermeintlich liberale Bischöfe gegenüber Missbrauchsopfern anständiger verhalten als ihre autoritären Amtsbrüder. So wenig wie sich sexuelle Gewalt mit sozialen Wohltaten verrechnen lässt, sowenig gleichen diffuse Reformbekenntnisse konkrete Empathielosigkeit aus.  Die römisch-katholische Kirche kann sich nicht aus eigener Kraft aus dem Größeren Kontext befreien, weder Austritte noch Proteste geben der Führungsriege zu denken.

In der neuen Legislaturperiode sollte eine politische Debatte darüber beginnen, wie viele Privilegien eine Demokratie einem Verantwortungsverdunstungsbetrieb noch gewährt. Die Opfer sind nämlich auch Staatsbürger.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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