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StartseiteDlf-MagazinNach über 70 Jahren - früherer KZ-Wachmann vor Gericht11.06.2020

Kein kurzer ProzessNach über 70 Jahren - früherer KZ-Wachmann vor Gericht

Der Hamburger Prozess gegen Bruno D., einen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof bei Danzig, geht in die Schlussphase. Dem heute 93-Jährigen wird Beihilfe zum Mord in 5.320 Fällen vorgeworfen. Mehrere Gutachter wurden schon hinzugezogen. Denn die Wahrheitsfindung und die Beantwortung der Schuldfrage ist schwierig.

Von Axel Schröder

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Ein 93 Jahre alter SS-Wachmann (l) wird unter den Blicken von Marek Dunin-Wasowicz, Überlebender des KZ Stutthof, im Landgericht in den Saal geschoben.  (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Dem 93 Jahre alten Bruno D. wird Beihilfe zum Mord an 5.320 Menschen im KZ Stutthof vorgeworfen, wo er Wachmann war (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
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Doris Schneider lässt nicht locker. Immer, wenn vor dem Hamburger Landgericht gegen den 93-jährigen Bruno D. verhandelt wird, steht sie zusammen mit ihren Mitstreitern gegenüber vom prächtigen Portal des Gerichts. Bei jedem Wetter. Seit Oktober letzten Jahres.

"Wir finden, dass dieser Prozess so überfällig war! Es muss sein, dass die Justiz und unsere Gesellschaft sich dazu bekennt, dass es ein Unrecht war."

Doris Schneider verfolgt den Prozess für das "Auschwitz-Komitee" und die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes". Allerdings nur von draußen. Denn das Verfahren gegen den 93-jährigen einstigen KZ-Wachmann Bruno D. – es geht um Beihilfe zum Mord in über 5.300 Fällen - wird vor der Jugendkammer des Gerichts verhandelt. D. war zum Tatzeitpunkt erst 17, 18 Jahre alt. Und nur ausnahmsweise dürfen vorher registrierte Wissenschaftler, Angehörige und Journalisten den Prozess auch vom Zuschauerraum aus verfolgen. Seit der Coronakrise ist auch das nicht mehr möglich.

Taten liegen über 70 Jahre zurück

Jetzt sind nur noch Journalisten zugelassen und müssen – der Angeklagte gehört zur Risikogruppe – von einem separaten Saal aus mit der Tonübertragung Vorlieb nehmen. Und Doris Schneider vom Auschwitz-Komitee ist deshalb auf die Berichte von Anwältinnen und Anwälten angewiesen, wenn sie wissen will, was gerade verhandelt wird.

"Es ist ja heute sehr spannend, wie die Psychiater das alles einschätzen. Sowohl der Jugendpsychiater als auch der Gerontologe. Das ist alles total spannend."

Und zwar vor allem deshalb, weil zwei zentrale Fragen geklärt werden müssen, so Gerichtssprecher Kai Wantzen. Zum einen: Wie verlässlich sind die Aussagen des 93-jährigen Angeklagten zu seinen Taten, die immerhin über 70 Jahre zurückliegen:

"Wir haben die Situation, dass sich der Angeklagte an viele Dinge, viele Einzelheiten erinnert. Viele Einzelheiten aber auch nicht - und gerade solche, die von Augenzeugen anders geschildert wurden und auch historisch anders belegt sind. Und für die Frage: liegt ein Geständnis vor oder nur ein Teilgeständnis, muss die Kammer versuchen aufzuklären, ob diese Erinnerungslücken auch authentisch sind oder nicht."

"Die Gesellschaft im Nationalsozialismus war von Gewalt durchzogen"

Dazu wurde Bruno D. von einem Geronto-Psychologen befragt. Der hat Anfang der Woche erklärt, dass der Angeklagte keine altersbedingten Erinnerungsschwächen hat. Allerdings hat der Gutachter auch auf Verdrängungsmechanismen der menschlichen Psyche hingewiesen. Kurz gesagt: An besonders traumatische, besonders schuldbehaftete und besonders lang zurückliegende Erlebnisse kommt ein Mensch nur besonders schwer heran. Noch komplizierter, sagt Gerichtssprecher Wantzen, ist die zweite Frage, die ein Gutachter für das Gericht klären soll: Was für ein Mensch war Bruno D. als 17-Jähriger?

"Es ist wie immer im Strafverfahren, dass man mit dem Vorlieb nehmen muss, was man vorfindet. Und deswegen muss sowohl der Gutachter als auch das Gericht eben natürlich der Situation Rechnung tragen, dass die Geschehnisse 70 Jahre zurückliegen und die Begutachtungssituation natürlich bei einem 93-Jährigen völlig anders ist als bei einem Tatverdächtigen, der kurz nach der mutmaßlichen Tat vor Gericht steht."

Die Aussage des Jugendpsychiaters steht noch aus. Anfang der Woche präsentierte der Anwalt des 93-Jährigen, Stefan Waterkamp, aber schon mal ein Psychogramm des jungen Bruno D.: Der sei nun mal in einer durchmilitarisierten Gesellschaft aufgewachsen und zum Gehorsam erzogen worden.

"Die Gesellschaft im Nationalsozialismus, gerade in der Zeit 1944, war von Gewalt durchzogen. Das war gesellschaftliche Realität. Diese ganze Perversion, die wir heute sehen, war damals das Leben der Menschen."

Nicht aus freien Stücken sei Bruno D. SS-Wachmann im KZ Stutthof geworden, sagt Anwalt Waterkamp, sondern, weil es ihm, dem Wehrmachtssoldaten, befohlen wurde. Werte wie Kameradschaft und der Gruppendruck hätten sein Handeln bestimmt.

Das Wachpersonal konnte wechseln

Christine Siegrot, sie vertritt zwei Nebenkläger im Prozess, hält dagegen wenig davon, Bruno D. als ein Opfer der Umstände zu sehen. Als Wachmann wusste er von den tausendfachen Morden in Stutthof, vom Leid und Elend derer, denen sein Handeln die Flucht unmöglich machte. Niemand sei gezwungen gewesen, als KZ-Wachmann zu arbeiten, so Christine Siegrot.

"Es ist für das gesamte Wachpersonal in allen KZs erwiesen, dass es jederzeit die Möglichkeit gab, sanktionsfrei und aber auch degradierungsfrei entweder in ein anderes KZ zu wechseln - das ohnehin -, oder aber vor allem an die Front zu wechseln. Oder aber in die alte Wehrmachtseinheit zurück zu wechseln. Davon haben auch viele SS-Angehörige Gebrauch gemacht. Auch gerade in den Lagern."

Das "Auschwitzkomitee" und die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" werden bis zum letzten Prozesstag - aller Voraussicht nach bis Ende Juli - vor dem Landgericht ihre Mahnwache halten. Dabei sein wird auch Doris Schneider. Dass sich der Verfahren schon so lange hinzieht, dass wegen Bruno D.‘s hohem Alter immer nur zwei Stunden verhandelt wird, dass Gutachten angehört werden, die zum Teil nur bedingte Aussagekraft werden: All das das sei ganz richtig so, sagt die ältere Dame:

"Das ist angemessen. Es geht darum, diesem Mann zu zeigen: Wir sind heute fair! Wir nehmen uns Zeit, wir betreiben einen wahnsinnigen Aufwand, wir holen noch ein Gutachten, wir lassen zu, dass sich das alles unheimlich in die Länge zieht. Wir machen keine kurzen Prozesse! Wir sind anders! Wir wollen nicht so sein, wie es damals war! Nach drei Generationen sich mit einer Sache zu beschäftigen, ist immer viel zu schwer. Aber man muss sich ihr trotzdem stellen."

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