Sonntag, 15.09.2019
 
Seit 20:05 Uhr Freistil
StartseiteKommentare und Themen der WocheEine fatale Fehlentscheidung 29.08.2019

Kein DFB-Verfahren gegen TönniesEine fatale Fehlentscheidung

Mit dem Verzicht auf ein Verfahren gegen den Schalker Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies hat die DFB-Ethikkommission die falsche Entscheidung getroffen, kommentiert Andrea Schültke. Ein Fehler mit möglicherweise fatalen Folgen für den Kampf gegen den Rassismus.

Von Andrea Schültke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies verlässt das Rednerpult bei der Mitgliederversammlung des Vereins. (Tim Rehbein/dpa/picture-alliance)
Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies verlässt das Rednerpult bei der Mitgliederversammlung des Vereins. (Tim Rehbein/dpa/picture-alliance)
Mehr zum Thema

Reaktionen auf Tönnies-Entscheidung - Unverständnis und Unzufriedenheit
(Deutschlandfunk, Sport Aktuell, 07.08.2019)

Causa Tönnies - Echte Reue sieht anders aus
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 07.08.2019)Causa Tönnies Echte Reue sieht anders aus

Rassistisch und diskriminierend, mit den Werten des Fußballs nicht vereinbar. So die Einschätzung der DFB Ethik-Kommission zu Tönnies‘ umstrittener Äußerung. Die sei geeignet, rassistisches Gedankengut an anderer Stelle zu stützen, heißt es weiter. Tönnies hatte vor vier Wochen bei einer Rede vor Handwerkern und lokalen Größen aus Politik und Kirche, die Finanzierung von Kraftwerken in Afrika empfohlen. Er sagte: "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren." Das sei rassistisch urteilte die Kommission heute und zeigte mit dieser Einordnung eine klare Haltung. Das Problem: Sie setzt sie nicht um.

Fehler mit möglicherweise fatalen Folgen

Ist ein Mensch, der sich rassistisch äußert ein Rassist? Diese Frage hat sich die Ethik-Kommission gestellt. So der Vorsitzende Nikolaus Schneider. Einstimmige Antwort: Nein. Clemens Tönnies ist kein Rassist. Deshalb gibt es vom DFB außer Missbilligung keine Strafe für den Fleischfabrikanten. Ein renommierter Theologe, zwei Juristinnen und ein Jurist haben so entschieden. Ein Verfahren vor dem DFB-Sportgericht wird es nicht geben. Die vier Ethik-Beauftragten haben sich überzeugen lassen – vom Afrika-Engagement des Schalke-Bosses in der Entwicklungshilfe, das er ihnen offenbar persönlich erläutert hat. Und sie haben sich überzeugen lassen von Menschen aus Tönnies‘ Umfeld, die bis zum 1. August 2019 wohl keine rassistischen Äußerungen des Unternehmers wahrgenommen haben. Bereits vor zwei Wochen wollte die Ethik-Kommission zu einem Ergebnis kommen, hat sich aber vertagt. Ein Hinweis darauf, wie ernst die vier das Thema genommen haben und wie schwer ihnen die Entscheidung gefallen ist. Sie haben die falsche getroffen. Einen Fehler gemacht mit möglicherweise fatalen Folgen.

Beigeschmack des Unglaubwürdigen

Wer rassistischen Äußerungen außer Missbilligung nichts entgegensetzt, hat in Zukunft keine Handhabe gegen den immer noch vorhandenen Rassismus in den Stadien. Wie vorgehen gegen rassistische, antisemitische Gesänge? Was tun gegen diskriminierende Aussagen oder Plakate, wie zuletzt etwa in Chemnitz, Mainz oder Dortmund? Bei Strafen in solchen Fällen wird ab sofort die Frage kommen – "Und der Tönnies?" Der Schalke-Boss soll nun im Anti-Rassismus-Kampf des DFB eine wichtige Rolle spielen, wünscht sich die Ethik-Kommission. Und der Unbestrafte soll hier auch bereits aktiv geworden sein. Das geht nicht, denn es wird immer den Beigeschmack des Unglaubwürdigen haben. Ganz sicher wollte die Ethik-Kommission eine weise Entscheidung treffen und allem gerecht werden - dem Menschen Clemens Tönnies auf der einen Seite. Und dem Kampf gegen den Rassismus auf der anderen. Letzteres ist ihr nicht gelungen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk