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StartseiteCampus & KarriereKein Klassenzimmer ohne Tablets24.05.2011

Kein Klassenzimmer ohne Tablets

Zu Besuch in Deutschlands erster volldigitalisierter Schule

Komplett auf digitalen Unterricht umzustellen, trauen sich nur wenige Schulen. Dabei wäre der Umbau zur digitalen Schule gar nicht so teuer, ist der Schulleiter des privaten Gymnasiums Neubeuern überzeugt. Bis 2012 will er für alle Schüler ab der neunten Klasse volldigitalisierten Unterricht anbieten.

Von Susanne Lettenbauer

Rund eine halbe Million Euro kostete die Umstellung der Schule. (picture alliance / dpa)
Rund eine halbe Million Euro kostete die Umstellung der Schule. (picture alliance / dpa)

Unterricht in der zehnten Klasse des Gymnasiums Neubeuern. Die 17 Schüler sitzen an ihren Einzeltischen, die zugeklappten Computer vor sich in der Dockingstation im Tisch. Anstelle der Tafel flimmert vorn in groß die Bildschirmoberfläche vom Computer der Lehrerin. Dann heißt es Computer aufklappen und die Datei über den Unterrichtsstoff Personalwesen öffnen.

Schülerin: "Ich arbeite seit gut anderthalb Jahren damit. Es läuft mittlerweile fast problemlos und es macht auch Spaß."

Antonia gehört zu den ersten Schülern des Gymnasiums Neubeuern, die volldigitalisiert unterrichtet werden. Bis 2012 sollen ab der neunten Klasse alle Schüler ohne Papier und Stift auskommen. Ob Mathematik, Biologie, Chemie, Englisch, Ethik oder auch Wirtschaftsinformatik – kein Fach ohne den allgegenwärtigen Tablet-PC:

Schülerin: "Also ich muss sagen, ich könnte mir jetzt nicht mehr vorstellen einen dreiseitigen Aufsatz noch per Hand auf Papier zu schreiben in der kurzen Zeit, die uns da vorgegeben ist, aber so im Unterricht ganz normale Mitschriften kann ich noch anfertigen, das ist kein Problem."

Die Schüler im Klassenzimmer klappen den Computerbildschirm um, mit wenigen Handgriffen versinkt der Tablet-Bildschirm im Tisch. Dann beginnen die 15-Jährigen auf ihm zu schreiben ähnlich wie auf einem iPad. Für Schulleiter Jörg Müller einer der wichtigsten Punkte, seit vor zwei Jahren die Entscheidung für die Digitalisierung der Klassenzimmer fiel:

"Die müssen ja die ganze Zeit mit der Hand schreiben. Die schreiben überwiegend hier im System überwiegend mit der Hand. Wo die Tastatur verwendet wird, ist bei Aufsätzen oder Deutschschulaufgaben, aber im Alltag wird die ganze Zeit per Hand geschrieben."

Rund eine halbe Million Euro kostete die Umstellung, der laufende Betrieb summiert sich auf einen niedrigen fünfstelligen Betrag. Eine Schülerin aus der neunten Klasse, die erst seit einem Jahr mit dem Computer arbeitet, zögert bei der Frage, ob sie lieber an einer ganz normalen Schule wäre:

"Teilweise schon, aber teilweise auch nicht. Ich habe das jetzt erst ein Jahr gemacht und vermisse das schon, einfach einmal etwas drauf rum zuschreiben, wenn ich wieder mit Papier arbeite, dann muss man die ganze Zettelwirtschaft zusammenhalten und das hat man auf dem Tablet-PC eben nicht."

Michael Fes schult die Schüler und vor allem Lehrer in dem neuen System. Er achtet darauf, dass kein Schüler verbotene Inhalte auf den Tablet lädt. Er koordiniert auch die Softwarelizenzen und die Virenabwehr. Wenn es bei einem älteren Lehrer mal nicht so klappt, ist er zur Stelle:

"Es ist halt sehr unterschiedlich. Es gibt Kollegen die schaffen es komplett allein, die haben sogar Ideen, was man noch ändern könnte, aber es gibt natürlich auch welche, die nutzen gern die Hilfe der EDV."

Nur 23 Prozent der Lehrer setzen den PC regelmäßig im Unterricht ein, kritisiert eine aktuelle Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. 40 Prozent nutzen Computer gar nicht oder sehr selten. Am Gymnasium Neubeuern, einer privaten Schule mit 220 Schülern aus Russland, Mexico, China, Spanien und Deutschland flimmern auf den Fluren große Bildschirme mit den neuesten Infos und Weltnachrichten. Interessierte Eltern sind positiv überrascht, die Lehrer haben sich daran gewöhnt, sagt Schulleiter Jörg Müller:

"Wir sind eher überrascht, wie schnell da eine Akzeptanz entstand und auch die Einsicht, dass das ein Schritt ist, der Sinn macht, der innovativ ist und selbst von unseren wenig computeraffinen Kollegen mitgetragen wird."

Im bayerischen Kultusministerium ist man ob des digitalen Vorstoßes aus Neubeuern eher kritisch eingestellt. Der Freistaat setzt eher auf E-Learning, Laptopklassen und ganz traditionell auf Füller, sagt Sprecher Ludwig Unger. Denn zuallererst stünde der Inhalt und nicht die Vermittlungsart im Vordergrund des Unterrichts:

"Das Instrument digitalisierte Schule oder eine Einrichtung einer privaten digitalisierten Schule hat ja mit Inhalten und den Kompetenzen, die die Schüler auf dem Weg an die Universität erwerben sollen, relativ wenig zu tun. Computer und Informatik gehören mit zu den Bestandteilen des Lehrplanes heute dazu, aber ebenso gehören Mathematik und Biologie dazu."

Natürlich plädiere das Kultusministerium dafür, dass die Schulen neue Technik verwenden. Aber verantwortlich für die Ausstattung seien die Kommunen und Gemeinden, also genau jene, denen das Geld nicht nur bei der Ausstattung der Schulen fehlt. Im Gymnasium Neubeuern hat man diese Sorgen nicht: Das monatliche Schulgeld beträgt hier 2500 Euro.

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