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StartseiteBüchermarktLust an der Täuschung16.03.2021

Kathrin Röggla: "Bauernkriegspanorama"Lust an der Täuschung

Im Herbst 1987 vollendete der bildende Künstler Werner Tübke das Bauernkriegspanorama, ein Panoramabild mit dem Titel "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland". Die Österreicherin Kathrin Röggla setzt diesem Monumentalwerk in ihrem preisgekrönten Essay eine literarische Möglichkeitsform entgegen.

Von Christian Metz

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Collage: Buchcover Bauernkriegspanorama / Portrait Kathrin Röggla/ Hintergrund Stockimage (Jessica Schäfer)
Mit nihilitischer Komik brisante Themen anpacken, das vermag die Schriftstellerin Kathrin Röggla auch in ihrem Essay (Jessica Schäfer)
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Wer heute von Seiten der Literatur in Gesellschaft, Politik und Ökonomie intervenieren möchte, muss zuerst seine Sprecherposition definieren. Man muss also angeben von welchem Ort, in welcher Funktion und unter welchen Bedingungen man spricht. In ihrem jüngsten literarischen Essay positioniert sich die österreichische Autorin Kathrin Röggla, indem sie ihr eigenes Arbeiten mit dem Schaffen des DDR-Künstlers Werner Tübke kontrastiert.

Im Wettstreit mit Tübke

Im Herbst 1987 vollendete Tübke sein monumentales "Bauernkriegspanorama" unter dem Titel "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland". Elf Jahre hatte der Künstler im Auftrag der DDR-Regierung an dem 14 mal 123 Meter großen Wandgemälde gearbeitet. Bis heute thront die so genannte "Sixtina des Nordens" über Bad Frankenhausen. Niemand würde auf die Idee verfallen, dieser Besuchermagnet müsse dringend durch ein neues Monumentalwerk ersetzt werden. Dennoch setzt Kathrin Rögglas eigenes "Bauernkriegspanorama" mit der Feststellung ein:

"Es bräuchte ein neues ,Bauernkriegspanorama’, heißt es jetzt immer wieder angesichts der Wahldebakel im Osten, eine für die Rettung frühbürgerlicher Revolutionen geeignete Bildkomposition."

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Als Schriftstellerin interessiere sie vor allem, was Sprache als Übertragung leisten könne, sagte Kathrin Röggla im Dlf. Die Dynamik der letzten Jahre widerspreche aber zunehmend dem Prinzip des Gesprächs.

Was für ein listiger Eröffnungszug: Erst eine vermeintliche Nachfrage behaupten, um schon mit dem nächsten Satz die angeblich benötigte Bildkomposition selbst zu liefern. Und zwar unter klar definierten Produktionsbedingungen:

"Für so ein monumentales Panorama kann es heute allerdings keinen öffentlichen Auftrag mehr geben, allenfalls einen, der immer schon aus einer falschen Vergangenheit kommt oder als Firmenauftrag ausgelobt wurde, ein Ornament eines Unternehmens, das den gesellschaftlichen Frieden als Teil seines Brandings versteht."

Kathrin Röggla zettelt einen Paragone an, einen Wettstreit der Künste. Da das kleine, wendige Schiff "literarischer Essay" ohne Staatsknete, Firmenspende, geschweige denn Stasihilfe auskommt, eignet es sich aus Rögglas Sicht entschieden besser, um ein lebendiges wie detailliertes Panorama unserer heutigen Zeit zu entwerfen als ein noch so monumentales Wandgemälde.

Mit Worten malen und auslöschen

Einen weiteren Vorteil erkennt Röggla auf Seiten des literarischen Essays; die Schrift kann im Möglichkeitsraum malen. Wer seine Bilder mit Worten zeichnet, kann vor den Augen seiner Leser Erscheinungen aufleben lassen, die es nur in Zukunft oder nur im Konjunktivischen geben könnte. Bei Röggla gewinnt diese Möglichkeitsmalerei in Formulierungen wie diesen Kontur:

"Auf der gesamten Bildfläche wird eine ganze Weile lang jedenfalls nur dieses eine Grüppchen zu sehen sein, das marodierend herumläuft." Oder: "Ja, der Sekundenschlaf müsste zu sehen sein, das wäre das mindeste." Oder: "Vielleicht bleiben nur Gesichter aus den Regionalzügen übrig, dem Cantus von Eisenach nach Bebra, von Rotenburg an der Fulda nach etwas wie Göttingen."

Könnte sein, dass nur die Gesichter bleiben. Oder eben auch nicht. Indem Röggla nur zukünftige oder mögliche Konturen ihres Deutschland-Panoramas vor Augen führt oder ausgerechnet das beschreibt, was leider keinen Platz auf dem Bild gefunden habe, erhält ihre Schriftmalerei eine atemberaubende Flexibilität. Zudem lässt sich im literarischen Bild – anders als beim Wandgemälde – umgehend wieder löschen, was gerade noch vor Augen gestellt wurde. Von diesem Doppel aus Vor-Augenstellen und Löschen, von dieser Vorläufigkeit hatten Maler wie Pablo Picasso geträumt und deshalb versucht, das Löschen mit Hilfe ihrer Übermalungstechnik umzusetzen. Da hat die Literatur der Malerei etwas voraus; sie kann jederzeit streichen, zurücknehmen, überschreiben, was sie direkt zuvor entworfen hat.

Lässig schließt Röggla so an die Tradition der literarischen Bildbeschreibung an – etwa von Homers "Schild des Achilles", Lessings "Laokoon" oder Handkes Vorwurf der "Beschreibungsimpotenz". Zugleich frönt sie einer unstillbaren Lust am evidenzvortäuschenden Simulakrum, wie es etwa Peter Licht 2007 beim Klagenfurter Bachmannpreis getan hat in "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends", als er erzählerisch das Bild eines auf einem Sofa lümmelnden Schriftstellers entwarf - bevor der Text kurz darauf klar machte, alles sei nur Täuschung. Es gebe kein Sofa, und beim genaueren Blick noch nicht einmal einen Dichter.

Nihilistische Komik

Durchwebt mit einer solchen nihilistischen Komik führt Kathrin Röggla gesellschaftsanalytisch höchst präzise die unterschiedlichsten brisanten Themen zusammen: der Prekariats-Reisestil per Flixbus erscheint plötzlich direkt neben den Ermittlungspannen im NSU-Prozess und beide in merkwürdiger Nachbarschaft zu Gleichstellungsfragen. Röggla braucht für ihre dichte Beschreibung nicht wie der DDR-Maler Tübke 14 mal 123 Metern Wandfläche, sondern nur zweimal 14 Textseiten. Gegenüber Tübke greift ihr Panorama auch noch weiter aus; nämlich auf die potentiellen Betrachter sowie die Schöpferin des Gemäldes selbst. Wie letztere wohl reagieren wird, wenn "Teile des Panoramas mir gleich um die Ohren fliegen werden,..."

Indem die Bildbeschreibung ihren kritischen Blick auf die Autorin erweitert, kommt eine weitere Frage auf das Tableau, nämlich: Woher rührt die Idee zu einem solchen Panorama überhaupt? Wenn Röggla beschreibt, wie sie nachts wach lag und in Gedanken die einzelnen Teile ihres Bildes zusammensetzte, dann ist klar, in welcher Tradition sie sich situiert. "Denk ich an Deutschland in der Nacht. Bin ich um den Schlaf gebracht", seufzte Heinrich Heine einst. So geht es Röggla mit ihrem Panoramablick noch heute, knapp 180 Jahre nach Heine. Obwohl die literarische Essayistin offenbar keine Ruhe mehr finden mag – eine höchst anspruchsvolle, gewitzte und der Situation gemäße Erzählweise findet sie doch. Daher bereitet Rögglas Essay mit seiner Rhetorik des Provisorischen größte interventionistische Gedankenfreude.

Kathrin Röggla: "Bauernkriegspanorama"
Verbrecher Verlag, Berlin. 64 Seiten, 12 Euro.

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