Freitag, 14.12.2018
 
Seit 21:05 Uhr On Stage
StartseiteKultur heuteKeine Sandkastenspiele09.08.2009

Keine Sandkastenspiele

Eine Ausstellung über Kaiser Wilhelm II. und die Archäologie in Frankfurt

Anlässlich des 150. Geburtstags des letzten deutschen Kaisers informiert das Archäologische Museum in Frankfurt jetzt über das liebste Hobby des Kaisers: die Archäologie. An Bildmaterial fehlt es nicht, weil der Monarch die Öffentlichkeit suchte.

Von Wolf Schön

Kaiser Wilhelm II, 1896 (AP Archiv)
Kaiser Wilhelm II, 1896 (AP Archiv)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Dass Kaiser Wilhelm II. nach seiner Abdankung im holländischen Exilort Doorn Holz hackte, um fit zu bleiben, hat reichlich den beißenden Spott vermehrt, über den sich der oft unfreiwillig komische Hohenzoller nicht zu beklagen brauchte. Weniger bekannt ist, dass die Kaiserliche Hoheit noch lieber zum Spaten griff und das Zepter beiseite legte, wenn Hoffnung bestand, im Erdreich verborgene Kostbarkeiten aufzuspüren.

Anlässlich des 150. Geburtstags informiert das Archäologische Museum in Frankfurt über die archäologische Begeisterung des letzten deutschen Kaisers, der als ehrgeiziger Musensohn seine öffentlichen Auftritte so perfekt zur Schau stellte, dass er mittlerweile zum Medienstar seiner Zeit befördert wurde. Es herrscht also kein Mangel an attraktivem Bildmaterial. Zeitgenössische Fotos werden gezeigt, Ausschnitte aus Peter Schamonis Dokumentarfilm, dazu Rekonstruktionen und Originalfunde aus den kaiserlich geförderten Grabungen sowie Gegenstände aus persönlichem Besitz.

Ins Auge fällt sogleich der edle Kopf der Nofretete, keineswegs der echte, aber auch keine x-beliebige Kopie. Das gute Stück, handgeformt und sorgfältig koloriert, zierte bis zum Ableben im Jahr 1941 den Schreibtisch des Ex-Monarchen und erinnerte ihn an den spektakulärsten Coup der reichsdeutschen Altertumswissenschaft. Der Ausgräber Ludwig Borchardt hatte das einzigartige Kunstwerk mit üblen Tricks an den ägyptischen Behörden vorbeigeschmuggelt. Das ausgestellte Duplikat bekam Wilhelm Zwo 1912 als Weihnachtsgeschenk.

Mit 19 Jahren nahm der spätere Herrscher von Gottesgnaden erstmals an einer Grabung teil, die für ihn auf dem Ruinengelände der antiken Limesfestung Saalburg inszeniert wurde. Während der sogenannten "Prinzengrabung" wurden fünf römische Gräber geöffnet und ein ebenfalls fundträchtiger Keller ausgeräumt. Da durfte sich der junge Fürst ein wenig wie der vergötterte Heinrich Schliemann fühlen, der Entdecker von Mykene und Troja, mit dem die heroische Epoche der Spatenwissenschaft begann. Dass ihr Held ein Autodidakt war und mit seiner Hände Arbeit die Stubengelehrten beschämt hatte, bestärkte den Thronfolger in seinem wissbegierigen Dilettantentum. Ein "Inventatium", das Verzeichnis der Beute, ließ er professionell erstellen. Erhalten ist auch die Liste der Trinkgelder. Eine Mark und fünfzig Pfennige bekamen die Arbeiter, der Kostus wurde mit vierzehn Mark entlohnt.

Auf der Insel Korfu erlebte der Kaiser im reifen Alter den Triumph seiner Steckenpferdreiterei. Vom griechischen Königskollegen hatte er die Erlaubnis erhalten, die Überreste des aufgefundenen Artemistempels zu bergen. Der Preuße mit Strohhut statt Pickelhaube ließ es sich nicht nehmen, selbst fleißig Hand anzulegen. In seinen Erinnerungen mokiert er sich über die dienstverpflichteten Mitglieder des Hofstaats, die mit Taschentüchern auf den Köpfen der Sommerhitze zu trotzen suchten. Dann war endlich das Prunkstück der Grabung, eine zähnefletschende Gorgo mit Schlangenhaaren, für den Berliner Museumsbesitz gerettet, dessen Leitung wie üblich per Telegramm von der Sensation unterrichtet wurde.

In der Heimat riefen die Marotten des Landesherrn und seine langen Abwesenheiten Befremden und mitunter harsche Kritik hervor. Allerdings hatte das "Archäologenfieber", wie der so heftig Infizierte sein geliebtes Leiden nannte, eine nicht zu unterschätzende politische Dimension. Die Jagd nach den verlorenen Schätzen im Mittelmeerraum, dann im Nahen und Mittleren Osten verlief parallel zu imperialistischen Gelüsten, in diesem Fall zu den Versuchen der Kolonialmacht England, den deutschen Konkurrenten von wichtigen Handelswegen und Rohstoffgebieten fernzuhalten. Eine strategische Kette von Stützpunkten bilden die Orte, an denen der Kaiser wissenschaftliche Unternehmungen üppig mit Kapital versorgte: Assur und Babylon, Baalbek und Ninive, Pergamon und Milet, Hattusa und Jericho.

Die Konkurrenz der Nationen um Grabungsreviere kommentierte der Sultan des Osmanischen Reichs mit dem Ausspruch: "Seht euch diese dummen Fremden an! Ich beschwichtige sie mit kaputten Steinen." Da war der Kaiser ganz anderer Ansicht. Die Archäologie sei für ihn "so aufregend wie die Pürsche auf einen Zwanzigender".

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk