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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturKeine Lösungen für die Gegenwart08.02.2010

Keine Lösungen für die Gegenwart

William R. Polk: "Aufstand: Widerstand gegen Fremdherrschaft". Hamburger Edition

William Polk analysiert in insgesamt elf historischen Essays die Faktoren, die dazu führten, dass Guerilleros - zunächst zahlenmäßig und technologisch unterlegen - fremde Herrscher schließlich doch aus ihrem Land vertreiben konnten. Sein Blick in die Zukunft jedoch misslingt.

Von Marcus Pindur

Polks historische Analysen skizzieren  Aufstände aus mehr als zwei Jahrhunderten. (AP)
Polks historische Analysen skizzieren Aufstände aus mehr als zwei Jahrhunderten. (AP)
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Generäle, so heißt es, fechten immer den letzten Krieg aus, nie den aktuellen. So ähnlich verhält es sich auch mit diesem Buch. Ausgangspunkt des historischen Überblicks William Polks ist erkennbar die traumatische Erfahrung seiner Generation mit dem Vietnamkrieg, dem er zwei Kapitel seines Buches widmet. Seine Grundthese ist einfach, aber unumstritten:

Wenn die Einheimischen feststellen, dass die Fremden ihre Lebensweise verändern oder gar zerstören, wehren sie sich heftig, während die imperiale oder koloniale Regierung ihre Aufsässigkeit zu unterdrücken versucht. Da jede Seite dem Handeln der anderen Legitimität abspricht, greifen beide zur Gewalt. Dass ein Aufstand sich im Kern gegen Fremde richtet, ist die zentrale These dieses Buches.

Dass dies allerdings als methodische Basis zu allgemein ist, das belegt seine eigene Darstellung und die Ausdifferenzierung seiner Argumente auf den folgenden 300 Seiten. Bei der politischen Grundannahme fing es an:

So wie die Amerikaner die Dinge sahen, hatte die Sowjetunion überall ihre Finger im Spiel. Dazu Außenminister Acheson: "Die Anerkennung der kommunistischen Bewegung Ho Chi Minhs durch den Kreml sollte jede Illusion über den angeblich nationalen Charakter von Hos Zielen zerstören. Sie zeigt das wahre Gesicht Hos, der ein Todfeind wahrer Unabhängigkeit der Völker Indochinas ist."

Die sogenannte Dominotheorie führte dazu, dass die USA von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich einen Konflikt übernahmen, der weit mehr Menschenleben, Geld und politisches Ansehen verschlang, als sich das die handelnden Politiker vorstellen konnte. Dem Vormarsch der antikolonialen kommunistischen Guerilla, der Vietminh setzten die Amerikaner das korrupte und brutale Regime des südvietnamesischen Präsidenten Diem entgegen – ein Fehlschlag: Dieses Regime hatte keine politische Legitimation. Die Aufständischen ermordeten gezielt die kommunalen Eliten und setzten eine eigene Verwaltung an deren Stelle. Polk erkennt ein Muster, nach dem jede erfolgreiche Vertreibung eines Machthabers durch Aufständische verläuft. Zunächst müssten die Aufständischen Legitimation erwerben. In einem zweiten Stadium müssten sie den Verwaltungsapparat des Feindes zerstören und in einem dritten Schritt einen eigenen aufbauen.

Wie wir in der amerikanischen Revolution gesehen haben, entstanden in allen Kolonien Sicherheitsausschüsse, die die Post auslieferten, Geld druckten und Gerichtsverfahren durchführten. In Spanien im Aufstand gegen Napoleon zogen die Guerilleros Steuern ein, betrieben Zollstationen und bildeten einen vollwertigen Ersatz für die monarchistischen Regierungsbeamten.

Polks historische Analysen skizzieren auf je 25 Seiten Aufstände aus mehr als zwei Jahrhunderten – er tut dies konzise, gut lesbar und mit historischer Tiefenschärfe. Mehrere seiner Schlussfolgerungen gehören heute zum Allgemeingut: Dass es zur Aufstandsbekämpfung einer militärischen Komponente bedarf, dass aber die zivile Komponente auf Dauer den Ausschlag gibt. Dass politische Legitimation genauso wichtig ist wie materielles Wohlergehen. Dass Fremdherrschaft auf Dauer nicht akzeptiert wird.

William Polks Buch zerfällt aber deutlich erkennbar in zwei Teile: Einen historisch-analytischen, der mit großem Gewinn zu lesen ist, und einen politisch-prophetischen, der problematisch ist. In seinem Schlussessay erklärt Polk nämlich die Kriege im Irak und Afghanistan für verloren und sagt einen weiteren Krieg mit dem Iran voraus. Dieser Essay lässt den Leser wie auch den politischen Entscheidungsträger ratlos zurück. Denkt man seine Argumente konsequent zu Ende, dann sollten die ISAF-Truppen am Besten sofort aus Afghanistan abziehen. Den Konsequenzen dieses Schrittes stellt sich Polk jedoch nicht. Das dies weder für US-Präsident Obama, noch für die Verbündeten eine Option sein kann, liegt auf der Hand. Ob die in Afghanistan eingesetzten Mittel für eine dauerhafte Befriedung des Landes ausreichend sind, kann man mit Fug und Recht bezweifeln. Aber der Fall des Iraks wiederum zeigt, wie schnell sich die Lage ändern kann. Was noch 2006 und 2007, als dieses Buch geschrieben wurde, wie ein Totaldesaster aussah, stellt sich mehr und mehr als – wenn auch begrenzter - Erfolg heraus. Die Iraker haben bei verbesserter Sicherheitslage jetzt zumindest die Chance auf einen Neuanfang. Und das ist auch die große Schwäche dieses Buches. Weder Afghanistan noch der Irak lassen sich mit den Maßstäben des klassischen Kolonialkrieges analysieren – hier die unterdrückten Einheimischen, dort die ausbeuterischen fremden Unterdrücker. Für viele Afghanen sind im Gegenteil die Taliban das Fremde schlechthin – und nach der jüngsten Umfrage von ARD, BBC und ABC sehen 70 Prozent der Afghanen ihr Land auf dem richtigen Weg.

Und, anders als Polk schreibt: Kabul hat mittlerweile durchgehend Strom, der zivile Aufbau zeigt Wirkung, auch wenn er vieles zu Wünschen übrig lässt. Eine deutliche Mehrheit der Afghanen ist sogar für die Aufstockung der ausländischen Truppen und die neue Strategie Obamas. Der Urvater der deutschen Geschichtswissenschaft, Leopold von Ranke, argumentierte, das Studium der Geschichte mache nicht schlauer für den nächsten Versuch, sondern weiser für die Ewigkeit. Das mag uns heute zu metaphysisch klingen. Aber William Polks Buch zeigt: Die Geschichte gibt uns zwar Maßstäbe und Muster, Hinweise und Versatzstücke, um Fehler der Vergangenheit zu vermeiden - aber sie gibt uns keine zwingenden Lösungen für die Gegenwart vor, und sie wiederholt sich nicht im Maßstab eins zu eins, dafür ist jeder historische Fall zu speziell, zu komplex.

Das Buch von William R. Polk ist deshalb ein gelehrter und interessanter, aber in seinen Schlussfolgerungen untauglicher Versuch, Geschichte auf Flaschen zu ziehen, mit einem eingängigen Etikett zu versehen und auf dem Markt politischer Lösungen feilzubieten.

Marcus Pindur rezensierte William R. Polk: "Aufstand: Widerstand gegen Fremdherrschaft: Vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zum Irak", Hamburger Edition, 340 Seiten, 32 Euro (ISBN 978-3868542103).

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