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StartseiteKultur heuteKeine Trendwende auf der Großen Instanbuler Konferenz02.04.2006

Keine Trendwende auf der Großen Instanbuler Konferenz

Türkischer Historiker hält einen Völkermord an den Armeniern für nicht wahrscheinlich

Die Beurteilung des Massenmordes an einer Million Armeniern 1915 im osmanischen Reich ist ein Streitpunkt im Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei. In Istanbul hat nun vor zwei Wochen eine Konferenz vor allem türkischer Historiker zu dem Thema stattgefunden. Der Geschichtswissenschaftler Cem Özgönül schließt einen Völkermord nicht aus, hält aber diese Schlussfolgerung auf der Grundlage des bestehenden Materials derzeit für wissenschaftlich nicht haltbar.

Moderation: Doris Schäfer-Noske

Fotowand mit den Konterfeis von Überlebenden des Massenmords an Armeniern vor 90 Jahren (AP)
Fotowand mit den Konterfeis von Überlebenden des Massenmords an Armeniern vor 90 Jahren (AP)
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Doris Schäfer-Noske: Der Historiker Wolfgang Gust erklärte im Gespräch mit Kultur heute, es handele sich um eine typische Konferenz, bei der türkische Historiker versuchten, den Völkermord zu leugnen. Einer der Experten dieser Konferenz war der deutsch-türkische Historiker Cem Özgönül. Und ich habe ihn gefragt, was er zu diesem Vorwurf sagt.

Cem Özgönül: Leugnen beinhaltet immer die Behauptung eines Sachverhaltes, wider besseren Wissens. Ich leugne nicht, ich bestreite etwas, ohne dass ich mich jetzt kategorisch festlegen möchte. Man kann in der Wissenschaft keine kategorischen Festlegungen treffen, gerade in solchen Fällen. Zum anderen ist es so, dass diese Konferenz so konzipiert war, dass man den Vertretern der Genozidthese, sehr breiten Raum einräumen wollte. Zwei sehr exponierte Vertreter dieser These, haben die Einladung der Universität Istanbul übrigens auch angenommen. Das waren Hilmar Kaiser und Ara Sarafian, international bekannte Historiker und sie haben dort ihre Thesen vorgetragen, die natürlich auf einen Völkermord hinliefen und niemand hat ihnen den Kopf deswegen abgerissen. Also wir haben dort schon versucht eine kontroverse Debatte über den Gegenstand zu führen, nur man kann von uns jetzt nicht erwarten, beziehungsweise von jemandem wie mir, dass ich dann stellvertretend die Thesen von einem Herrn Gust oder Frau Hoffmann vortrage. Sie hätten die Gelegenheit gehabt, sich an dieser Konferenz zu beteiligen. Insbesondere bei Frau Hoffmann weiß ich, dass sie eingeladen war und bei vielen anderen armenischen Historikern auch. Nur hat die Republik Armenien ein Monat vor der Konferenz ein Dekret erlassen, in dem man angeordnet hat, dass keine armenischen Historiker an der Konferenz teilnehmen sollten.

Schäfer-Noske: Auf dieser Konferenz wurde ja auch die Vernichtungsabsicht des osmanischen Reiches bestritten. Wie stehen Sie zu dieser These?

Özgönül: Es wird immer sehr schnell gesagt, beziehungsweise in einen Nebensatz schon fast formuliert, dass beispielsweise die deutschen Archive, zweifelsfrei eine solche Vernichtungsabsicht belegten. Das kann man so nicht stehen lassen. Also dem ist keineswegs so. Ich habe jetzt über vier Jahre an diesen Archiven gearbeitet und es gab Spekulationen, Mutmaßungen über Vernichtungsabsichten. Allerdings sind das alles Momentaufnahmen, die aus zeitnahen Dokumenten entnommen wurden, die dann im Weiteren, von Seiten der Vertreter der Genozidthese, keiner kritischen und vergleichenden Quellenforschung mehr unterzogen werden. Herr Gust geht von der Faktizität eines Genozidversuches aus und versucht also gar nicht diese These selber einer kritischen Überprüfung zu unterziehen, sondern sucht einfach nach Indizien, die diese These bestätigen. Das ist natürlich keine offene Herangehensweise.

Schäfer-Noske: Wie ist es denn bei Ihnen? Sind Sie von vorneherein davon ausgegangen, dass Sie eigentlich den Völkermord eher bestreiten oder war das erst am Ende einer langen Untersuchung der Fall?

Özgönül: Ich bestreite ihn auch heute in dem Sinne nicht kategorisch. Ich kann nie ausschließen, dass man in zehn, fünfzehn Jahren einen entsprechenden Nachweis wird führen können. Nur muss ich aus einer wissenschaftlichen Perspektive sagen, auf der Grundlage des bestehenden Materials ist diese Schlussfolgerung nicht gegeben. Es war eine auf Gegenseitigkeit beruhende Geschichte. Niemand kann aus dieser Geschichte heraus das Recht ableiten, eine Singularisierung des Leids in der Gegenwart zu beanspruchen.

Schäfer-Noske: Sie haben die deutschen Quellen in der Gegenwart unter die Lupe genommen. Zum Beispiel diese Dokumente des Auswärtigen Amtes und haben sie mit der eigentlich ersten umfangreichen Dokumentation von Johannes Lepsius aus dem Jahr 1919 vergliche. Lepsius ist eigentlich die wichtigste Grundlage für diese Genozid These. Ihr Kollege Wolfgang Gust hat das auch gemacht. Sie haben praktisch beide dasselbe getan. Kommen aber zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Wie kommt das?

Özgönül: So unterschiedlich sind die Ergebnisse vielleicht nicht. Nur, wir gehen einfach von unterschiedlichen Ausgangspunkten aus. Herr Gust versucht die Manipulation, die Lepsius vorgenommen hat dadurch zu erklären, indem er sagt Lepsius habe die deutsche Beteiligung am Völkermord dadurch marginalisieren beziehungsweise kaschieren wollen. Ich geh dann weiter und sage Moment mal, Lepsius hat nicht nur zu Gunsten der Deutschen vielleicht nicht einmal primär zu Gunsten der Deutschen manipuliert, sondern genauso zu Gunsten der Armenier. Beispielsweise dadurch, indem sämtliche Hinweise auf Aufstandsbewegung oder Massaker die von armenischen Banden an muslimischen Zivilisten begangen wurden aus den Akten systematisch retuschiert wurden. Deutschland musste für ein eventuelles Wiederanknüpfen an seine alte Orientpolitik auf einen Partner bauen können. Durch das Wegfallen des osmanischen Reiches entstand dort ein Vakuum und man hat dort als einzige Alternative die Armenier betrachtet und versucht ihnen in ihren Eigenstaatlichkeitsbestrebungen so spektakulär wie möglich unter die Arme zu greifen.

Schäfer-Noske: Aber ist es denn nicht so, dass diese Dokumentation von Lespius bis hin zu ihrem Buch oder dem Buch von Herrn Gust der Gefahr unterliegen, politisiert zu werden, also für politische Interessen ausgenutzt zu werden. Wie schätzen Sie das staatliche Interesse der Türkei heute ein, den Massenmord an den Armeniern klein zu reden.


Özgönül: Wir haben grundsätzlich bei dieser Debatte das Problem, dass sie politisiert ist. Und diese Politisierung muss erst einmal beseitigt werden. Da muss man also erst einmal gegenseitig die Legitimität der Positionen anerkennen.

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