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StartseiteKultur heuteKein Platz für kritische Kunst in Perm20.06.2013

Kein Platz für kritische Kunst in Perm

Entlassung des russischen Museumschefs Marat Gelman

Der Galerist Marat Gelman hat aus dem russischen Perm eine Metropole für Kunst und Kultur gemacht. Nach einigen umstrittenen Ausstellungen wurde er nun als Direktor des zeitgenössischen Museums entlassen. Er kritisiert, Russland werde rückwärtsgewandt.

Von Thomas Franke

Marat Gelman leitete das Museum in der Provinzstadt Perm mehrere Jahre lang. (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Igor Russak)
Marat Gelman leitete das Museum in der Provinzstadt Perm mehrere Jahre lang. (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Igor Russak)
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Gelman gibt sich von seinem Rauschmiss in Perm unbeeindruckt. Er sitzt in seiner Galerie in Moskau und raucht. Vor ein paar Jahren hatte ihn der Gouverneur von Perm in die Provinzstadt geholt. Damals habe er seine privaten Pläne zurückgestellt, sagt Gelman. Nun müsse er das nicht mehr. Pech für Perm:

"Ich hatte damals den Eindruck, dass wir in die Zukunft streben, in eine offene Welt. Jetzt hab ich den Eindruck, dass wir in die Vergangenheit streben und zur Autarkie."

Gelman war es, der aus Perm eine Metropole für Kunst und Kultur gemacht hat. Bevor er kam, stand die Stadt für den Gulag und Verfall. Viele Leute wollten weg.

"Generell ist das Problem, dass junge Menschen aus den Provinzstädten fliehen, entweder ins Ausland oder nach Moskau. In Perm ist eine andere Situation. Kunst ist dort das Hauptthema, über das gestritten wird. Kunst ist dort wichtiger als Politik oder Geschäfte. Die Kultur hat für die Modernisierung des Lebens eine wichtige Rolle gespielt."

Und genau das scheint einigen Leuten zu gefährlich zu sein. Vor geraumer Zeit hat der Gouverneur gewechselt. Und dem neuen war das moderne Treiben im Kunstmuseum ein Graus. In den letzten Wochen erschienen dann Hetzbeiträge in der Sendung Postskriptum, quasi der Schwarze Kanal des modernen Russlands. Die Sendung läuft landesweit. Dort wurde den Regionalbehörden vorgeworfen, mit Gelman jemanden zu finanzieren, der dem Staat schadet.

"Diese Sendung war nur für einen Zuschauer gemacht worden: für Wladimir Putin."

Der Vorwurf, öffentliche Gelder für jemanden auszugeben, der den Staat kritisiert, ist billig, zieht jedoch. Und er zeigt, wie unterentwickelt die Diskussionskultur in Russland ist. Selbstkritik funktioniert schon gar nicht. Eine Ausstellung über die Olympischen Spiele in Sotchi 2014 mit Bildern des Künstlers Vasili Slonov wurde zensiert. Bilder, auf denen eine Balalaika mit einer Kalaschnikow verschmilzt, eine Matroschka grimmig einen Polizeiknüppel in der Hand hat, die olympischen Ringe Galgenstricke sind oder Stacheldraht, Äxte blutig Bäume fällen. Die Olympischen Spiele sind das neue Heiligtum, Putins Lieblingsspielzeug, sagt Gelman.

"Wenn ich versuche, das zu erklären, dann benutze ich immer Metaphern, zum Beispiel die Metapher vom Schmerz. Schmerz ist unangenehm, aber wir brauchen Schmerz. Wenn es irgendwann keinen Schmerz mehr gibt, dann ist das eine Gefahr für den Körper. Wenn wir die Hand über das Feuer halten und sie nicht wegdrehen, dann wird die Hand verbrennen."

Russland scheint derzeit recht schmerzfrei zu sein. Hackt es doch gerade seine kritische Elite ab.

"Die zweite Metapher ist eine Buchhandlung. Stellen Sie sich eine Buchhandlung vor, in denen es nur Bücher aus Perm gibt. Da kommt ein Leser und möchte etwas über Astronomie lesen, und in Perm schreibt niemand über Astronomie. Die heutige Kultur ist global, der Mensch, der gerade in Russland oder Deutschland aufwächst, der wächst mit dieser globalen Kultur auf."

Gelman nennt die Leute, die ihn behindern, sowjetische Beamte - Leute, die die Menschen von der Zivilisation des 21. Jahrhunderts abkoppeln möchten. Und das in einem Land, das längst im 21. Jahrhundert angekommen ist und derzeit moralisch auf das Niveau des 19. Jahrhunderts zurück fällt. Gelmans Ideen und Künstler stören dabei. Aus dem Festival, das er in Perm in den letzten Jahren auf die Beine gestellt hat, wollen sie ein regionales patriotisches machen. Warum Künstler aus aller Welt holen, wir zeigen unsere.

"Der einzige Weg ist Aufklärung. Je mehr Menschen mit zeitgenössischer Kunst in Kontakt kommen, desto besser verstehen sie sie, und desto toleranter werden sie gegen über der Kunst."

Aber solche Kunst war schon zu Sowjetzeiten gefährlich.

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