Dienstag, 05. Juli 2022

Archiv


Keine Politik

Es ist ein Sport-Großereignis in einer Diktatur. Und der vermeintliche Höhepunkt war offenbar die Eröffnungsrede von Staatspräsidenten Lukaschenko am vergangenen Mittwoch. Doch eine Diskussion hierzulande bleibt fast aus.

Von Sebastian Helbig | 23.02.2013

Die Halle war voll wie seitdem nicht mehr, junge Sportler schwenkten eifrig Fähnchen. Auch der umstrittene Präsident des Weltradsportverbandes Pat McQuaid war eigens nach Minsk geeilt, um gemeinsam mit dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko der Hymne zu lauschen.
Eigens für den großen Moment waren die Journalisten verpflichtet worden, schon eine Stunde vor dem Auftritt des Machthabers auf dem Platz zu sein und diesen auch nicht mehr zu verlassen. Kommunikationssysteme wie WLAN wurden abgeschaltet. Als drei Stunden später die deutsche Hymne für die Teamsprint-Weltmeisterinnen Kristina Vogel und Miriam Welte gespielt wurde, befanden sich noch ein paar Dutzend Zuschauer in der Arena. Für den Olympia-Dritten Robert Förstemann nach den Bahnrad-Festspielen von London eine Enttäuschung:

"Gut, das Publikum hier von der Anzahl her läßt noch einiges zu wünschen übrig, da haben die wahrscheinlich auch andere Sportarten wo sie frenetischer mitgehen. Ich glaub nebenan hier ist eine Eishockey-Halle mit 15.000 Zuschauern, hier sind 2000 Plätze grade mal und von denen ist vielleicht die Hälfte belegt."

Apropos Eishockey. 2014 soll in der Minsk-Arena die Eishockey-WM steigen. Nicht wenige europäische Politiker haben vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse in Weißrussland einen Boykott dieser Titelkämpfe gefordert. Um die Bahnradsportler hat sich diesbezüglich keiner gekümmert und auch die Teamsprint-Olympiasiegerin Miriam Welte reagiert überrascht:

"Ich finde nach wie vor, dass Politik und Sport getrennt werden sollten und das man nicht boykottieren sollte, weil es dann auf den Schultern der Sportler ausgetragen wird und ich nicht glaube, dass man dann damit die Politik hier ändert oder das politische System hier in keinster Weise davon tangiert wird."

Der Weltradsportverband hält sich bei diesem Thema bedeckt. Der für den Bahnradsport zuständige UCI-Funktionär Gilles Peruzzi dementiert allerdings, dass Minsk die WM nur bekommen hat, weil es keine Alternativen gab. Und dass es Bedingung war, den Termin von März auf Februar zu verlegen.

"Ich denke, das können Sie auch sehen – Minsk hat diese wunderbare Halle und erstklassige Bedingungen. Es war nicht die einzige Bewerbung, wir hatten viele und haben uns für die Beste entschieden. Dass die WM jetzt im Februar ist, macht keinen Unterschied."

Für den Bund Deutscher Radfahrer sind die politischen Verhältnisse hier erwartungsgemäß kein Thema. Udo Sprenger – der BDR-Vizepräsident – ist der Delegationsleiter:

"Wir haben überhaupt kein Problem damit und um das Politische haben wir uns nicht gekümmert. Wir sehen auch keine Schwierigkeiten hier im Land selbst. Die Bevölkerung ist sehr aufgeschlossen, die sind sehr hilfsbereit. Die Unterkunft ist hervorragend, ich kann mich nicht beschweren."

Und darin ist sich die Bahnradsport-Familie einig. Jan van Eijden hat als Cheftrainer der erfolgreichen britischen Sprinter auch in Großbritannien keine Vorbehalte gegen Minsk gespürt:

"Nein, also ich habe jetzt nix intern gehört oder auch nicht in den Medien irgendwo und ich für mich kann nur sagen: Also bis jetzt ist von der Organisation her alles in Ordnung und das ist eine WM wie jede andere und hab ich noch nicht einmal gehört, dass da irgendwo diskutiert worden ist oder das da irgendwas rausgekommen ist, also das ist alles in Ordnung."

Dabei tragen auch die Sportler eine Konsequenz aus dem Austragungsort. Denn erstmals seit Jahrzehnten gibt es mit Ausnahme der BBC keine Fernsehübertragungen in Westeuropa. Maximal zwei Dutzend Berichterstatter aus dem Westen haben die wochenlange komplizierte Prozedur der Visumbeschaffung auf sich genommen und sind vor Ort.

Die Organisatoren versuchen natürlich alles, um den Sportlern gute Bedingungen zu liefern. Und tatsächlich – die deutsche Mannschaft ist voll des Lobes über die Logistik dieser WM. Die Olympiasiegerin Miriam Welte aus Kaiserslautern fühlt sich im eiskalten Minsk nicht unwohl:

"Ich würde sagen, wir haben schon deutlich schlimmer gewohnt und schlimmer gegessen und da muss man gar nicht so weit fliegen. Also wenn wir in Paris sind beim Wettkampf da ist es deutlich schlimmer als hier. Also die Rahmenbedingungen passen schon, um schnell zu fahren."

Und bei der nächsten Bahnrad-WM wird es ganz andere Probleme geben – die soll nämlich zwei Tage nach Ende der Olympischen Winterspiele im kolumbianischen Cali beginnen.