Freitag, 30. September 2022

Nach Vorschlag aus Estland und Finnland
Russen EU-Visa zu verweigern, wäre falsch

Estland und Finnland haben vorgeschlagen, dass Russen keine Visa mehr für die EU erhalten sollen. Das wäre jedoch der falsche Ansatz und nur Wasser auf die Mühlen der Kreml-Propaganda, kommentiert Florian Kellermann. Und im Westen verstehen Russen vielleicht am ehesten, was ihr Land anrichtet.

Ein Kommentar von Florian Kellermann | 10.08.2022

Eine Frau hält ihren russischen Reisepass in den Händen.
Ginge es nach Estland und Finnland, würden Russen demnächst keine Visa mehr für die EU bekommen. (dpa/picture alliance/Kay Nietfeld)
Im Flughafengebäude in Helsinki laufen die Passagiere direkt auf einen Werbe-Bildschirm mit einem Schriftzug auf Russisch zu: „Hier spricht man über den Krieg“, ist da zu lesen. Eine finnische Tageszeitung hat die Anzeige geschaltet. Die Botschaft soll Ankommende aus Russland aufrütteln: In Finnland müssen sie sich den Verbrechen stellen, die ihr Land in der Ukraine begeht.
Das ist eine Art, mit russischen Touristen umzugehen. Die finnische Regierung hat andere Pläne. Sie möchte, dass die EU-Staaten keine Touristenvisa mehr an russische Urlauber ausstellen. Ebenso äußerten sich die estnische Premierministerin Kaja Kallas und schon zuvor der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Die Forderung ist verständlich. Für die Ukrainerinnen und Ukrainer hat sich mit dem russischen Überfall alles geändert. Abermillionen sind auf der Flucht, Abermillionen habe ihre Arbeit verloren, fast jeder kennt jemanden, der im Krieg getötet wurde. Nacht für Nacht weckt der Luftalarm das ganze Land. Ganz anders das Leben der Russinnen und Russen. Für sie ist vieles teurer geworden, McDonald’s gibt es nicht mehr – aber sonst geht das Leben eigentlich ganz normal weiter. Viele leisten sich den Luxus, den Krieg in der Ukraine einfach zu ignorieren. Und dann sollen diese Menschen auch noch unbeschwert Urlaub an den Stränden Italiens machen dürfen? Das Gerechtigkeitsgefühl sagt: Nein, sie sollen die Folgen des Kriegs wenigstens ein bisschen spüren.

Wasser auf die Mühlen der Kreml-Propaganda

Doch die Politik der EU-Länder darf sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Sie muss sich die nüchterne Frage stellen: Wo werden die Russinnen und Russen eher verstehen, was ihr Land anrichtet – in Russland oder im Westen? Dort, wo sie weiter von anti-westlicher Propaganda beschallt werden oder dort, wo sie auf kritische Stimmen stoßen? Die Antwort liegt nahe. Wenn sie ein westliches Land besuchen, besteht zumindest die Chance, dass sie noch einmal nachdenken.
Die andere rationale Überlegung: Die Kreml-Propaganda versucht, alle mentalen Brücken der Russen zum Westen zu sprengen. „Die Deutschen, Engländer, Franzosen mögen euch nicht; für die seid ihr nur Menschen zweiter Klasse; es ist gut, wenn wir uns abschotten.“ So tönt es seit Jahren aus dem russischen Staats-TV. Mit einem Verbot von Touristenvisa würde die EU dieser Propaganda nur wertvolle Nahrung geben. Die Strategen im Kreml würden die Sektkorken knallen lassen.
Zurück zum Bildschirm am Flughafen in Helsinki, dessen Text auf Russisch an den Krieg erinnert: Dies ist der richtige, der rational begründete Umgang mit Touristinnen und Touristen aus Russland.
Florian Kellermann arbeitete in den vergangenen Jahren als Korrespondent für Deutschlandradio in Warschau und hat in Moskau bereits verschiedene Korrespondenten-Vertretungen übernommen. Er ist ein exzellenter Kenner der Region, ihrer Kulturen und Sprachen und war vor seiner Korrespondenz in Warschau viele Jahre als freier Autor tätig. Florian Kellermann hat in Nürnberg und Krakau Philosophie und Slawistik studiert, ein Print-Volontariat absolviert und unter anderem als freier Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung, den WDR und die Austria Presse Agentur gearbeitet.