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StartseiteKultur heuteKerbholz, Buchdruck und Zensur14.03.2012

Kerbholz, Buchdruck und Zensur

Die Mediengeschichte der Menschheit in der Deutschen Bibliothek Leipzig

Die Ursprünge der Medien reichen zurück auf Ritzen in Kerbhölzern. Die Ausstellung in Leipzig spannt einen Bogen von den ersten Schriftfunden bis hin zum heutigen E-Book. Rund 1000 Objekte aus der ganzen Welt werden den Besuchern in der Dauerausstellung präsentiert.

Von Claudia Altmann

Die Druckvorlage eines Gedichtes liegt in Bleilettern (Typen) auf der Buchmesse Leipzig (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Die Druckvorlage eines Gedichtes liegt in Bleilettern (Typen) auf der Buchmesse Leipzig (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Den langen Weg von der Keilschrift zum Computer beschrieb Museumsdirektorin Stephanie Jacobs bei der Eröffnungsveranstaltung so:

"Der Medienwechsel ist niemals nur ein technologischer, sondern immer auch ein Sinneswandel und eine neue Sicht auf die Wirklichkeit, angestoßen und ausgelöst durch die große Frage nach der Speicherung von Informationen. Denn nichts anderes ist die Mediengeschichte eigentlich, als eine Ereigniskette von Speicherprozessen."

Nicht weniger als 1000 Objekte aus dem reichen Bestand des Museums erzählen nun diese Geschichte und spannen den Bogen von den ersten Gegenstandsschriften bis hin zum E-Book. Eine der wohl bekanntesten frühen Zeichenformen ist bis heute in unserem Sprachgebrauch lebendig und nicht nur das, erklärt Jacobs.

"Das Kerbholz ist eines der ganz, ganz frühen mediengeschichtlichen Zeugnisse, was den schönen und verrückten Effekt hat, dass er mit einem binären Code arbeitet. Also wie die Computerwelt 0/1 ist das Kerbholz entweder Kerbe oder nicht Kerbe. Mehr an Informationscode gibt es da nicht."

Einen großen Teil widmet die Ausstellung der großen Zäsur, die der Buchdruck mit beweglichen Metalllettern setzte. Wer an Buchdruck denkt, denkt zuerst an Gutenberg, dessen Erfindung die Schau auch den ihr gebührenden Platz einräumt. Aber:

"In Korea ist mit einem Buch 1377, also 70 Jahre vor Gutenberg, das Verfahren des Drucks mit beweglichen Metalllettern auch schon praktiziert worden. Das ist eine ganz spannende Geschichte, denn im Gegensatz zur Entwicklung im Europa des 15. Jahrhunderts hatte diese koreanische Erfindung keinerlei Breitenwirkung."

Das lag einerseits daran, dass bei dem Wachsgussverfahren die Wachspatrize zerstört wurde und jedes Mal neu geschnitten werden musste. Seit Gutenberg wurden dauerhafte Metallpatrizen verwendet.

"Und das andere war, in Korea war es eine Technik des Hofes, während es in unseren Breitengraden einfach eine Technik des Alltags war, der Bürger war und deshalb auch eine solche gesellschaftliche Wirkmacht hat entfalten können."

Mit dem Buchdruck entstanden öffentliche Medien. Wissen wurde dauerhaft festgehalten und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Wie schwer das Dasein derjenigen war, die die gebundenen Seiten unters Volk brachten, das der Buchhändler, zeigt die Ausstellung ebenfalls. Kolporteure waren noch im frühen 19. Jahrhundert die wichtigsten Bücherlieferanten vor allem für die Landbevölkerung. Mit sogenannten Krätzen auf dem Rücken schleppten sie sich von Dorf zu Dorf. In den schweren Holzkästen waren bis zu 50 Exemplare: Religiöse Schriften, Kalender, Unterhaltung. Von der Zensur wurden sie misstrauisch beäugt und gehörten als Hausierer zu den Randgruppen der Gesellschaft.

Zensur ist auch ein Thema in der Neuzeit. Der Besucher erfährt etwas über Tarnschriften im Dritten Reich und im Kalten Krieg und lernt Victor Klemperer, den Kritiker der Nazizensur, als in Leipzig tätigen Zensor kennen.

Schließlich wird die atemberaubende Entwicklung der neuen Medien seit dem 20. Jahrhundert dokumentiert. Eine Entwicklung, die auch die Deutsche Nationalbibliothek vor ganz neue Herausforderungen stellt, sagt Direktor Michael Fernau.

"Anders, als man vielleicht annimmt, sind es nicht die großen Suchmaschinenbetreiber, die das Gedächtnis der Welt oder auch nur einer Nation bedienen würden, denn die haben schon die Berliner Zeitung von gestern, jedenfalls die Onlineausgabe auch nicht mehr verfügbar. Da sind sehr viele Sachen, wo wir ein Gedächtnis überhaupt erst aufbauen müssen für diese elektronischen Publikationen."

Auch die neue Ausstellung in Leipzig versteht sich als Medium, das sich ständig weiterentwickelt. Generaldirektorin Elisabeth Niggemann kündigte daher gestern an:

"In einer nächsten Ausbaustufe werden wir die Ausstellung als komplexen Wissenskosmos in die Welt senden. In Vorbereitung ist ein vernetztes mobiles Medienangebot. Diese Angebote werden sie dann einerseits in der Ausstellung selbst auf mobilen Geräten nutzen können, als auch überall in der Welt über Netze. Lassen Sie sich also überraschen, vor allem kommen Sie wieder, virtuell oder in Person."

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