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StartseiteKommentare und Themen der WocheHessen hat akutes Problem mit rassistischem Terror23.07.2019

Kette rassistischer TerrorakteHessen hat akutes Problem mit rassistischem Terror

Es ist kein Zufall, dass Hessen zum Brennpunkt rechten Terrors wurde, kommentiert Ludger Fittkau. Im Dreiländereck mit Niedersachen und Thüringen lebten besonders gewaltbereite Rechtsextremisten. Es sei gut, dass die Behörden das Problem nicht mehr klein reden.

Von Ludger Fittkau

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Ein Ortsschild steht an der Industriestraße des Industriegebiets der Stadt Wächtersbach. (dpa / Arne Dedert)
Ein 26-jähriger Eritreer wurde im hessischen Wächtersbach durch einen Bauchschuss schwer verletzt. (dpa / Arne Dedert)
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Hessen hat ein akutes Problem mit rassistischem Terror. Noch nicht einmal zwei Monate ist es her, seit der Kasseler CDU- Regierungspräsident Walter Lübcke vor seinem Haus erschossen wurde - mutmaßlich von einem Rechtsextremen, dem die flüchtlingsfreundliche Haltung Lübckes nicht passte.

Gestern nun wurde ein 26-jähriger Mann mit eritreischer Staatsangehörigkeit  durch Schüsse schwer verletzt - wieder in Hessen. Die Ermittler gehen von  Rassismus als Tatmotiv aus.

Kein Zufall

Sicher, viele der rund 190 Todesopfer rechtsextremer oder rassistischer Gewalt in den vergangenen drei Jahrzehnten  kommen auch aus anderen Bundesländern.

Es ist jedoch leider kein Zufall, dass Hessen in den letzten Monaten zum Brennpunkt fremdenfeindlichen Terrors wird. Denn: Im Dreiländereck Hessen, Niedersachen, Thüringen leben besonders gewaltbereite Rechtsextremisten, deren Verbindungen von hier aus ins Ruhrgebiet oder auch bis ins benachbarte Ausland reichen- etwa nach Tschechien.

"Combat 18" - das ist etwa der Name eines weitgehend im Untergrund agierenden Netzwerks fanatischer Rechtsradikaler, von denen einige in Hessen leben. "Combat 18" muss schleunigst verboten werden.

Doch damit allein wird das Problem rechter Terrordrohungen in Hessen nicht aus der Welt zu schaffen sein. Gerade im Main-Kinzig-Kreis, in dem gestern die Schüsse auf den jungen Mann aus Eritrea fielen, haben Morddrohungen auch gegen Politiker, die sich für Flüchtlinge einsetzen, eine traurige Tradition.

Erich Pipa, der langjährige SPD-Landrat des Kreises, erhielt wegen Morddrohungen gegen ihn zeitweise Polizeischutz. Weil er 2015 – auf dem Höhepunkt  der Flüchtlingsbewegungen – gesagt hatte: "Das Boot ist nicht voll". Heute ist Pipa pensioniert. Doch nach dem Mord an Walter Lübcke hat die Oberstaatsanwaltschaft Hanau die Gefährdungslage für den ehemaligen Landrat  neu überprüft.

Rechtsextreme Netzwerke

Die Täter im "Fall Pipa" sind bis heute nicht ermittelt worden. Man weiß nur, dass einige der Drohbriefe im östlichen Teil des Main-Kinzig-Kreises in die Briefkästen geworfen wurden. Die mit NSU 2.0 unterschriebenen  Morddrohungen  gegen die Anwältin Seda Basay-Yildiz in Frankfurt am Main deckten ein rechtsextremes Netzwerk in der hessischen Polizei auf. Einige der Beamten, gegen die immer noch ermittelt wird, leben nicht allzu weit vom gestrigen Tatort weg - im angrenzenden Vogelsberggebiet nämlich.

Hessen hat also ein massives Problem mit rassistischem Terror. Erfreulich immerhin, dass die ermittelnden Behörden das nicht mehr klein reden. Zur Zeit der NSU-Morde vor 13 Jahren war das in Hessen noch anders.

Im Falle des gestrigen Täters, der sich nach der Tat offenbar selbst tötete, gibt es zwar noch keine Spuren, die zu rechtsextremen Hintermännern führen. Doch die Ermittler betonen, dass man das eingehend überprüfen werde.  Spätestens seit dem Fall Lübcke sind Sicherheitsbehörden und Justiz in Hessen wachgerüttelt. Das ist die gute Seite einer schockierenden Häufung rassistischer Taten in diesem Bundesland.

 

Ludger Fittkau –  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

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