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StartseiteTag für TagWenn Päpste peinlich werden18.07.2019

Katholische KircheWenn Päpste peinlich werden

Adam war der erste Mensch, Gewissensfreiheit ist des Teufels - manches, was Päpste gelehrt haben, wirkt heute wie Realsatire. "Selbstkritik ist keine katholische Tugend", sagt der Theologe Michael Seewald Dlf. Aber aus den Fehlern der Unfehlbaren könne man für aktuelle Reformvorhaben etwas lernen.

Michael Seewald im Gespräch mit Christiane Florin

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Papst Pius XII.sitzt am Schreibtisch (undatiertes Foto). (dpa / picture alliance / epa ansa Ettore Ferrar)
Von Päpsten - hier Pius XII. - wurden in der Vergangenheit so manche Aussage getätigt, die heute nur noch für Kopfschütteln sorgt (dpa / picture alliance / epa ansa Ettore Ferrar)

Christiane Florin: Die katholische Kirche in Deutschland möchte einen synodalen Weg gehen. Wohin der führt, ist noch offen. Gemeinhin gilt: Damit die Gläubigen sich nicht im Sündendickicht verirren, gibt es ein Lehramt. Das besteht aus dem Papst und den Bischöfen. Die sagen, wo es lang geht. Im Laufe der Jahrhunderte kommt da so einiges an Ge- und Verboten zusammen, viele Anweisungen haben jedoch in Sackgassen geführt.

Der Theologe Michael Seewald hat sich in seinem neuen Buch angesehen, wie das Lehramt mit seinen eigenen Irrtümern umgeht. Seewalds Buch heißt jedoch nicht "Irrtum", es heißt "Reform". Denn aus den Fehlern der Unfehlbaren kann man einiges lernen, unter anderem, dass vermeintlich ewig gültige Wahrheiten diskret am Wegesrand entsorgt werden können. Michael Seewald ist Professor für Dogmatik an der Universität Münster. Ich habe vor der Sendung mit ihm gesprochen. Zunächst wollte ich von ihm wissen, warauf die Autorität des Lehramtes gründet.

Michael Seewald: Die Autorität des Lehramtes basiert in der Legitimationserzählung, die das Lehramt uns selber vorlegt, in einem gesonderten göttlichen Beistand, der dem Lehramt, also dem Papst und dem Bischofskollegium zuteil wird. Diese Legitimationserzählung verfängt natürlich immer weniger in einer Gesellschaft, wo es weniger darum geht, göttliche Beistände, die ganz bestimmten Ständen innerhalb der Kirche zuteil werden, zu akzeptieren, sondern wo nach Gründen gefragt wird.

Florin: Man unterscheidet zwischen epistemischer Autorität, die zielt auf Einsicht, auf Überzeugung, und juridischer Autorität, die auf Gehorsam abstellt. Welche ist dominant?

Seewald: Also derzeit in der Gestalt des Lehramtes ist die juridische Autorität im Vordergrund. Die epistemische Autorität wäre ja eine Autorität, die dabei behilflich ist, Dinge zu erkennen, ihre Hilfe aber nur anbieten kann. Juridische Autorität ist in der Lage, aus sich selbst heraus Wirklichkeit zu setzen. Das Lehramt hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in die Gegenwart hinein sich selbst die Kompetenz zugestanden, Glaubenswahrheiten zu setzen und andere, das ist ein ganz bedeutender Bestandteil dieser juridischen Autorität, andere zum Glauben an das vom Lehramt Gesetzte zu verpflichten.

Florin: Und diejenigen zu bestrafen, die was anderes behaupten.

Seewald: Genau, das wäre die Kehrseite dieser lehramtlichen Legitimationserzählung. Wo das Lehramt behauptet, dass es selbst unter einem gesonderten göttlichen Beistand agiert, sind diejenigen natürlich gottwidrig und strafwürdig, die sich dem widersetzen.

Geschlechterrollen - ein gefährliches Thema

Florin: Es gab vor einigen Monaten den Fall Wucherpfennig, der sehr bekannt geworden ist. Der Jesuit Ansgar Wucherpfennig wurde zunächst einmal nicht mehr Rektor der Hochschule St. Georgen, weil er etwas gesagt hatte, das der Glaubenskongregation nicht passte. Daraufhin haben sich auch andere Theologen/Theologinnen zu Wort gemeldet und haben erzählt, was ihnen mit der Glaubenskongregation widerfahren ist. Mittlerweile ist Ansgar Wucherpfennig wieder Rektor, auch andere Lehrverbote sind nicht ausgesprochen worden, vielleicht auch nur noch nicht ausgesprochen worden. So rasend autoritär scheint das Lehramt nicht mehr zu sein.

Seewald: Da muss man unterscheiden. Die juridische Autorität und die damit einhergehende Idee, dass diejenigen bestraft werden, die sich ihr widersetzen, erfolgt in der katholischen Kirche natürlich selektiv. Das Lehramt hat gewisse Themen, auf die es sich einseitig konzentriert. Während Sie in so zentralen Bereichen wie zum Beispiel der Gotteslehre oder der Christologie, wo man ja annehmen sollte, dass das wichtig ist für die Kirche, weitgehende Freiheit haben, gibt es andere Bereiche, wie zum Beispiel die Frage nach Geschlechterrollen, auf die das Lehramt seine selektive Aufmerksamkeit konzentriert und in der es dann schon entsprechende Sanktionen verhängt, wie der Fall Wucherpfennig zeigt.

Florin: Warum ist diese Frage nach den Geschlechterrollen - beim Fall Wucherpfennig ging es auch um Homosexualität -, warum ist das so gefährlich oder wird vom Lehramt als so gefährlich wahrgenommen, dass man da intervenieren muss?

"Autokorrektur ist selten anzutreffen"

Seewald: Ich denke, dass dieser ganze Bereich von Geschlechterrollen und Sexualmoral in den letzten Jahrzehnten zu einem identitären Marker des Katholischen für viele Kreise geworden ist. An diesem Bereich hängt eine ganz gewisse Gesellschaftsordnung, die das Lehramt aufrecht erhalten will, und deswegen reagiert es so äußerst sensibel auf abweichende Positionen in diesen Fragen.

Florin: Nun ist es nicht so, als habe sich die katholische Kirche im Laufe von 2000 Jahren nicht verändert. Welche Möglichkeiten gibt es, die Lehre zu verändern? Die erste wäre der "Autokorrekturmodus", so nennen Sie das. Können Sie da ein Beispiel bringen?

Seewald: Der Autokorrekturmodus ist ein sehr selten anzutreffendes Phänomen in der katholischen Kirche, weil er darin besteht, dass das Lehramt eine Positionsänderung offen benennt und sagt, dass man in der Einsicht gewachsen ist, nun zu einer anderen Positionierung kommt als zu vorhergehenden Zeiten und deshalb auch die eigene Lehrmeinung verändert.

Als Beispiel kann man Papst Pius XII. nennen, der im Jahr 1947 tatsächlich Form und Materie des Weihesakramentes verändert hat. Das hört sich jetzt technisch und vielleicht unspektakulär an, aber wenn man bedenkt, dass es in der katholischen Kirche kaum etwas Wichtigeres geben kann als das Amt, ist ein Eingriff in die geordnete Form der Amtsübergabe massiv. Es ist nicht überspekulativ zu behaupten, dass wenn das damals nicht entschieden worden wäre bei Pius XII., sondern heute von Papst Franziskus versucht werden würde, es in massiver Weise Häresie-Vorwürfe hageln würde und eine solche Korrektur wie Pius XII. sie noch selbstverständlich durchsetzen konnte, heute nicht mehr durchführbar wäre.

"Die Kirche ist eine Meisterin des Vergessens"

Florin: Eine zweite Möglichkeit der Veränderung bezeichnen Sie als "Obliviszierungsmodus". Ich musste etwas üben bei dem Wort. Das heißt, man hofft auf das Vergessen der Gläubigen, man hofft, dass die sich nicht mehr daran erinnern, was einmal gelehrt worden ist. Was haben Sie da als Beispiel?

Seewald: Genauso wie es eine Erinnerungspolitik geben kann, kann es auch eine Vergessenspolitik geben, und die katholische Kirche ist nicht nur eine Meisterin der Erinnerungspolitik, sondern eben auch eine Meisterin der Politik des Vergessens. Das zeigt sich in verschiedenen Bereichen in problematischer Weise und es zeigt sich auch bei doktrinären, dogmatischen Fragen. Das heißt, Festlegungen, die man zu einer bestimmten Zeit getroffen hat, die man später korrigiert, korrigiert man stillschweigend, lässt sie sozusagen auslaufen, erwähnt sie einfach nicht mehr in der Hoffnung, dass es niemandem so recht auffällt.

Ein konkretes Beispiel liefert wieder Pius XII. und der Monogenismus, also die Lehre, dass alle Menschen im biologischen Sinne Nachkommen des historischen Paares Adam und Eva sind. Das hatte Pius XII. noch 1950, also zu einer Zeit, als schon besseres Wissen zur Verfügung stand, verbindlich gelehrt, und den Päpsten danach war das peinlich, sodass man darüber einfach nicht mehr gesprochen hat. Im Katechismus von 1992 findet sich diese Lehre nicht mehr, also sie ist sozusagen stillschweigend verschwunden aus dem Lehrkanon der Kirche, ohne dass sie jemals als falsch oder als korrekturbedürftig markiert wurde. Die Hoffnung, die sich damit verbindet, ist natürlich die, dass die Menschen das stillschweigend vergessen, was ihnen schon einmal auch an Falschem vorgelegt wurde.

"Lehramtliche Panikmache"

Florin: Sie schreiben den schönen Satz: "Nähme man das Lehramt zu ernst, würde man vermutlich an ihm irre werden. Wie ernst nehmen Sie es?" Manches liest sich wie Realsatire.

Seewald: Ja, also wenn Sie sich zum Beispiel den Denzinger/Hünermann anschauen, das ist ein dickes Buch, ein Kompendium kirchlicher Lehrentscheidungen, dann hat das bisweilen tatsächlich den Charakter der Realsatire. Aber wenn man die Mechanismen lehramtlichen Handelns verstehen will, dann muss man sich in diese Texte auch mal eingraben, um dadurch auch ihre Problematik offen zu Tage zu fördern, und das Bewusstsein für diese Problematik hat, zumindest bei mir als Theologen, nicht unbedingt ein destruktives Interesse, sondern es geht mehr darum, aufzuzeigen, wie am Ende dann doch relativ wechselhaft und veränderbar bestimmte Festlegungen sind. Und wir sollten heute nicht einem vereinfachten Kirchenbild auf den Leim gehen, das Katholischsein so definiert, dass an ganz bestimmten Sätzen unveränderlich festgehalten werden müsste. Die gibt es vielleicht auch, zentrale Elemente des katholischen Glaubens, aber um die geht es ja gar nicht in den derzeitigen Reformdiskussionen, sondern es geht um andere Fragen, die zu identitären Fragen des Katholischen aufgebauscht werden in einem Akt, den man im gewissen Sinne als lehramtliche Panikmache bezeichnen könnte. Das ist ein sehr verengtes Kirchenbild.

Florin: Einen dritten Veränderungsmodus haben wir jetzt noch nicht erwähnt nach der Autokorrektur und der Obliviszierung. Dafür haben Sie auch so einen realsatirisch klingenden Namen, nämlich "Innovationsverschleierungsmodus". Ein Beispiel: Menschenrechte waren lange in der katholischen Kirche des Teufels, wurden also von Päpsten verdammt, und dann stellt sich ein Papst wie Benedikt XVI. in den Bundestag und sagt: Wir waren doch immer schon die Hüter der Menschenrechte, da gibt es eine bruchlose Tradition, Christentum, Katholizismus, Menschenrechte. Wie geht das, Innovation zu verschleiern oder zu sagen, wir waren doch immer schon an der Spitze der Bewegung?

Seewald: Innovationsverschleierung ist eine ganz gängige Methode in der Kirche, um sich selber sozusagen up to date und die eigene Autorität als bleibend relevant auszuweisen. Das Beispiel Menschenrechte: Schon mit dem Aufkommen der sogenannten ersten Generation der Menschenrechte im 18. Jahrhundert hat sich die katholische Kirche äußerst feindselig gegenüber dieser Idee positioniert. Diese Feindseligkeit hat sich im 19. Jahrhundert immer mehr gesteigert. Vor allem hat sie sich festgemacht an Rechten wie Gewissensfreiheit oder wie Religionsfreiheit.

"Menschenrechte nicht wegen, sondern trotz der Kirche"

Das Zweite Vatikanische Konzil korrigiert nun diese Lehrmeinung, und zwar nicht nur im Sinne einer seichten Kurskorrektur, sondern im Sinne dessen, was zum Beispiel Ernst-Wolfgang Böckenförde als eine kopernikanische Wende bezeichnet. Nun ist es aber so, dass das Lehramt selber diese kopernikanische Wende zwar vollzogen hat, aber sie gar nicht als Wende thematisiert, sondern so tut, als ob das, was heute gelehrt wird, nämlich eine positive, zumindest an der Oberfläche positive Haltung gegenüber Gewissens- und Religionsfreiheit schon immer zum Lehrbestand der Kirche gehört hätte. Dadurch kann man natürlich aus einer nicht eingestandenen Haltung des Lernens wieder sofort in eine Haltung des Lehrens übergehen und behaupten, dass es Demokratie oder Menschenrechte oder Religionsfreiheit und Gewissensfreiheit ohne die Kirche gar nicht geben könnte, was historisch natürlich eine vollkommen absurde These ist, weil diese Rechte ja nicht wegen der Kirche, sondern trotz der Kirche entstanden sind.

Florin: Um einmal päpstlicher als der Papst zu sein: An die Gläubigen wird appelliert, sie sollen umkehren, sie sollen Schuld eingestehen, sie sollen Selbstkritik üben, Gewissensspiegel sich vorhalten. Warum fällt es Päpsten so schwer, Selbstkritik zu üben? Den Satz: "Da habe ich mich geirrt oder da hat mein Vorgänger sich geirrt", den wird man ja nicht lesen, den haben ja auch Sie nicht lesen können, weil es ihn nicht gibt.

Seewald: Selbstkritik ist keine der katholischen Tugenden und erst recht keine Tugend, die sich im Lehramt findet. Wenn folgende Generationen von Päpsten das, was ihre Vorgänger entschieden haben, problematisieren, gerät natürlich die Vorstellung des Entscheidens unter göttlichem Beistand ins Wanken. Wenn die Relativität von Dingen, die früher einmal gelehrt wurden, aber heute nicht mehr gelehrt werden, ans Tageslicht kommt, dann ergibt sich berechtigterweise die Frage: Was von dem, was denn heute gelehrt wird, ist denn auch so, dass es einer später Revision und Korrektur unterzogen werden kann? Genau diese Diskussionen sollen offenbar vermieden werden. Deshalb ist Selbstkritik und eine wirklich offene Selbstkorrektur ein selten anzutreffendes Phänomen in der katholischen Kirche.

Was es zu gewinnen gäbe

Florin: Hätte die Hierarchie, die Kirchenleitung etwas zu gewinnen, wenn sie selbstkritisch wäre?

Seewald: Die Kirchenleitung hätte, würde ich sagen, eine Steigerung an epistemischer Autorität zu gewinnen. Wenn das Lehramt sich aber auch fehlertoleranter gegenüber sich selbst zeigen würde und Dinge, die problematisch sind, offen benennen könnte, dann könnte das auch eine Steigerung der epistemischen Autorität zur Folge haben, denn epistemische Autorität hat etwas mit Vertrauen zu tun. Wir vertrauen ja nicht unbedingt Menschen oder Institutionen, die von sich behaupten, dass sie sich nie irren.  Wir vertrauen Menschen und Institutionen, bei denen wir eine bestimmte Fehlerkultur beobachten, das heißt eine gewisse Art des Umgangs mit der eigenen Begrenztheit, und die Glaubwürdigkeit, würde ich vermuten, steigt, je transparenter und je offener auch über die eigene Begrenztheit gesprochen wird.

Florin: Ihr Buch erscheint nicht im luftleeren Raum. Es gibt handfesten Machtkämpfe, widerstreitende Positionen innerhalb der katholischen Kirche. Da spielt die Frage: "Wie gehen wir mit der Lehre um?", eine große Rolle. Wie sehen Sie die Verteilung? Liegt die Mehrheit bei denen, die sagen: Die Lehre muss so bleiben, wie sie ist, weil Kirche irrt sich nicht, wird sich nie irren, hat sich nie geirrt? Oder gibt es einflussreiche Kräfte, die sagen: Nein, wir könnten eine offene Diskussion zulassen?

"Die Mehrheit schweigt"

Seewald: Ich bin ja kein Soziologe und kann demnach jetzt nicht genau sagen, wo die Mehrheit liegt, aber ich kann Eindrücke schildern. Wenn man von Mehrheiten in der Kirche spricht, ist mein erster und grundlegendster Eindruck der, dass die Mehrheit schweigt. Also die Mehrheit äußert und positioniert sich zu diesen Fragen überhaupt nicht, was für das Lehramt natürlich insofern ein Problem ist, als es die Frage aufwirft: Wie relevant ist denn eigentlich lehramtliches Handeln noch, wenn es noch nicht einmal der Positionierung mehr wert ist? Also, die Mehrheit in der katholischen Kirche scheint mir eine schweigende zu sein, der Tendenz nach aber eine schweigende im negativen Sinne, also dass das, was gelehrt und gesagt und diskutiert wird, als wenig relevant für Fragen der Lebensführung erscheint.

Was jetzt die Kräfte angeht, die sich zu diesen Themen äußern, und das ist ja die Minderheit der Katholiken, würde ich sagen: Da gibt es grob gesprochen zwei Parteiungen, nämlich diejenigen, die an einem weitgehend ahistorischen Bild von katholischer Kirche und katholischer Lehre festhalten und einfach ganz bestimmte Dinge, von denen man soziologisch ganz genau erklären kann, wie und wann und warum sie entstanden sind, als sakrosankt, als nicht verhandelbar, nicht veränderbar erklären. Es gibt demgegenüber eine Gruppierung, die ein reflexiveres Verhältnis zur Glaubenslehre hat und die sich Veränderung durchaus vorstellen kann. Ob es dieser Gruppe dann aber gelingt, sich politisch in der kirchlichen Gemengelage durchzusetzen, da habe ich dann doch meine Zweifel.

"Dem Evangelium wird der Garaus gemacht"

Florin: Der Papst hat den Katholikinnen und Katholiken in Deutschland einen Brief geschrieben, eine Einstimmung auf den synodalen Weg sozusagen. In diesem Brief ist ein Schlüsselwort die "Evangelisierung". Sie schreiben, dass sich der Eindruck aufdränge, dass sich die Kirche in ihrem Handeln und auch in ihrer Lehre große Mühe gibt, dem "Evangelium den Garaus zu machen". Was meinen Sie damit?

Seewald: Wir haben in der Kirche, wenn es um das Evangelium geht, zwei gegenläufige Tendenzen: Auf der einen Seite immer wieder den Ruf nach Evangelisierung, der sich auch in diesem Papst-Brief findet, auf der anderen Seite aber den Umstand, dass es der Kirche jenseits der alten Hülsenfloskeln und Formeln immer schwieriger wird zu erklären, was denn an dem, was sie anzubieten hat, jetzt wirklich Evangelium, also frohe Botschaft, sein soll. Wie dieser Graben überwunden werden soll, also auf der einen Seite ein immer offensiveres Verständnis, eine immer offensivere Forderung nach der Evangelisierung, und auf der anderen Seite die Not, die eigene Glaubenslehre, so wie sie nun einmal strukturiert ist, als Evangelium auszuweisen, das wird ein immer größeres Problem in der Kirche.

Florin: Welche Glaubenslehre hat wenig mit dem Evangelium zu tun oder nichts mit dem Evangelium zu tun? Wenn Sie sagen, dem Evangelium den Garaus zu machen, ist das eine starke Formulierung.

Seewald: Ja, dass Geschlechterrollen zu identitären Fragen des Katholischen geworden sind, ist etwas, das ich im Evangelium so nur schwerlich finden kann und das mir nicht als evangeliumsgemäße Auslegung des Glaubens erscheint.

Florin: Im Evangelium wird keine Verbindung hergestellt zwischen Geschlecht und Amt. Ich glaube, darauf wollen Sie hinaus, aber es wird eine Verbindung hergestellt zwischen dem Amt und der Armut. Das würde eigentlich bedeuten, evangeliumsgemäß wäre es, von Priestern Armut zu fordern, aber evangeliumsgemäß ist es nicht, das Priesteramt an ein Geschlecht zu binden bzw. Frauen auszuschließen, um es  deutlich zu sagen. Aber wie kommt es, dass Männlichkeit zwingend ist für das Priesteramt, die Armut aber nicht?

Seewald: Dieses Beispiel zeigt, wie selektiv und kompliziert Dogmenbildungsprozesse verlaufen. Im Neuen Testament ist es genauso, wie Sie sagen: Sie finden keinen Zusammenhang zwischen Amt und Geschlecht, aber Sie finden einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen Nachfolge und Armut. Im Laufe der Entwicklung der Amtstheologie ist der nicht vorhandene Konnex zwischen Amt und Geschlecht zu einer identitären Sache des Amtes geworden. Die im Neuen Testament aber identitäre Frage nach der Lebensform und Nachfolge in Gestalt von Armut, die ist, zumindest was amtstheologische Fragen angeht, völlig in den Hintergrund getreten.

Die Wucht der Tradition

Das zeigt jetzt auf einer ganz grundsätzlichen Ebene, dass Tradition und Traditionsbildungsprozesse im theologischen Sinne nicht einfach darin bestehen, dass ein festes dogmatisches Paket einfach weitergegeben wird von Generation zu Generation, sondern dass Traditionsbildungsprozesse eben solche Prozesse sind, in denen diejenigen, die für sich beanspruchen, Traditionen normativ auszulegen, diese Tradition natürlich auch konstituieren, indem sie nämlich selektiv verschiedene Strömungen und Stränge aufnehmen und auch Strömungen und Stränge miteinander verbinden, die vorher nicht verbunden waren oder Dinge, die zum Beispiel im Neuen Testament theologisch noch verbunden sind, dann auf einmal entflechten. Das heißt, Tradition ist nicht einfach die Vergangenheit der Kirche, sondern Tradition ist kurz gesagt das, was der Kirche der Gegenwart an der Vergangenheit wichtig ist, und was an der Vergangenheit für eine Gegenwart wichtig ist, das sind immer unterschiedliche Sachen.

Florin: Haben Sie schon mal mit "Tradis", also mit denjenigen, die sagen, war schon immer so, soll immer so bleiben, diskutiert?

Seewald: Ja. (lacht)

"Synodaler Weg soll Druck aus dem Kessel nehmen"

Florin: Haben die sich überzeugen lassen? Haben die gesagt: Was Sie hier vorlegen, das ist so plausibel, ich gestehe jetzt ein, Tradition ist nichts Naturbelassenes, nichts Gottgegebenes, sondern etwas auch in einem bestimmten Interesse Geformtes? Oder sagen sie: Nein, ich bin so in das Gespräch hineingegangen und so gehe ich auch wieder raus?

Seewald: Diese Haltung, dass Leute in Gespräche gehen, wie sie sind und aus Gesprächen rausgehen, wie sie gekommen sind, ist natürlich ein ganz gängiges Phänomen in vielen gesellschaftlichen Kontexten, aber ganz besonders in der katholischen Kirche, wo ich schon mit Sorge beobachte, dass man sich von der gemeinsamen Suche nach dem besseren Argument und von der zwingenden Kraft des besten Argumentes ein Stück weit verabschiedet hat. Das war nicht immer so dogmengeschichtlich, sondern dass es jetzt so ist, wie es ist, das sind ganz konkrete Entwicklungen im 19. Jahrhundert, die für die Kirche sozusagen jetzt als die Tradition erscheinen. Also die Tradition, das ist ja oft genug einfach das 19. Jahrhundert.

Florin: Als Gold-Standard sozusagen.

Seewald: Genau, als der Gold-Standard kirchlicher Lehre und das Problematische daran ist, dass man eine Verschiebung von Argument zu Autorität vollzogen hat. Aufgabe eines zeitgemäßen theologischen Diskurses ist es ja nicht, einfach alles beliebig zu machen oder alles über Bord zu werfen. Das will ja niemand. Das ist immer so ein Feindbild, das von gewisser Seite kreiert wird, aber das kann ja keine seriöse theologische Auseinandersetzung sein, sondern Aufgabe der Theologie ist es, wieder stärker von Autorität zu Argument zu kommen.

Florin: Aber wenn das Gesprächsklima so ist, wie Sie es vorhin beschrieben haben, dass also Argumente, wie es dann immer so schön heißt, ausgetauscht werden, aber das heißt ja nur, man kriegt sein eigenes wieder zurück, es ist ja kein wirkliches Gespräch: Was ist dann von dem synodalen Weg zu halten, den jetzt die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit dem Zentralkomitee der Katholiken beschreiten will? Was soll bei dieser Art von Prozess, bei dieser Art von Gespräch herauskommen?

Seewald: Der synodale Weg ist wahrscheinlich eine Maßnahme, um, einfach gesagt, jetzt Druck aus dem Kessel zu nehmen und ich vermute, dass diejenigen, die von der Wirksamkeit dieses synodalen Weges überzeugt sind, das auch aus subjektiv lauteren Motiven sind. Ich kann bei der derzeitigen, auch lehrrechtlichen dogmatischen Verfasstheit der katholischen Kirche nicht erkennen, inwiefern ein solcher synodaler Weg und das, was jetzt schon im Vorhinein als Themen auf diesen synodalen Weg ausgegeben wurde, was sozusagen dort wirklich argumentativ besprochen werden kann, wo Veränderungen als möglich und wo sie als unmöglich erachtet werden. Ich kann mir nur schwerlich vorstellen, dass aus diesem synodalen Weg so konkrete Ergebnisse herauskommen, dass es tatsächlich dauerhaft gelingt, die Kirche in Deutschland zu befrieden.

"Mein Denken ist kirchenstabilisierend, aber nicht systemstabilisierend"

Florin: Ihr Buch heißt "Reform" und es endet nicht ohne Hoffnung. Halten Sie nicht mit dieser Hoffnung ein System aufrecht, ein autoritäres System, das Sie kritisch sehen, das Sie ablehnen?

Seewald: Ich schreibe ja als Theologe und Katholik aus einer Verbundenheit mit meiner Kirche und möchte theologisch verantwortet Wege aufzeigen, in denen sich die Kirche anders denken kann, als sie in diesen autoritativen Diskursen derzeit gedacht wird. Insofern würde ich da unterscheiden zwischen kirchen-stabilisierend und system-stabilisierend. Mein Denken ist vielleicht kirchen-stabilisierend. Ich glaube aber nicht, dass das system-stabilisierend ist. Zumindest hat das System noch nicht erkannt, inwiefern es system-stabilisierend wirken soll.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Michael Seewald: Reform - dieselbe Kirche anders denken. Herder 2019. 176 Seiten, 20 Euro.

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