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StartseiteKalenderblattKatholische Schüler demonstrieren gegen das neue Schulgesetz in Niedersachsen06.10.2004

Katholische Schüler demonstrieren gegen das neue Schulgesetz in Niedersachsen

Vor 50 Jahren

<strong>1954 führt das neue niedersächsische Schulgesetz in den so genannten Volksschulen die Gemeinschaftsschule ein, in die Kinder aller Bekenntnisse gehen. Die bestehenden katholischen Bekenntnisschulen werden praktisch abgeschafft. Die katholische Kirche macht mobil, nicht nur gegen das Schulgesetz, sondern auch gegen die SPD-Regierung.</strong>

Von Peter Hertel

Rüstet euch!

Der Appell an die Katholiken, der am 6. Oktober 1954 über den Ticker der Deutschen Presse Agentur läuft, kommt von Joseph Godehard Machens, dem Bischof in Hildesheim. Sein "Hirtenwort zum Schulkampf" richtet sich gegen das neue niedersächsische Schulgesetz – vom Landtag verabschiedet unter dem SPD-Ministerpräsidenten Hinrich Kopf, dem "Roten Welfen". Die politische Stoßrichtung des Oberhirten ist klar:

Rüstet euch schon jetzt. Sendet bei der nächsten Wahl nur solche Volksvertreter in den niedersächsischen Landtag, die ein Schulgesetz nach Gottes Willen machen und das jetzige Gesetz zum alten Eisen legen.

Was ist passiert?

Das neue niedersächsische Schulgesetz führt in den so genannten Volksschulen die Gemeinschaftsschule ein, in die Kinder aller Bekenntnisse gehen. Die bestehenden katholischen Bekenntnisschulen werden praktisch abgeschafft. Nur in Ausnahmefällen sind sie noch möglich. Die Regelung betrifft aber nicht den ehemaligen Freistaat Oldenburg, der 1946 zu Niedersachsen kam und in dem der Katholikenanteil relativ hoch ist. Dort bleibt die Konfessionsschule aus Verfassungsgründen erhalten.

Der markige Appell "Rüstet euch" hat seinen Hintergrund.

Der deutsche Katholizismus ist zu diesem Zeitpunkt eine hochgerüstete, nach außen deutlich abgegrenzte, mächtige Großgruppe mit einer einheitlichen Theologie und Glaubenspraxis und mit der festen Bindung an eine Partei, die CDU/CSU. Kampfbetont ist sie auf die Abwehr von Kirchenfeinden gerichtet, wirkliche und vermeintliche.

Eine Säule dieses strammen, geschlossenen Katholizismus, vielleicht die wichtigste, jedenfalls die am meisten politisch umkämpfte, ist die Konfessionsschule.

Sie soll die katholische Erziehung, die im Elternhaus grundgelegt werde, mit Hilfe überzeugt katholischer Lehrer fortsetzen.

Aber die Gegner, nicht nur gewerkschaftliche Lehrerverbände, sondern vor allem Politiker der SPD und FDP, argwöhnen:

Hinter diesem pädagogischen Anspruch, den die Kirche auch mit dem Elternrecht begründet, stehen tatsächlich machtpolitische Ziele, die der schwarze Klerus zusammen mit der Führung der katholischen Laien verfolgt: ein kirchlich kontrolliertes Schulsystem soll helfen, den so genannten katholischen Adenauer-Staat in eine Art Kirchenstaat weiterzuentwickeln.

Der Kampf tobt nicht zuletzt in SPD-regierten Großstädten des Ruhrgebietes – zwischen Kirche und roten Rathäusern. Vor diesem Hintergrund hat schon 1952 der nordrhein-westfälische SPD-Fraktionsvorsitzende Heinz Kühn, der spätere Ministerpräsident, im Düsseldorfer Landtag verkündet:

Wir werden auch keinem Kulturkampf ausweichen, wenn man ihn uns aufzwingt.

Die Einführung der Gemeinschaftsschule in Niedersachsen bringt in den Augen des organisierten, Unions-nahen, Katholizismus das Fass zum Überlaufen. Im März 1954 erscheinen 60.000 Katholiken aus ganz Niedersachsen zu einer Demonstration in der Landeshauptstadt Hannover und ziehen in einem sechs Kilometer langen Schweigemarsch zum Kultusministerium. Im September wittert der 76. Deutsche Katholikentag im niedersächsischen Gesetz einen Anschlag auf den gesamten deutschen Katholizismus. Die Erklärung verliest Josef Gockeln (CDU), Landtagspräsident in Nordrhein-Westfalen:

Das Gesetz verletzt die Gewissensfreiheit. Wir danken unseren Glaubensbrüdern in Niedersachsen für ihren Kampf. Das Unrecht, das geschehen ist, trifft das ganze katholische Deutschland. Wir alle fühlen uns verantwortlich für die Wiederherstellung des Rechtes. Die Katholiken ganz Deutschlands sind entschlossen, ihren niedersächsischen Glaubensbrüdern in ihrem Kampf um die katholischen Schulen jede Hilfe zu gewähren. (Beifall)

Die deutschen Bischöfe lassen von allen Kanzeln einen Hirtenbrief verlesen. Sie sprechen von "Staatszwangschule" und "Gewissenszwang", ja, sie erinnern an die "traurigsten Stunden der nationalsozialistischen Machthaber".

Ein Jahrzehnt später lockern sich die ideologischen Fronten. In ihrem Godesberger Programm hat sich die SPD von traditionellen antikatholischen Positionen verabschiedet, und im Zweiten Vatikanischen Reformkonzil erklärt sich die katholische Kirche bereit, mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten. Zwei Monate vor Konzilsende, im Oktober 1965, tritt ein Konkordat in Kraft, ein völkerrechtlicher Vertrag, in dem das Land Niedersachsen und der Vatikan, genauer: der Heilige Stuhl, den Schulstreit beilegen. Beide Seiten können ihr Gesicht wahren: die Gemeinschaftsschule bleibt bestehen. Aber auch die Bekenntnisschule ist als Institution verankert.

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