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StartseiteKultur heuteKein Treffer für Dissidenz16.12.2010

Kein Treffer für Dissidenz

Kuba hat mit EcuRed eine eigene Wikipedia online gestellt

Die digitale "Enciclopedia Cubana" soll in aller Breite das offizielle Wunschbild der kubanischen Staatsregierung entwerfen: Kubas revolutionäre Geschichte, seine Märtyrer, seine Persönlichkeiten. Nicht jeder kann sich einfach beteiligen - die Seiten pflegen die Ministerien.

Von Peter B. Schumann

Die Biografien ihrer großen Führer kennen die Kubaner bereits. Darüber hinaus erfahren sie nicht viel Neues im neuen Wiki. (AP)
Die Biografien ihrer großen Führer kennen die Kubaner bereits. Darüber hinaus erfahren sie nicht viel Neues im neuen Wiki. (AP)
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"System-Fehler" zeigt der Bildschirm dem Autor zeitweise an, wenn er EcuRed.cu eingibt, um die digitale "Enciclopedia Cubana" aufzurufen. Dabei will er doch gerade unser System, unser Wikipedia überwinden, um in das "Wissen mit allen und für alle aus Kuba und mit der Welt" einzutauchen - wie für EcuRed geworben wird. Aber er braucht die Geduld eines Kubaners, der nach einem Liter Milch ansteht - und landet mitunter bei Wikipedia. Die weltweite Konkurrenz hat sofort ein Stichwort geschaltet und verweist darauf:

"Aus Sorge vor Verlust des staatlichen Medienmonopols ist das Internet in Kuba nur unter starken Restriktionen zugänglich."

Und nur für jene Privilegierten, die überhaupt einen Anschluss besitzen. Darüber sollen gerade mal sechs Prozent der Insulaner verfügen, und meist auch nur am Arbeitsplatz. Es existiert daneben noch das Intranet, jedoch nur für den innerkubanischen Hausgebrauch. Das neue EcuRed ist dagegen ein Fenster zur Welt, durch das man allerdings eher von außen nach innen blicken soll. Denn die Kubaner kennen ja wohl die Biografien ihrer großen Führer und die Geschichten ihrer Revolution. Sollten sie dagegen den Begriff "Opposition" oder gar "Dissidenz" eingeben, dann wird ihnen mitgeteilt:

"Es gibt keine Ergebnisse, die die Kriterien der Suche erfüllen."

Die Kriterien bestimmen - bei Wikipedia - die Autoren, und diese sorgen mitunter für Verwirrungen und Fehler. Deshalb kann sich an EcuRed auch nicht jeder so einfach beteiligen. Dies ist keine "freie", sondern eine "kollaborative" Internet-Plattform, das heißt der Autor muss sich erstmal registrieren. Und dazu muss er gewisse Qualitäten aufweisen wie zum Beispiel:
"Verantwortlichkeit, Rückverfolgbarkeit, Originalität, Zuverlässigkeit."

Diesem Autor ist es jedenfalls nicht gelungen, sich zu registrieren. Er strandete bei einer Fehlermeldung. EcuRed will jedenfalls niemanden in die Irre führen, sondern auf den rechten Weg nach Kuba.

"Dies ist eine Plattform der Information, damit die Welt Kuba besser versteht."

Hier soll in aller Breite das offizielle Wunschbild entworfen werden: Kubas Selbstbildnis von seiner revolutionären Geschichte und ihren Märtyrern, seinen Persönlichkeiten, den wichtigsten Institutionen usw. Und vor allem auch seine Sicht auf die Welt.

"Die Vereinigten Staaten von Amerika sind historisch dadurch aufgefallen, dass sie mit Gewalt Gebiete und Bodenschätze anderer Länder ausgeraubt haben zum Nutzen ihrer Unternehmen und Monopole."

Das ist nicht falsch, aber nur Teil einer sehr komplexen Wahrheit. Manches erstaunt, wie die breite Darstellung der katholischen Kirche, allerdings nicht der in Kuba und ihrer Rolle bei der Freilassung politischer Häftlinge, sondern der in Rom. In einem ausführlichen Porträt wird sogar Papst Johannes Paul II. gewürdigt, ein Anti-Kommunist. Nur von seinem denkwürdigen Besuch Kubas ist nirgends die Rede:

"Diese Seite ist noch in der Entwicklung."

Es bleibt die Hoffnung, wie auf vielen anderen Seiten auch. Der Nutzer kann insgesamt nur einen selektiven Blick erwarten auf den erst 20.000 Seiten, mit denen EcuRed an den Start geht. Denn die Enzyklopädie wird vom "Jungen Computer- und Elektronik-Club" organisiert, einer im ganzen Land verbreiteten Abteilung der Kommunistischen Jugend, und noch dazu auf ministerialer Ebene gepflegt -

"- als eine Initiative der Ministerien für Wissenschaft, Technologie und Umweltschutz, für Bildung, für Gesundheit sowie des Nationalen Sportinstituts."

Davon abgesehen erlaubt eine virtuelle Bibliothek von EcuRed Zugang zu verstreuten wissenschaftlichen Quellen: Aufsätzen und Bibliografien und sogar kompletten Büchern. Wer das Kuba-Selbstverständnis der Brüder Castro kennenlernen will, muss sich nicht mehr mühsam durch die offiziellen Webseiten klicken. Bei EcuRed findet der Suchende vieles gesammelt - vorausgesetzt, er besitzt die "brennende Geduld" eines Kubaners.

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