Freitag, 30. September 2022

Inflation und Energiekrise
Keine Angst vor einem heißen Herbst

Zumutungen, soziale Verwerfungen, wütende Proteste - bei diesem Szenario für Herbst und Winter führe die Angst Regie, kommentiert Sina Fröhndrich. Doch die Krise müsse nicht einschüchtern. Die Gesellschaft habe das Potenzial die Herausforderung anzunehmen.

Ein Kommentar von Sina Fröhndrich | 14.08.2022

Bei einer Demonstration von "Fridays For Future" in Düsseldorf steht auf einem Schild an einem Fahrrad "Fight Putin Ride A Bike".
Energiesparen aus Solidarität mit der Ukraine: "Fight Putin Ride A Bike" (picture alliance/dpa/Sophie Brössler)
Zuhause in den Wohnzimmern wird es kühler, draußen auf den Straßen dagegen wärmer, wenn nicht gar heiß. Das ist die ängstliche Erwartung einiger vor diesem Herbst und Winter. Doch so muss es nicht kommen. Die Angst führt Regie in diesem Szenario – die Angst vor wütenden Protesten, vor sozialen Verwerfungen, vor Zumutungen, vor steigenden Preisen.

Nicht die Initiative aus der Hand nehmen lassen

Es ist eine Angst, die politisch lähmt, die ansteckend wirkt. Und die vermutlich auch den Kreml freut. Doch Angst muss nicht unbedingt als Bremse wirken. Angst kann auch ein Motor sein, Ideen freisetzen – wichtig ist, sich nicht die Initiative aus der Hand nehmen zu lassen.
Auch Kanzler Olaf Scholz hat noch im Juli die steigenden Energiepreise als sozialen Sprengstoff bezeichnet. Es kann aber auch anders kommen, sagen Sozialforscher. Und so sieht das mittlerweile auch Scholz. Bei seiner Pressekonferenz in Berlin zu seinem Urlaubsende sagte der Sozialdemokrat: Er glaube nicht an soziale Unruhen angesichts steigender Energiepreise. Das klingt schon viel zuversichtlicher – und das ist gut so.

Zeit für ehrliche, klare Worte

Die Risiken sehen und trotzdem nicht zaghaft wirken – das ist die Botschaft, die auch Robert Habeck stets vermittelt. Diese Krise wird Wohlstand kosten, sagte der Vizekanzler schon im Frühjahr. Wir werden ärmer werden. Aber nicht arm. Es ist Zeit für ehrliche, klare Worte in diesen Krisenzeiten.
Man sollte sich auch nicht bange machen lassen von Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremen, die Panik schüren und versuchen so die Gesellschaft zu destabilisieren. Sie werden eine Minderheit bleiben – wenn sich die Mehrheit, die es auf die Straße treibt, von ihnen distanziert und gebührend Abstand hält. Um es klar zu sagen: Proteste sind legitim und essentiell für eine Demokratie. Im Protest zeigt sie Empathie und Lernfähigkeit. Demokratie hält das aus. Von Volksaufständen kann – Stand jetzt - keine Rede sein.

Nicht alle müssen untergehakt werden

Die Gesellschaft muss also ein Ohr haben für jene, die bedürftig sind und unverschuldet in eine Notlage geraten: Haushalte, die besonders belastet sind – sie brauchen eine zielgenaue Unterstützung. Durch Zuschüsse zur Grundsicherung, durch Hilfen für Geringverdienende, durch Aufbesserung kleiner Renten. Durch weitere gestaffelte Energiepauschalen. Hier sind Bundesregierung und Wirtschaftsexpertinnen und- experten gefragt, kluge Ideen zu entwickeln. Mit Augenmaß und Gespür für das Notwendige - und auch das Überflüssige. Denn was es nicht braucht, ist Entlastung für alle.
Ein Beispiel: Der Abbau der kalten Progression, wie sie Finanzminister Christian Lindner vorschlägt, mag im Kern richtig sein, doch das ist nicht die Antwort auf die Ratlosigkeit einer finanzschwachen Familie. Mit Lindners Steuerreform ist den wirklich Bedürftigen nicht geholfen. Der Vorschlag des Finanzministers begünstigt die, die es nicht unbedingt nötig haben: Nicht alle müssen untergehakt werden. Auch das ist eine Lehre in diesen Krisenzeiten.

Diese Gesellschaft hat Potenzial

Deshalb braucht es einen klaren Kopf und nüchternes Abwägen. Kein Ja, aber und kein sowohl als auch. Was sagte der Kanzler? Man kann nicht alles abpuffern. Aber niemand bleibe allein zurück: „You´ll never walk alone.“ Ja, was denn nun? Ohne Zumutungen wird es in dieser Krise nicht gehen. Und solche Zumutungen haben durchaus Steuerungseffekte. Umfragen im Frühjahr haben gezeigt: Höhere Spritpreise wirken, viele fahren seltener mit dem Auto, fahren langsamer um zu sparen – weil sie müssen, und auch weil sie wollen.
In einer Umfrage für das ZDF gaben Mitte Juli 70 Prozent der Deutschen an, auch angesichts steigender Gaspreise weiterhin solidarisch mit der Ukraine zu sein. Diese Gesellschaft hat Potenzial – das nicht mit Angst zugeschüttet werden sollte. Dieses Potential muss abgefragt und eingefordert werden.

An Krisen kann eine Gesellschaft wachsen

Wie wäre es also mit ein bisschen Motivation? Mit einer Ruckrede aus dem Kanzleramt oder dem Schloss Bellevue – wie wäre es mit einer politischen Ermutigung? Mit einer Erzählung für Herbst und Winter, für eine Zeit, in der es hinausgeht aus der Komfortzone. Krisen müssen nicht einschüchtern. An Krisen kann eine Gesellschaft wachsen. Das ist eine Herausforderung, der sich alle stellen müssen. Das gilt es, zu leisten.
Sina Fröhndrich

Sina Fröhndrich

Sina Fröhndrich, Jahrgang 1984, ist Leiterin der Redaktion "Meinung & Diskurs". Sie ist aufgewachsen in Brandenburg und hat Alte Geschichte, Evangelische Theologie und Journalistik in Leipzig und Florenz studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschlandradio war sie bis 2021 Redakteurin der Abteilung "Wirtschaft und Gesellschaft".