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StartseiteCampus & Karriere"Barrieren im Kopf auf beiden Seiten abbauen"18.09.2019

Keine Lehrstelle trotz Azubi-Mangel"Barrieren im Kopf auf beiden Seiten abbauen"

Um Betriebe und Azubis zueinander zu bringen, plädiert Claudia Burkard von der Bertelsmann-Stiftung für bessere Berufsorientierung und mehr gegenseitige Information. Dabei sehe sie auch Bundesagentur für Arbeit in der Pflicht, sagte sie im Dlf.

Claudia Burkard im Gespräch mit Stephanie Gebert

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Vor einem Hotel hängt ein Schild mit dem Schriftzug "Azubis gesucht !!" (dpa / Stefan Sauer)
Trotz steigender Ausbildungszahlen: Betriebe und Jugendliche finden häufig nicht zusammen (dpa / Stefan Sauer)
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Stephanie Gebert: Frust ist wohl das, was beide Seiten eint, wenn einerseits Schulabgänger keine Lehrstelle finden und andererseits Ausbildungsbetriebe ohne Azubis bleiben – aber genau das ist die Realität seit Jahren in Deutschland. Nehmen wir als Beispiel das Jahr 2018: Da waren 79.000 Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag und gleichzeitig blieben 58.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Die Gründe für diese hohen Zahlen sind vielfältig. Der Ländermonitor berufliche Bildung der Bertelsmann-Stiftung hat sie analysiert und auch Lösungsvorschläge parat. Claudia Burkard, schönen guten Tag!

Claudia Burkard: Guten Tag, Frau Gebert!

Gebert: Schauen wir erst mal auf die Analyseebene kurz: Was sind denn die Hauptgründe, die Sie ausgemacht haben, warum Firmen und Azubis nicht zusammenfinden?

Burkard: Also den größten Teil der Ursachen machen die sogenannten eigenschaftsbezogenen Probleme aus, das heißt, Betrieb und Jugendliche finden nicht zueinander, weil der Betrieb den Jugendlichen nicht für geeignet hält oder umgekehrt auch der Jugendliche den Betrieb nicht für geeignet hält, weil er ihn vielleicht einfach nicht attraktiv genug findet. Der zweitgrößte Anteil, der auch in der zeitlichen Betrachtung gewachsen ist, das sind die berufsfachlichen Gründe, das heißt, die angebotene Ausbildungsstelle trifft nicht die beruflichen Interessen der Bewerber.

"Beide Seiten müssen sich kennenlernen"

Gebert: Sie sagen auch, das Problem ist vor allem, dass beide Seiten selten ein genaues Bild voneinander haben. Hilfreich und gar nicht so neu als Idee ist das Praktikum, das Betriebspraktikum.

Burkard: Ja, wenn es eigenschaftsbezogene Gründe gibt, dass die Betriebe sagen, nein, diesen Jugendlichen vielleicht wegen des Schulabschlusses - machen wir lieber nicht, wenn der nur Hauptschulabschluss hat, oder der Jugendliche sagt, nein, das ist ein Kleinbetrieb, das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Da muss man Barrieren, die teilweise im Kopf sind, abbauen und Vertrauen am besten dadurch aufbauen, dass sich beide Seiten persönlich zum Beispiel über ein Praktikum kennenlernen. Nur so kann man diesen Teil der Passungsprobleme erst mal angehen.

Aber was auch nötig ist: Es gibt ja real auch wirklich Hindernisse, dass der Schulabschluss vielleicht noch nicht ausreichend ist oder die Qualifikation eben für den Betrieb nicht ausreicht. Da muss es Unterstützungsmöglichkeiten geben wie zum Beispiel assistierte Ausbildung oder Ähnliches, dass der Betrieb auch ein Stück weit entlastet wird und der Jugendliche seine Ausbildung auch schaffen kann.

Bessere Berufsorientierung und Information nötig

Gebert: Über die assistierte Ausbildung würde ich gleich noch mal genauer sprechen wollen. Erst mal aber noch mal die Frage nach der Berufsorientierung und der Frage nach Informationen, die offenbar fehlen. Spielt die Berufsorientierung in unseren Schulen immer noch eine zu kleine Rolle?

Burkard: Ja, auch wenn man sagen muss, dass die schon durchaus ausgebaut worden ist. In vielen Ländern gibt es mittlerweile Berufsorientierung ab Klasse sieben oder ab Klasse acht. Aber ich würde sagen, es hat sich wirklich etwas Grundlegendes in unserer Gesellschaft verändert: Während es früher so war, dass in jeder Familie eigentlich irgendjemand war, der eine berufliche Ausbildung gemacht hat, dann hat sich das heute ein Stück weit geändert, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen haben wir einen deutlich gestiegenen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund und die kommen in der Regel aus Ländern, in denen es eine duale Ausbildung nicht gibt. Das heißt, die kennen unser qualitativ hochwertiges Ausbildungssystem nicht. Die muss man deutlich anders ansprechen als nur über ein einwöchiges Praktikum. Da muss man wirklich Überzeugungsarbeit leisten, dass es nicht darum geht, dass diejenigen, die nichts anderes können, die nicht ins Studium gehen können, eine duale Ausbildung beispielsweise machen.

Gebert: Und der zweite Grund? Sie hatten gerade gesagt, es gibt zwei. Also einmal die Migranten und dann sicherlich doch wahrscheinlich auch die Situation, dass wir viele Leute haben, die gern studieren möchten?

Burkard: Ganz genau. Es sind halt immer mehr Jugendliche, die ein Abitur, eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben, und deswegen müssen wir eben konstatieren, dass auch die duale Ausbildung nicht mehr so beliebt ist, wie sie früher einmal war.

Verbindung zwischen Betrieb und Jugendlichen herstellen

Gebert: Interessant ist ja auch der Vorschlag, den Sie gerade schon mal erwähnt hatten aus der Studie, nämlich die assistierte Ausbildung. Wie genau soll die aussehen?

Burkard: Also es gibt die assistierte Ausbildung ja seit einigen Jahren, das heißt, ein Träger begleitet den Betrieb und den Jugendlichen durch die Ausbildung, kann also Schwierigkeiten auffangen, nicht nur schulischer Art, sondern auch, wenn es Abstimmungsprobleme gibt, wenn es mal zu Schwierigkeiten kommt. Da sind dann Menschen, die Ansprechpartner sind und die auf beiden Seiten vermitteln können.

Man muss aber letztendlich sagen, das ist eine mehrphasige Maßnahme, die beginnt eigentlich schon vor Beginn einer Ausbildung, nämlich, dass man überhaupt erst Jugendliche und Betrieb zueinander bringt. Und diese Phase wird häufig von der Bundesagentur für Arbeit nicht mit ausgeschrieben. Das heißt, es fehlt eigentlich daran, überhaupt erst mal die Verbindung zwischen Betrieb und Jugendlichem herzustellen. Und das wäre sehr wünschenswert, dass man das wieder verändert und diese erste Phase mit ausschreibt.

Gebert: Das heißt auch, der Staat ist an dieser Stelle gefragt?

Burkard: Unbedingt.

Unterstützungsmöglichkeiten für kleine Betriebe schaffen

Gebert: Zum Schluss würde mich noch die Situation der Betriebe interessieren, auch da gibt es Ideen, gibt es Vorschläge, nämlich gerade die kleineren Betriebe, die oft nicht als besonders attraktiv unter den Jugendlichen, unter den Schulabgängern gelten, da ist die einfache Lösung, Kooperationen einzugehen – und sich vielleicht mit einem anderen Betrieb einen Azubi zu teilen?

Burkard: Ja, Azubi teilen, das ist immer ein bisschen schwierig, aber ja, in der Tat, es gibt ja schon überbetriebliche Ausbildungsstellen und Berufe, wo das zur Ausbildung ganz normal dazugehört. Ich glaube, das ist ein Schritt, dass Betriebe zusammenarbeiten. Ich glaube aber auch, dass es Unterstützung gerade bei kleinen Betrieben geben muss, überhaupt erst mal in Kontakt mit Jugendlichen zu kommen. Die meisten Klein- und Kleinstbetriebe haben keine eigene Ausbildungsabteilung, da muss der Meister, der Handwerker selber, wenn wir gerade vom Handwerk sprechen, selber quasi die Ausbildungsakquise noch machen. Und da ist es wichtig, dass es Unterstützungsmöglichkeiten gibt, die im besten Fall auch schon während der Schulzeit beginnen, dass man sich über längere Zeit hinweg auch kennenlernen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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