Dienstag, 19.11.2019
 
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Keith Lowe„Furcht und Befreiung“

In den Jubel über das Ende des Zweiten Weltkriegs mischte sich bald die Angst vor der Atombombe. Die Konkurrenz der Supermächte zerstörte den Traum von einer friedlichen Weltordnung. Der Historiker Keith Lowe verdeutlicht politische und gesellschaftliche Entwicklungen anhand zahlreicher Biographien.

Von Wolfgang Stenke

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Buchcover Klett-Cotta/ Hintergrund: Atompilz schwebt über dem Mururoa-Atoll, 1971 (Buchcover Klett-Cotta/ Hintergrund dpa)
In seinem Buch "Furcht und Befreiung" verdeutlicht der Historiker Keith Lowe wie der Zweite Weltkrieg bis heute die Menschheit prägt (Buchcover Klett-Cotta/ Hintergrund dpa)
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"Der Zweite Weltkrieg war nicht einfach eine weitere Krise, er hatte direkte Auswirkungen auf eine größere Anzahl von Menschen als jeder andere Konflikt in der Geschichte."

So die Feststellung des britischen Schriftstellers und Historikers Keith Lowe. Und diese Folgen beschreibt er auch: "Als die Welt sich von den Zerstörungen zu erholen begann, wurden ganze Gesellschaften umgekrempelt. […] Städte erhielten andere Namen, Volkswirtschaften andere Währungen, Menschen andere Nationalitäten. […] Ganze Völker wurden befreit oder erneut versklavt. Großreiche lösten sich auf und wurden durch neue ersetzt."

Keith Lowe unternimmt zweierlei, um diese Veränderungen in Politik, Wirtschaft, Recht, Technik und Wissenschaften darzustellen: Zum einen blickt er nicht allein auf die europäischen Schauplätze, sondern weitet die Perspektive auf Asien, Afrika, Nord- und Lateinamerika. Und er verkoppelt zum anderen jedes Kapitel mit der knappen Biographie eines Menschen, dessen Leben ihm kennzeichnend erscheint für die Epoche und die Folgen des Weltkriegs.

Biographie und politische Geschichte

Zum Beispiel Benjamin Ferencz, der aus einer ungarisch-jüdischen Familie stammt, in den USA aufwuchs und nach dem Jurastudium von der US-Army zur Artillerie eingezogen wurde. 1944 versetzte man den jungen Unteroffizier in die Rechtsabteilung der nach Deutschland vorrückenden Armee. Keith Lowe über Benjamin Ferencz:

"Nachdem er einige Mordfälle untersucht hatte, erhielt Ferencz im Frühjahr 1945 die Aufgabe, die Vorgänge in den Konzentrationslagern zu untersuchen, welche die […] amerikanischen Truppen […] entdeckten: Ohrdruf, Buchenwald, Mauthausen, Dachau. […]. In dem Augenblick, als Ferencz erstmals durch das Tor eines dieser Lager ging, war ihm klar, dass er es mit beispiellosen Gräueln zu tun hatte."

Die Verfolgung dieser Verbrechen sollte Ferencz‘ gesamtes Leben prägen. Er gehörte zu dem Team, das das Nürnberger Tribunal vorbereitete und vertrat mit gerade einmal 27 Jahren die Anklage im sogenannten Einsatzgruppenprozess gegen führende SS-Leute. – Benjamin Ferencz 1947 im Eröffnungsplädoyer:

"Unser Ziel ist nicht Rache, und wir streben auch nicht einfach eine gerechte Vergeltung an. […] Wir bitten dieses Gericht, durch internationale Strafjustiz das Recht des Menschen zu bestätigen, in Frieden und Würde zu leben, ungeachtet seiner Rasse oder seines Glaubens."

Internationale Strafjustiz

Über Jahrzehnte setzte Benjamin Ferencz sich für die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofes ein, der das Werk von Nürnberg fortführen sollte. Obwohl die Vereinten Nationen 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte proklamiert hatten, zögerten viele Staaten, einen Teil ihrer Souveränität der Sanktionsmacht einer Länder und Kontinente überspannenden Justiz zu unterwerfen. 2002, nach den Völkermorden in Jugoslawien und Ruanda, nahm der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag endlich die Arbeit auf. Ein später Triumph für Benjamin Ferencz, den er gleichwohl nicht ohne Bitterkeit kommentierte:

"Es geht darum, das Verbrechen zu verhindern, nicht darum, es zuzulassen und im Nachhinein einige Täter zur Rechenschaft zu ziehen."

So wie Keith Lowe am Beispiel von Benjamin Ferencz seinen Lesern die Entwicklung des Völkerrechts demonstriert, führt er zwei Dutzend weitere Personen ein, die die großen Linien der Geschichte nach 1945 verdeutlichen: Die indonesische Journalistin Soerastri Karma Trimurti steht neben anderen für den Prozess der Dekolonisation, die französische Widerstandskämpferin Françoise Leclercq repräsentiert den Kampf um Frauenrechte, die Erlebnisse von Toyofumi Ogura aus Hiroshima markieren den Beginn des Atomzeitalters.

Konkurrenz der Supermächte und Globalisierung

Mit den historischen Informationen, die der Autor zusammengetragen hat, entsteht so eine dichte Beschreibung der Prozesse, die die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt haben: die Konkurrenz der Supermächte, ökonomische Globalisierung, Fortschritte in Wissenschaft und Technik, die Einigung Europas – und die Fortdauer der Gewalt in lokalen Kriegen und Vertreibungen. Viele dieser Entwicklungen zerstörten die Träume von einer idealen, friedlichen Weltordnung, die den Menschen 1945 vorschwebte. – Keith Lowe:

"Von all den Schimären, denen die Menschen in der Folge des Krieges nachjagten, war die Idee absoluter Universalität zweifellos die unerreichbarste. Folglich begann die Welt genau zur gleichen Zeit, als sie nach Universalität strebte, zu zerfallen."

Keith Lowe sieht die Ursache für diesen Zerfall in der Verbindung von Freiheitsstreben und Nationalismus. Die Abgrenzung des jeweils Eigenen vom Anderen begünstige Spaltungstendenzen auf globaler, nationaler und persönlicher Ebene. Hier – und stärker noch bei der Verwendung des Traumabegriffs – überträgt der ansonsten mythenkritische Autor individualpsychologische Kategorien reichlich pauschal auf ganze Gesellschaften. Gleichwohl ist "Furcht und Befreiung" ein überaus anregendes Buch. Es ist gut geschrieben und löst unsere Fixierung auf die historischen Ereignisse in der westlichen Hemisphäre. Keith Lowe ist eine sehr anschauliche und dennoch konzentrierte Weltgeschichte der vergangenen 80 Jahre gelungen.

Keith Lowe: "Furcht und Befreiung. Wie der Zweite Weltkrieg die Menschheit bis heute prägt",
Klett-Cotta, 592 Seiten, 30 Euro.

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