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StartseiteKalenderblatt"Kein Mensch hat von der Natur das Recht erhalten, andere Menschen zu befehligen"31.07.2009

"Kein Mensch hat von der Natur das Recht erhalten, andere Menschen zu befehligen"

Heute vor 225 Jahren starb der Schriftsteller und Philosoph Denis Diderot

Denis Diderot, ein scharfzüngiger französischer Philosoph, machte die Aufklärung in Europa bekannt. Aus seiner Feder stammt die "Encyclopédie", das einst umfassende Kompendium modernen Wissens. Außerdem verfasste Diderot philosophische Romane, die zugleich bildeten und unterhielten. Denis Diderot starb am 31. Juli 1784, heute vor 225 Jahren.

Von Kersten Knipp

Bildnis Denis Diderots (Louis-Michel van Loo, 1767) (Sammlung Diderot)
Bildnis Denis Diderots (Louis-Michel van Loo, 1767) (Sammlung Diderot)

"Alles, was uns hienieden an Gutem und Bösem zustößt, steht da oben geschrieben. Wisst Ihr ein Mittel, Herr, diese Schrift auszulöschen? Kann ich aufhören, ich zu sein? Und kann ich, wenn ich ich bin, anders handeln als ich's tue? Kann ich ich sein und zugleich ein anderer? Und gab es, seit ich auf der Welt bin, einen einzigen Augenblick, wo das nicht gegolten hätte? Predigt, so viel es euch gefällt, Eure Gründe mögen vielleicht gut sein. Aber wenn es in mir oder da oben geschrieben steht, dass ich sie für schlecht halten muss, was kann ich daran ändern?"

Was tun, wenn man ein Mensch ist? Nur ein Mensch, ein Wesen von zwar funktionierendem, aber alles in allem doch beschränkten Verstand, zu mancherlei berufen, nur nicht dazu, die letzten Dinge zu erkennen? In seinem 1796 erschienenen Roman "Jacques der Fatalist" geht Denis Diderot der Frage der menschlichen Willensfreiheit nach. Das Thema entsprach dem Geist der Zeit: Ein paar Jahre zuvor, 1789, hatte Frankreich eine uralte politische und gesellschaftliche Ordnung vom Tisch gewischt. Aber bald schwangen sich die Freiheitskämpfer von gestern zu den Tyrannen von heute auf. Kann der Menschen nicht anders, als über andere herrschen wollen? Doch, er kann, meinte Diderot, aber er muss sich als Erstes selbst beherrschen. Dass der Mensch über seinen eigenen Schatten springen kann, hatte er selbst bewiesen: 1713 als Sohn eines streng katholischen Handwerkers in der Champagne geboren, war ihm eine Karriere als Geistlicher bestimmt. Die aber schlug er aus, um statt dessen Schriftsteller zu werden - auch gegen den Willen des Vaters, der ihm darum den Unterhalt kürzte. So waren es auch persönliche Erfahrungen, die ihn zu einem großen Verfechter der Freiheit werden ließen. Die Freiheit, schrieb er, muss unbedingte Geltung haben.

"Kein Mensch hat von der Natur das Recht erhalten, andere Menschen zu befehligen."

Der Satz findet sich in der von Diderot herausgegebenen, ab 1751 erscheinenden "Enzyklopädie", dem großen, wie es im Titel weiter heißt, "alphabetisch geordneten Lexikon der Wissenschaften, Künste und Gewerbe". Wissenschaften, Künste und Gewerbe: Nichts ist zu gering auf dieser Welt, um Eingang ins Lexikon zu finden: Das war der epochale Umbruch, der sich mit Diderots Enzyklopädie ereignete. Jahre arbeitete er an diesem Projekt, lud Wissenschaftler zur Mitarbeit ein, verfasste unzählige Artikel selbst: 3000 Artikel waren es allein für die beiden Bände. Kaum ein Phänomen, das nicht Eingang in dieses Wunderwerk des Wissens fand. Kein Wunder, dass gleich mehrere katholische Orden es zu verbieten suchten. Denn zur Religion hatte Diderot kein allzu freundliches Verhältnis. In allem, was er tat, suchte er die göttliche Autorität durch irdische zu ersetzen, Regeln zu finden, die sich nicht vom Himmel, sondern aus dem menschlichen Zusammenleben ableiten ließen. Wie schwierig das war, wusste Diderot durchaus. Denn was ist der Mensch, wenn nicht zu großen Teilen auch dieses: ein grandioser Lügner und Heuchler. Und doch setzte er dem Zynismus seiner Epoche in seinem Roman "Rameaus Neffe" ein großes literarisches Denkmal. Dieser Neffe ist ein begnadeter Musiker - und weiß, was er tun muss, um seine Kunst zu verkaufen.

"Im Allgemeinen bin ich frank und frei, ist mein Charakter gerade und schmiegsam wie eine Weidenrute; niemals bin ich falsch, sofern es nur irgend mein Vorteil ist, wahrhaftig zu sein; niemals wahrhaftig, sofern es nur irgend mein Vorteil ist, falsch zu sein. Ich rede, wie es kommt; vernünftig, umso besser; unverschämt, man achtet nicht darauf. Nie im Leben habe ich nachgedacht, weder vor dem Reden, noch beim Reden, noch nach dem Reden. So verletze ich auch niemanden."

Diderot war ein Moralist - verstanden im damaligen Sinn als einer, der die Mores, die Sitten, beobachtet - und sich über die menschliche Natur keine Illusionen macht. Glücklich mit den Zuständen in Frankreich war er nicht. So ging er 1773 für mehrere Monate an den Hof der russischen Zarin Katharina der Großen, einer aufgeklärten Monarchin, die ihn, für ein großzügiges Honorar, als Bibliothekar beschäftigte - eine Gelegenheit für Diderot, weiter an seinen Werken zu schreiben. Was immer er veröffentlichte, es war spitz, pointiert, scharfsinnig, mit Sinn für die Abgründe, die sich hinter der Moral auftun. Diderot, einer der klügsten, aber auch skeptischsten Vertreter der europäischen Aufklärung, starb am 31. Juli 1784, heute vor 225 Jahren. Ist die Welt besser geworden seitdem? Nein. Aber man muss es versuchen. Alles andere wäre sträflich fatalistisch.

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