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Kaufprämie für NeuwagenEin nachhaltiger ökonomischer Impuls sieht anders aus

Statt die Entscheidung über Kaufprämien für Neuwagen aufzuschieben, hätte die Bundesregierung den Autoherstellern eine klare Absage erteilen müssen, kommentiert Silke Hahne. Prämien sind ökologischer und ökonomischer Unfug. Eines der besten Argumente dagegen liefert die Branche übrigens gerade selbst.

Von Silke Hahne

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Autobahn A8, bei Stuttgart, Autotransport (imago / Arnulf Hettrich)
Wer jetzt einen Neuwagen kauft, dürfte weder um Job noch Einkommen fürchten - sozial wäre die Prämie daher nicht, meint Silke Hahne (imago / Arnulf Hettrich)
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Leidenschaftliche Theaterbesucher dürften ihr Hobby dieser Tage vermissen. Aber zum Glück haben wir in Deutschland die Autolobby. Die ist sich auch in der tiefsten ökonomischen und gesellschaftlichen Krise seit Jahrzehnten nicht zu schade, ihr übliches Stück aufzuführen: Sie geriert sich mal wieder als die Branche, die uns aus dem wirtschaftlichen Tal der Tränen buchstäblich heraus fahren kann, wenn das nötige Kleingeld stimmt.

Die Bundesregierung tut gut daran, nicht darauf anzuspringen. Statt die Entscheidung über Kaufprämien aufzuschieben, hätte sie ihnen aber eine klare Absage erteilen müssen. Denn Kaufprämien sind sozialer, ökologischer und ökonomischer Unfug. Stehen sie nun weiter im Raum, könnte sich die Prophezeiung der Autobauer erfüllen: Wer einen Autokauf erwägt, wartet noch ab. Der Absatz erholt sich nicht. Ein Argument für Prämien.

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Derer gibt es ansonsten nicht viele. Sozial nützt eine Prämie Verbraucherinnen und Verbrauchern, die es im Zweifel nicht nötig haben. Wer jetzt einen Neuwagen kauft, dürfte weder um Job noch Einkommen fürchten. Das kann aktuell längst nicht jeder Steuerzahler von sich behaupten.

Lehren aus der Abwrackprämie ziehen

Ein paar hunderttausend verkaufte Neuwagen in Deutschland hin oder her retten der extrem exportorientierten Autobranche sowieso nicht das Geschäft. Und ohnehin muss man davon ausgehen, dass ein schnödes Geldgeschenk als Strohfeuer endet. Das lehrt uns die Abwrackprämie aus der Finanzkrise: Solange die gezahlt wurde, war die Nachfrage hoch, danach brach sie wieder ein. Ein nachhaltiger ökonomischer Impuls sieht anders aus.

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Und auch ökologisch wäre eine Prämie nicht nachhaltig, denn immer noch steht im Raum, neue Diesel und Benziner einzubeziehen. Das würde die bisherigen Verhältnisse am Markt zementieren: Trotz hoher Fördergelder haben bisher nur drei von 1.000 Autos in Deutschland einen reinen Elektromotor.

Ideen, deshalb nur E-Autos zu fördern, klingen aus dieser Perspektive logisch. Aber auch das würde etwas zementieren, nämlich die Art, wie wir bisher in Deutschland Verkehr denken: Individuell und motorisiert. Die Debatte über eine Verkehrswende würde jäh beendet.

Autohersteller sitzen auf erheblichen Barmitteln

Das einzige Argument dafür, den Autoabsatz anzukurbeln, ist die lange Wertschöpfungskette der Industrie. Das kann der Pkw aber nicht für sich allein beanspruchen. Auch Busse und Bahnen sind komplexe Güter, ihre Wirkung auf unsere Mobilität aber ist eine ganz andere.

Eins der besten Argumente gegen Prämien liefern die Autohersteller gerade medienwirksam selbst: Sie strotzen vor Geld und halten damit keineswegs hinterm Berg. Dieselskandal und Kartellstrafen zum Trotz sitzen die Hersteller auf Barmitteln in zweistelliger Milliardenhöhe. Statt ihr Geld für Boni und Dividenden zu verwenden, könnten die Konzerne auch Rabatte geben. Es wäre ein überraschendes Ende im Auto-Theater. Applaus hätte es allemal verdient.

Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, geboren bei Köln. Studium Kommunikationswissenschaft und Hörfunkjournalismus in Münster und Leipzig, jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Finanzen. Freie Mitarbeiterin bei mehreren MDR-Hörfunkwellen, Volontariat beim Deutschlandradio. Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft.

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