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StartseiteKultur heuteTanzen in der Einsamkeit05.01.2015

Kibbutz Contemporary Dance CompanyTanzen in der Einsamkeit

Unweit der libanesischen Grenze hat im Kibbutz Ga'aton die Kibbutz Contemporary Dance Company ihre Schulen. 400 Schüler werden hier täglich im Tanz unterrichtet - und die Company ist zwei Drittel des Jahres weltweit auf Tour.

Von Christian Gampert

Tänzer der Kibbutz Contemporary Dance Company proben am 04.04.2013 im Kraftwerk in Wolfsburg (Niedersachsen) für die Deutschlandpremiere des Stückes "If at all" im Rahmen der Movimentos-Festwochen.  (picture alliance / dpa / Armin WeigelPeter Steffen)
Tänzer der Kibbutz Contemporary Dance Company bei Proben. (picture alliance / dpa / Armin WeigelPeter Steffen)

Der Winter kann in Galiläa kühl sein, aber diesmal waren die Temperaturen frühlingshaft. Der Kibbutz Ga'aton liegt acht Kilometer von der Grenze zum Libanon entfernt, in leicht hügeligem Gelände. Das Meer ist nah, Haifa und Akko sind in Reichweite.

Ga'aton ist das Kontrastprogramm zu Tel Aviv, wo Tag und Nacht das wilde Leben tobt, und nicht nur das Kulturleben. Wer in Ga'aton wohnt, der entscheidet sich für die Einsamkeit und die Konzentration. Ideale Bedingungen für die Kibbutz Contemporary Dance Company, die fast zwei Drittel des Jahres weltweit auf Tour ist, im März auch wieder in Deutschland.

Zu Hause aber muss stringent geprobt werden; neben dem täglichen Training arbeitet der Choreograf Rami Be'er auch an Musik und Lichtdesign. Be'er wurde 1954 hier im Kibbutz geboren, Sohn einer ungarischen Architektenfamilie – und künstlerisch ist er der Ziehsohn von Yehudit Arnon, der Gründerin der Tanzcompagnie.

"Ich bin hier geboren. Meine Eltern kamen mit derselben Einwanderergruppe wie Yehudit, 1948. Sie kamen nach dem Holocaust aus Osteuropa auf diesen nackten Hügel hier. Sie wollten ein neues Leben beginnen und gründeten diesen Kibbutz. Und sie wollte die Leute zum Tanzen bringen."

Yehudit Arnon, die 2013 im hohen Alter von 87 Jahren starb, hat mehrere Konzentrationslager überlebt, auch Auschwitz und Birkenau. Da sie im KZ in den Baracken tanzte, sollte sie auch am Weihnachtsabend 1944 für die deutschen Offiziere tanzen. Sie weigerte sich – und wurde barfuß hinausgeschickt in den Schnee.

"Und sie schwor, dass sie ihr Leben dem Tanz und der Erziehung junger Leute zum Tanz widmen wollte, wenn sie das Lager überleben würde."

Gelübde für den Tanz

Dieses Gelübde hat sie gehalten. Aus den gemeinschaftsstiftenden Volkstänzen im Kreis, die oft auch arabische Traditionen aufnahmen, entwickelte Arnon ab 1970 ein an den Modern Dance angelehntes expressives Bewegungsvokabular, das für den Einzelnen eine ganz neue Freiheit eröffnete. Rami Be'er ist da als Jugendlicher hineingewachsen, in den Tanz und in die damals noch sozialistischen Kibbutz-Ideale.

"Und ich führe das weiter. Ich habe mich entschieden, hier in Israel zu leben, im Kibbutz, und die Kibbutz Contemporary Dance Company und auch das Tanz-Dorf weiterzuentwickeln. Das erste Tanzstudio war 20 Meter von hier. Ich kann es dir zeigen. Dieses kleine Gebäude da, das wurde ursprünglich für die Lagerung von Tabak benutzt. Da begann Yehudit ihre Tanzaktivitäten."

Be'er war ursprünglich Cellist, noch heute spielt er am Wochenende mit seinen Eltern und Geschwistern Kammermusik. Ansonsten ist er ein weltweit gefragter Choreograf – und trotzdem von kaum überbietbarer Schüchternheit und Bescheidenheit. Er könnte in Paris oder New York leben; stattdessen baute er die ehemalige Kibbutz-Kantine zum Tanzareal um. Dort probt gerade die Junior Company.

"Die Musik, die du da hörst, kommt aus unterschiedlichen Studios. Wir haben hier in unserem Tanzdorf neun verschiedene Studios. Jeden Tag trainieren hier etwa 400 Tänzer, professionelle und solche in Ausbildung, und Kinder, die in der Tanzschule sind."

Ort für professionellen Tanz - und Freude am Tanz

Ja, man kann hier eine Tanz-Ausbildung machen – wenn man die Aufnahmeprüfung besteht. Man kann auch in der Fabrik arbeiten. Oder in der Kneipe. Man kann Tabak oder Avocados anbauen. Aber im Grunde sind hier alle Mover, Bewegungssüchtige.

"Wir haben hier die Einstellung, dass Bewegung und Tanz für Stärke und Energie im Leben sorgen. Nicht nur für professionelle Tänzer, sondern für jedes menschliche Lebewesen. Bewegung und Tanz, das bedeutet Leben."

Im großen Theater des Kibbutz zeigt die Company Teile ihres neuesten Stücks; gleich darauf bewegt sich auf der riesigen Bühne ein Tanz-Workshop. Eines allerdings muss man hier aushalten: Ga'aton liegt unmittelbar hinter der Grenze – die Raketen der libanesischen Hisbollah sind hier schon öfter eingeschlagen. Rami Be'er ist trotzdem optimistisch: Er glaubt an die Zweistaatenlösung und die friedliche Koexistenz mit den Palästinensern. Und nach den israelischen Wahlen im März werde sowieso alles anders.

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