Mittwoch, 12.08.2020
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteEuropa heuteKeine Beziehung auf Augenhöhe30.06.2010

Keine Beziehung auf Augenhöhe

50 Jahre kongolesische Unabhängigkeit von Belgien

Seit 50 Jahren ist der Kongo von Belgien unabhängig. Doch viel hat sich seitdem nicht geändert im Verhältnis zwischen der ehemaligen Kolonie in Zentralafrika und Brüssel.

Von Doris SImon

Der Präsident der Demokratischen Republik Kongo, Joseph Kabila (AP Archiv)
Der Präsident der Demokratischen Republik Kongo, Joseph Kabila (AP Archiv)

"So was habe ich noch nie erlebt, ich bin wirklich zufrieden."

Der belgische König betritt kongolesischen Boden – und für einen kurzen Moment ist es beinah wie vor fünfzig Jahren: Eine Million Menschen drängen sich an der Straße vom Flughafen in die Innenstadt und jubeln dem König zu.

Das war vor einem halben Jahrhundert, als König Baudouin in den Kongo reiste, um die belgische Kolonie in die Unabhängigkeit zu entlassen.

Heute ist sein Nachfolger und Bruder Albert Staatsgast bei den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag. Allerdings anders als Baudouin als stummer Staatsgast, so hat es die belgische Regierung beschlossen. Die Beziehungen zwischen Brüssel und Kinshasa waren schon mal besser. Erst vor einer Woche ist der bekannteste Menschenrechtler des Kongo ermordet worden.

Alberts Vorgänger Baudouin hielt sich mit solchen Abwägungen nicht auf: Belgien hinterlasse den Kongolesen ein blühendes, geeintes Land, resümierte der König jahrzehntelange belgische Kolonialherrschaft und rühmte ausgerechnet seinen Urgroßvater Leopold:

"Die Unabhängigkeit des Kongo stellt die Vollendung des Werkes dar, das König Leopold in genialerweise entworfen und mit Nachdruck in Angriff genommen hat und das von Belgien entschlossen fortgesetzt wurde."

Dabei war es König Leopold II, der den Kongo und seine Bewohner als Privatbesitz gnadenlos ausgebeutet hatte. Nur unter Druck überließ er das lukrative Gebiet dem belgischen Staat. Wütend ergriff der erste Premierminister des Kongo, Patrice Lumumba, nach Baudouin Rede das Wort:

"Unsere Verwundungen sind zu frisch und noch zu schmerzhaft, als dass wir sie aus unserem Gedächtnis vertreiben könnten. Wir haben unter Verachtung gelitten und unter Beschimpfungen, wir sind geschlagen worden am Morgen, Mittag und Abend - nur, weil wir Neger waren."

Unerhört, befand ganz Belgien. Zutreffend, meinten die meisten Kongolesen und feierten ihre Unabhängigkeit.
Doch die Feierlaune war nicht von Dauer: Belgien hatte keine kongolesische Elite herangezogen, kein Spitzenpersonal ausgebildet. Am Tag der Unabhängigkeit zählte das riesige Land gerade mal 14 Universitätsabsolventen. Unterhalb von Präsident und Regierung gab es nichts. Etienne Davignon, eine der bekanntesten Persönlichkeiten Belgiens, beriet damals den Außenminister. Noch fünfzig Jahre später ist Davignon fassungslos, wie Belgien seine Kolonie ohne jede Vorbereitung und Übergangsphase schlagartig in die Unabhängigkeit und in absehbares Chaos entließ:

"Es gab keine kongolesische Verwaltung, es gab keine kongolesische Armeespitze, es gab keinerlei Erfahrungen im Führen und Verwalten des Landes. Wie soll man da den Übergang schaffen von einer Situation, in der man nichts hat und darf in eine Lage, wo man auf einmal für alles Verantwortung trägt?"

Schon wenige Tage nach der Unabhängigkeit meuterten die kongolesischen Soldaten gegen ihre belgischen Offiziere. Es kam zu Morden an Belgiern im Kongo, Brüssel reagierte mit der Entsendung von Truppen. Zurück vom Staatsbesuch in Moskau wurden Premierminister Lumumba und Staatspräsident Kasavubu auf dem Flughafen von belgischen Fallschirmjägern empfangen. Sechs Monate später war Patrice Lumumba tot. Der Auftrag für den Mord war von der belgischen Regierung gekommen – erst vierzig Jahre später räumten deren Nachfolger eine Mitschuld ein. Verantwortliche und Handlanger des Mordes wurden nie zur Verantwortung gezogen. Einen letzten Versuch unternehmen nun Lumumbas Söhne, sie reichten letzte Woche in Brüssel Klage ein wegen des Mordes an ihrem Vater.

Bei einem Straßenfest in Brüssels Afrikanerviertel kommt nicht nur Feierlaune auf zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit. Die Menschen im Kongo würden schließlich leiden, sie hätten nicht genug zu essen, kein sauberes Trinkwasser, es gäbe Krieg. Und eine kongolesische Geschäftsfrau findet, soviel habe sich in den letzten 50 Jahren nicht geändert im Verhältnis zwischen ihrer Heimat und der früheren Kolonialmacht: Belgien beherrsche weiterhin den Kongo, das sei keine Beziehung auf Augenhöhe.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk