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StartseiteEuropa heuteKein Platz zum Atmen22.08.2006

Kein Platz zum Atmen

Grenzschützer bei der gefährlichen Rettung nordafrikanischer Flüchtlinge vor Lampedusa

Rund 10.000 illegale Einwanderer haben in diesem Jahr in kleinen Booten die süditalienische Insel Lampedusa erreicht. Eine gefährliche Reise für die nordafrikanischen Armutsflüchtlinge, bei der allein am vergangenen Wochenende wieder mindestens 60 Menschen ums Leben kamen. Soldaten, Angehörige des Grenzschutzes und der Küstenwache versuchen den völlig erschöpften Menschen zu helfen - oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Karl Hoffmann berichtet.

Ein Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa. (AP Archiv)
Ein Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa. (AP Archiv)

Schon früh am Morgen, bei Sonnenaufgang, startet der erste Hubschrauber von Lampedusa aus. Er sucht das Seegebiet im Süden der Insel ab, zwanzig, dreißig Meilen in jene Richtung aus der die Boote mit den Flüchtlingen kommen. Sichtet der Pilot Menschen in Not, dann gibt er Meldung an die Schnellboote im Hafen von Lampedusa. Ein paar tausend PS werden entfesselt und mit bis zu 80 Stundenkilometern rasen die Grenzschützer los, um zu helfen.

"Wir sehen ja, es sind Menschen. Es sind Menschen auf dem Meer, die "Hilfe", "Hilfe", "Hilfe" rufen. Manchmal haben sie überhaupt keine Kraft mehr um Hilfe zu rufen. Manchmal hören wir überhaupt keine Stimmen. Manchmal sehen wir nur ihre Hände. Und wir müssen schnell handeln bevor sie das Meer irgendwie verschluckt."

Brigadiere Fedele Guardavascio hat als Jugendlicher in Deutschland gelebt, als er mit seinen Eltern wieder in seine Heimat Sizilien zurückkehrte, ging er zum Grenzschutz und wurde zu einem der eifrigsten Menschenretter Italiens.

"Diesen Beruf mache ich auch ganz schön gern, sehr gern, das mache ich auch mit ganzem Herzen. Bis jetzt eigentlich habe ich über 5000 Flüchtlinge gerettet."

Flüchtlinge, die auf Holzbooten beschossen werden, zurückgedrängt oder gar versenkt durch feindselige Flotten, die die Festung Europa verteidigen? Brigadiere Fedele ist der lebende Gegenbeweis. Im Süden Italiens sind Idealisten am Werk, auch wenn sie Uniformen tragen und Polizeigewalt haben. Auf dem Meer hat das alles keine Bedeutung. Da gilt nur eines: Menschenleben retten:

"Das ist schon mal passiert, dass wir sehen, dass auch mal diese Boote kentern oder irgendjemand ins Wasser fällt. Wir sehen ob jemand krank ist oder blutet. Und manchmal sehen wir auch, dass leider, leider schwangere Frauen da sind und die sind die Allerersten die gerettet werden, weil das sind kleine Boote und hundert Leute darauf. Die sind wie Sardinen zusammengepfercht. Die haben gar keinen Platz zum Atmen, wirklich."

Solche lebensgefährlichen Transporte sind auch für die Retter ein Problem. Höchste Vorsicht ist geboten, wenn die Flüchtlinge verzweifelt sind. Wirft man ihnen Wasser oder Seile zu, dann stürzen sie sich alle auf eine Seite und ihr Boot kentert. Deshalb begeben sich meist erfahrene Seeleute der Marine oder Guardia di Finanza auf die Flüchtlingsboote und steuern sie in den Hafen oder vorsichtig zu einem Rettungsschiff. Romeo Cavallin, der Kommandant der Guardia di Finanza, der nie Waffen trägt, sondern im T-Shirt und mit bloßen Händen Kinder, Frauen und Verdurstende an Land getragen hat, weiß, wie leicht ein Unglück draußen auf hoher See geschehen kann.

"Wenn der Scirocco weht, dann haben die Boote den Wind zwar im Rücken, aber trotzdem ist das Navigieren schwierig und oft geraten die Leute in Panik. Kein Wunder bei den völlig überfüllten Booten."

So ist wohl auch das Unglück vom vergangenen Wochenende geschehen. Die Dunkelheit, der Seegang und die Unerfahrenheit der illegalen Bootsführer haben das kleine Fischerboot mit 120 Menschen kurz vor Lampedusa zum Kentern gebracht. Das immerhin noch 70 von ihnen gerettet werden konnten ist der Verdienst der Marinesoldaten, deren einzige Aufgabe an der Immigrationsfront Massimo Marzocca beschreibt, der oberste Grenzschützer in Süditalien:

"Wenn die Flüchtlinge schon auf dem Meer sind, dann können wir sie nur noch retten und versuchen, den Schlepper, der das Boot lenkt, festzunehmen, sofern überhaupt ein solcher an Bord ist. Man müsste gegen die Schleppermafia vorgehen, aber die sitzt in den Ländern Nordafrikas und dort lässt die gemeinsame Verbrechensbekämpfung leider sehr zu wünschen übrig."

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