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StartseiteKultur heuteKaum zu glauben10.01.2013

Kaum zu glauben

Anmerkungen zur Verlässlichkeit von Lexika

Der Bicholim-Krieg wütete im Jahr 1640 zwischen Portugal und Indien. So stand es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die dem Bicholim-Konflikt einen ausführlichen Artikel gewidmet hatte. Allein: Der Krieg und alle Wikipedia-Quellen dazu sind frei erfunden – genauso wie Artikel etwa über die indonesische Insel Bunaka oder den angeblichen Cäsar-Mörder Gaius Flavius Antoninus.

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Und was ist, wenn es den Bicholim-Konflikt nun doch gegeben hat? Jetzt, nachdem er offiziell storniert wurde, hinwegeskamotiert aus dem Weltwissen der Wikipedia? Wenn also das neue Wissen über die Nichtexistenz des Bicholim-Konflikts genauso ein Fake wäre wie der soeben angeblich entlarvte? Schließlich lautet beim Hereinlegen die wesentliche Frage immer: wer wen? Und wenn es ans Entlarven geht, könnte es ja sein, dass das schon Teil eines höheren Betrugssystems ist, nach dem Motto: ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, dass du weißt – und so weiter.

Oder aber der Betrug ist gar nicht so ausgefeilt und es handelt sich um eine bloße Koinzidenz: Der Wikipedia-Artikel ist, beziehungsweise war ein Fake, und der Bicholim-Konflikt hat rein zufälligerweise trotzdem stattgefunden. Ausschließen lässt sich das jedenfalls nicht, denn man kann zwar Lexikoneinträge verifizieren, aber das Nichtseiende nicht beweisen. Oder um es mit dem berühmten Donald Rumsfeld zu sagen: Es gibt da einen Bereich der unknown unknowns, also Sachen, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie nicht wissen.

Obwohl dieser Bereich, wie gesagt, unbekannt ist, müssen wir vermuten, daß er ziemlich groß ist, gigantisch sogar, titanisch, ozeanisch, von kosmischem Ausmaß. Schließlich hat alles, was wir inzwischen als gesicherte Tatsachen betrachten, früher einmal zu diesem Bereich des unbekannten Unbekannten gehört. Mit jeder wissenschaftlichen Entdeckung, mit jeder polizeilichen Feststellung und sonstwie objektiven Wahrnehmung wird ja ein ontologisches Fitzelchen aus diesem Vorrat des Unbekannten in die Magazine des Bekannten verschoben, und da dieser Prozess seit Bestehen der Menschheit andauert, scheint der Vorrat ziemlich beachtlich zu sein, beachtlicher noch als alles, was Kathrin Passig, Aleks Scholz und Kai Schreiber in ihrem "Lexikon des Unwissens" zusammengetragen haben.

Schauen wir uns diesen Prozess der menschheitlichen Wissensakkumulation aber genauer an, stellen wir fest, dass es gar kein klares Hier oder Dort, Richtig oder Falsch, Unbekannt oder Bekannt gibt, sondern lauter Zwischenpositionen, Schattierungen, Mixturen. Unser Wissen besteht selbst aus Fiktionen und Vermutungen. Das ist die Kernthese der postmodernen Philosophie, die durch das Internet ihre prächtigste Bestätigung erfahren hat. Anything goes: Wikipedia ist durchsetzt mit Scherzartikeln, und niemand kann erklären, warum es den Bicholim-Konflikt nicht gegeben haben sollte.

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