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StartseiteForschung aktuellGesund, aber ansteckend10.12.2013

Keuchhusten-ImpfungGesund, aber ansteckend

Die Erkrankungsfälle mit Keuchhusten steigen seit Jahren, obwohl immer mehr Menschen geimpft sind. Woran das liegen könnte, war für die Wissenschaft lange ein Rätsel. Jetzt zeigt eine Studie, dass der Impfstoff zwar vor der Krankheit schützt, nicht aber vor der Infektion.

Von Marieke Degen

Weiterführende Information

Der Forscher Tod Merkel hat eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die gute:

"Unsere Studie bestätigt, dass der aktuelle Keuchhusten-Impfstoff die Geimpften tatsächlich davor schützt, krank zu werden."

Jetzt die schlechte:

"Unsere Ergebnisse zeigen aber auch: Die Geimpften können sich trotzdem mit Keuchhustenerregern infizieren und andere damit anstecken."

Tod Merkel forscht bei der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA in Bethesda. Seine Ergebnisse könnten erklären, warum der Keuchhusten wieder auf dem Vormarsch ist - trotz hoher Impfraten. Es liegt wahrscheinlich an dem Impfstoff, der seit den 90er Jahren in Europa und in den USA eingesetzt wird. Dieser sogenannte azelluläre Impfstoff hatte damals den Ganzkeimimpfstoff abgelöst, weil der mit schweren Nebenwirkungen in Verbindung gebracht worden ist. Der azelluläre Impfstoff ist zwar besser verträglich, aber offenbar nicht ganz so effektiv.

"Wir haben getestet, wie gut der neuere, azelluläre Impfstoff vor Keuchhusten schützt - im Vergleich zu dem alten Impfstoff, in dem noch der ganze Keim enthalten war. Also haben wir Pavianen jeweils einen der beiden Impfstoffe injiziert, und sie danach gezielt mit Keuchhustenbakterien infiziert."

Die Affen erkrankten zwar nicht. Aber: Die Paviane, die den azellulären Impfstoff bekommen hatten, wurden den Erreger trotzdem nicht los. Die Bakterien besiedelten ihre Atemwege – ganze sechs Wochen lang.

"Auf lange Sicht brauchen wir einen Impfstoff der nächsten Generation"

"Dann haben wir uns gefragt, ob die geimpften Affen auch andere anstecken könnten. Eigentlich gingen wir nicht davon aus - weil sie ja keinerlei Krankheitssymptome hatten. Als wir die geimpften, mit Bakterien besiedelten Affen jedoch mit anderen zusammengesetzt haben, haben sie die tatsächlich angesteckt."

Doch warum ist der azelluäre Impfstoff so viel schwächer? Wahrscheinlich liegt es an seinem Design. Der Impfstoff enthält nur noch Bruchstücke vom Keuchhustenkeim, und die können das Immunsystem offenbar nicht genug anstacheln.

"Wir denken, dass die azelluläre Vakzine die Produktion von Antikörpern sehr gut ankurbelt, und dass das ausreicht, um die Impflinge vor dem Husten zu schützen. Das macht der ältere Ganzkeimimpfstoff auch, aber er regt zusätzlich die Bildung von T-Zellen und weißen Blutkörperchen an. Und offenbar braucht man diese zelluläre Immunantwort, um die Bakterien schnell wieder los zu werden."

Wenn sich die Studienergebnisse auf den Menschen übertragen lassen - und davon geht Tod Merkel aus - dann bedeutet das folgendes: Auch wenn die meisten Menschen gegen Keuchhusten geimpft sind, wird die Infektionskette nicht unterbrochen. Die Bakterien zirkulieren ungehindert weiter in der Bevölkerung.

"Und das erklärt den Anstieg der Keuchhustenfälle, denn je mehr die Erreger zirkulieren, desto wahrscheinlicher kommen empfängliche Menschen damit in Kontakt."

Die Menschen sollten sich jetzt erst recht gegen Keuchhusten impfen lassen, sagt Tod Merkel, auch mit dem azellulären Impfstoff. Denn dann werden sie wenigstens nicht krank, wenn sie die Bakterien aufschnappen.

"Auf lange Sicht brauchen wir aber einen Impfstoff der nächsten Generation. Einen, der nicht nur vor der Krankheit schützt, sondern auch vor der Infektion."

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